RBB-Beiträge zu Berliner Lagern

10.10.12 RBB-Abendschau
Berliner Flüchtlingsunterkünfte an der Grenze ihrer Kapazität

Fernsehbeitrag

Die Lebenssituation für Asylbewerber ist auch in Berlin äußerst angespannt. Täglich kommen etwa 50 neue Asylsuchende an, die hier auf Hilfe und Unterstützung hoffen. Doch einige Bezirke stoßen bei der Unterbringung längst an ihre Grenzen.
Wie steht es um die Unterbringung von Asylbewerbern in Berlin? Welche Möglichkeiten gibt es, die derzeitige Situation zu ändern? Fragen hierzu an unseren Gast im Studio: Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales.

10.10.12 RBB-Klartext
Wohin mit den Flüchtlingen?

Fernsehbeitrag

Asylbewerber in Berlin werden demnächst in leerstehenden Schulen und ehemaligen Gefängnissen wohnen. Offenbar hat das Land völlig verschlafen, dass die Zahlen der Asylbewerber seit Jahren wieder steigen. Allein in diesem Jahr sind schon knapp 2500 Flüchtlinge neu nach Berlin gekommen. Sie treffen auf überfüllte Heime, Kinder bekommen keine Ausbildungs-, Kita- und Schulplätze. Die Politik schaut zu, ohne aktiv zu werden.

In Syrien herrscht Krieg, genau wie in Afghanistan oder davor in Libyen. Alles weit weg, könnte man meinen. Aber die Umwälzungen in der islamischen Welt haben Auswirkungen auch hier bei uns. Die Zahl der Flüchtlinge steigt wieder, und sie steigt deutlich: allein im vergangenen Jahr um 10 Prozent. Die Politik aber reagiert darauf zu wenig und zu langsam.

Das Haus ist voll: Die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Lichtenberg ist bis auf den letzten Platz belegt. 350 Asylbewerber leben hier, gut die Hälfte sind Kinder und Jugendliche. Obwohl hier erst vor einem Jahr alles modern und freundlich eingerichtet wurde, ist es für die einzelnen Flüchtlinge eng.

Zum Beispiel bei Aze B. aus Tschetschenien. Eigentlich sollte die fünfköpfige Familie zwei Zimmer bekommen, damit die Mutter auch einmal für sich sein kann. Doch Aze lebt mit ihren 4 Kindern in einem Raum von gut 20 Quadratmetern.

Aze B. erzählt uns ihre Geschichte. Die Familie kommt aus Grosny. Im Januar wurde der Vater der Kinder des Nachts aus der Wohnung verschleppt. Von wem und wohin, das weiß die Mutter nicht. Drei Monate später, im März, sei sie aus Grosny geflohen und zunächst nach Polen gegangen.

Während sie erzählt kommen ihr plötzlich die Tränen. Ob die Kinder das alles hören müssen, fragt die Dolmetscherin. Nein, müssen sie nicht. Ausnahmsweise verlassen die älteren Töchter das Zimmer, ausnahmsweise kann ihre Mutter einmal über ihre eigenen Verletzungen sprechen.

Dolmetscherin
„Ende Januar ist sie in ein Dorf gegangen und sie war zu der Zeit schwanger. Sie wurde mitgeschleppt von jemandem und vergewaltigt und sie hat das Kind auch verloren.“

Tamile, der Jüngste, ist einfach eingeschlafen – seine Art, sich vor Belastung zu schützen. Aze B. möchte ihren Kindern ihren Kummer nicht zumuten. In der Enge des Wohnheims hat sie aber keinen Platz, sich zurückzuziehen, um mit ihren Gefühlen fertig zu werden.

Sogar in einer solchen Baracke in einem Gewerbegebiet in Prenzlauer Berg lässt das Land Berlin vorübergehend Asylbewerber unterbringen. Ein Notbehelf, 20 Etagenbetten in zwei Räumen stellt das Deutsche Rote Kreuz hier zur Verfügung.

Und in dieser ehemaligen Schule hatte das Rote Kreuz letzte Woche auf Bitten des Landes 50 Feldbetten für Flüchtlinge aufgestellt – für das DRK eine Art Katastrophenhilfe wie bei einer Bombenentschärfung. Mittlerweile wird hier ein Wohnheim von einem privaten Betreiber eingerichtet, offenbar mit WC-Containern auf dem Schulhof.

Hält die Senatsverwaltung dies für angemessene Unterkünfte? Frage an den Staatssekretär für Soziales.

Michael Büge (CDU)
Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
„Die Frage, ob eine Unterkunft angemessen ist oder nicht angemessen ist, ist sehr relativ zu beantworten. Wir haben zurzeit mehr Flüchtlinge als wir Kapazitäten haben. Wir sind auf ständiger Suche nach neuen Kapazitäten in allen zwölf Bezirken und gegebenenfalls müssen wir hier und da dann auch Abstriche, was die Qualität der Wohnräume betrifft, vornehmen.“

Abstriche machen, zusammenrücken, damit alle ein Dach über dem Kopf haben – das hört sich plausibel an. Dennoch kann man es hier nicht mehr hören: in Berlins Erstaufnahmelager in Spandau. Ein Provisorium aus den achtziger Jahren, das vor fast 20 Jahren hätte geschlossen werden sollen – spätestens aber 2011, als das Haus in Lichtenberg eröffnet wurde.

Zurzeit leben hier dennoch 537 Menschen. Eigentlich ist nur Platz für 400.

Unter ihnen diese Familie aus Syrien. Die Kinder, fünf und zwölf Jahre alt, haben Krieg und Zerstörung in Aleppo erlebt. Über die Türkei kamen sie nach Deutschland.

Alina
„Es ist Krieg, es ist viel Problem. Ich war in Aleppo und viele Leute gehen aus Aleppo. It’s problem. Ich fürchte mich, nach draußen zu gehen – und meine Kinder… Und ich weiß nicht – mein Mann geht – ich weiß nicht, kommt zurück oder nein?“
KLARTEXT
„Sprechen Sie mit ihren Kindern noch über den Krieg?“
Alina
„Ja, und ich habe keine Antwort, warum wir haben kein Haus, warum – ich habe keine Antwort.“

Seit 5 Wochen lebt die Familie jetzt auf knapp 30 Quadratmetern. Es gibt kaum Spielzeug, die Eltern dürfen nicht arbeiten. Die Ausstattung ist denkbar einfach. Mutter Alina macht sich Sorgen: Werden sie in Deutschland bald wieder ein normales Leben führen können?

Alina
„Viele Probleme in meinem Kopf, für Psychologie ist es schwierig. Ich kann nicht schlafen. Mein, unser Leben ist in euren Händen.“

Die syrische Familie will nur eins: möglichst bald raus aus dem Heim, in eine eigene Wohnung.

Doch das wird schwierig. Berlins kommunale Wohnungsbaugesellschaften verfügen über 270.000 Wohnungen. 275 davon sollen sie für Asylbewerber im Jahr zur Verfügung stellen. Doch bisher haben es nur 61 Flüchtlingsfamilien in die eigenen vier Wände geschafft.

Ein Problem: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales gibt Flüchtlingen, die auf Wohnungssuche sind, dieses Schreiben. Dort heißt es:

Zitat
„Kautionen … werden grundsätzlich nicht übernommen.“

Und dann, sagt der Flüchtlingsrat Berlin, dann bekomme eben jemand anders die Wohnung. Denn welcher Hauseigentümer lasse sich auf Mieter ein, die keine Kaution zahlen können.

Georg Classen
Flüchtlingsrat Berlin
„Und dann haben wir eben diese Sammelunterkünfte, diese Obdachlosenunterbringung, diese Notunterkünfte und dann wird hier künstlich – auch sichtbar eben – eine Not erzeugt, die nicht sein muss.“

6-Bettzimmer für ganze Familien – das muss nicht sein. Auch nicht für Flüchtlinge.

Beitrag von Andrea Everwien
Fernsehbeitrag