15.11.2012 Zeit: Müssen die Ossis dran glauben?

15.11.2012 Zeit: Müssen die Ossis dran glauben?

Den neuen Ländern fehlt es an christlichen Werten – das hat fatale Folgen, findet unsere Autorin. Polemik einer Zugereisten

Es sind nur sieben Worte. »Vielleicht sollte man denen die NPD vorbeischicken.« Krass, raunt mein Mann, echt krass. Er schiebt mir das iPad mit seiner geöffneten Facebook-Seite herüber. Sven, ein Kumpel aus dem Ruderverein, hat diese sieben Worte gepostet. Es ist sein Kommentar zu einer Nachricht, die wie ein Gespenst durch unseren Kiez spukt: Mitten in Köpenick gibt es ein Flüchtlingsheim. Ausgerechnet in die Räume eines ehemaligen Bürgeramtes hatte der Senat die Neuankömmlinge einquartiert. In einen Plattenbau vis-à-vis dem Bahnhof.

Keiner fragte sie, woher sie kommen. Viele glaubten es schon zu wissen. Sven zum Beispiel. »Sinti und Roma« seien das, sagt er, als wir uns im Ruderclub treffen. In seinem Gesicht spiegelt sich Wut. Diese Leute seien nur gekommen, um den Staat »abzuzocken«, seien Hartz-IV-Betrüger. »Woher willst du das wissen?«, fragte ich. »Na, guck sie dir doch an. Goldkettchen tragen die. Denen geht es doch gut.«
Im Internet wird Sven noch unflätiger. Von »Drecksasylanten« schreibt er auf Facebook. Mein Mann schaut mich an. Ich schaue ihn an. War das der Sven, den wir kannten? Ein netter Kerl, dachten wir. Ende 30, Abitur, BWL-Studium, krisensicherer Job in einer Behörde, geschieden, zwei Kinder. Wenn das Auto nicht anspringt oder der Wasserhahn leckt, Sven hilft.
Vor einigen Jahren sind wir aus dem hohen Norden der Republik in den Osten Berlins gezogen. Nie hätten wir geglaubt, dass auf diesem Ort ein unsichtbarer Schatten liegen könnte. Ausgerechnet hier, in der Großstadt, beginne ich, die Nächstenliebe zu vermissen. Dabei ist Köpenick ein Refugium, es gibt viel Licht, viel Grün. Es ist ein Kiez, in dem jeder jeden kennt; in der Mitte ein Bäcker, zwei Cafés und eine Kirche. Eine mächtige Glocke taktet den Tag in Viertelstunden. Das ist unser Zuhause.
Die Kirche, so dachten wir bisher, spielte in unserem Leben keine große Rolle. Wir sind beide getauft und konfirmiert, sogar geheiratet haben wir mit Gottes Segen. Aber im Gottesdienst waren wir schon lange nicht mehr. Mein Verhältnis zu Gott ist ein pragmatisches. Man muss nicht mit der Bibel unterm Kopfkissen schlafen, um zu wissen, wie man durchs Leben navigiert. Wozu hat man Werte?
Meine Mutter, Jahrgang 1944, war ein Flüchtling. Sie wuchs als achtes Kind einer Vertriebenenfamilie in der norddeutschen Tiefebene auf, in einer Barackensiedlung mit Plumpsklo. Sie war an diesem Ort nicht willkommen, das ließ man sie spüren. Es ging ihr ähnlich wie heute den Ankömmlingen in dem Heim in unserem Kiez. »Pollacken«, so nannte man die Neubürger aus Ostpreußen. Es war ein Stigma, meine Mutter versuchte ihr Leben lang, es loszuwerden. Ihr Haus stand immer offen für andere. Sie ermutigte uns, die Welt zu bereisen und Vorurteilen zu misstrauen. Ich habe mich nie gefragt, ob das praktiziertes Christentum ist.
Diese Frage holte mich erst ein, als wir vor zehn Jahren nach Ostberlin zogen. Werte, von denen ich dachte, sie seien selbstverständlich, galten hier für andere nicht. Oder spricht aus dieser Diagnose die Arroganz des Wessis?

»Ohne Gott ist alles erlaubt«, schrieb Dostojewski. Das erklärt manches
Brandenburgs früherer Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) beklagte 2005, dass der real existierende Sozialismus eine moralisch verlotterte Gesellschaft zurückgelassen habe. Heute glaube nur noch jeder Dritte im Osten an Gott. Der Generalleutnant a. D. war damals schon für seinen forschen Ton und einen gewissen Mangel an Feingefühl bekannt. Mit Repressionen gegen die Kirchen, kritisierte er, habe das greise Politbüro die Gesellschaft »entchristlicht«. Verbindliche Moralregeln und grundlegende Werte seien verloren gegangen.
Das Fehlen von Religion – ist es das, was unsere Nachbarn von mir und meinem Mann trennt? Die These vom moralstabilisierenden Charakter der Religion hat schon der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski vertreten. Es war seine Erklärung für die eigene Verwandlung vom Revolutionär zum Christen: »Ohne Gott ist alles erlaubt.« Als Politikwissenschaftlerin hätte ich es nie gewagt, diesen Satz zu unterschreiben. Gibt es nicht Unmenschliches, das auch und gerade in christlichen Ländern geschehen ist? Haben nicht nur in Rostock-Lichtenhagen, sondern auch in Solingen und Mölln die Häuser von Migranten gebrannt?
Für meine Examensarbeit habe ich die Rolle der evangelischen Kirche bei der friedlichen Revolution in der DDR untersucht. Ich bin Menschen begegnet, die ihr Leben riskierten, um genau jene Werte und Regeln zu verteidigen, die ich nun im Alltag vermisse. Bürgerrechtler, Schriftsteller, Künstler, Pastoren. Ihr Kampf war gelebte Demokratie.

Gastfreundschaft muss man hier noch lernen
Ich frage mich, ob Christen die besseren Menschen sind. Führte die säkulare Ethik der DDR tatsächlich dazu, dass sich ihre Bürger nur über Konformität definierten? Nein, sagt der katholische Sozialphilosoph Hans Joas klar und deutlich. Erstens, hält er dagegen, zehre das moralische Fundament säkularer Staaten latent von christlichen Werten. Zweitens könnten sich auch nichtreligiöse Menschen solche Werte zu eigen machen. Sie entstünden nämlich überall dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenlebten, »aus der Erfahrung gelungener Kooperation«.
Der Publizist Andreas Püttmann, Autor des Buches Gesellschaft ohne Gott, behauptet das Gegenteil. Er stützt sich auf eine ganze Reihe von Umfragen über die Korrelationen zwischen Sozialverhalten und religiöser Einstellung. Danach tauchen religiös geprägte Menschen nicht nur weniger in den Kriminalstatistiken auf als andere, sie sind auch hilfsbereiter und weniger materialistisch.
Hartmut Wittig ist seit 1985 evangelischer Pfarrer in Berlin-Hellersdorf. 60 Jahre, Vollbart, Berliner Schnauze. Seine Kirche hat keinen Turm. Es ist ein Gemeindehaus, das versteckt in einer Plattenbausiedlung liegt.
Wittig sagt, gerade habe eine Frau einen Hilferuf auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie stecke in einer tiefen Krise. Ihr Name stand in keiner Kartei, sie war also kein Mitglied der Gemeinde. Hartmut Wittig müsste sie nicht zurückrufen. Er tut es trotzdem, das versteht sich von allein. »Ich bin Seelsorger«, sagt er.
Wittig kennt das noch aus der DDR: Die evangelische Kirche, sie sei ein Anker für all jene gewesen, die dem Sozialismus nicht als nützlich erschienen. Bedingungslos gehorsam und leistungsfähig musste der Musterbürger sein, jederzeit bereit, eigene Bedürfnisse hinter das vermeintliche Allgemeinwohl zurückzustellen. Ein Rädchen in der Maschine Staat. Für Behinderte oder Alte sei in diesem System kein Platz gewesen. Die habe der Staat gerne der Kirche überlassen.
Hartmut Wittig lächelt gequält. Er sagt: »Die Kirche muss sie versorgen – dieses Bewusstsein sitzt bei vielen heute noch drin.«

Gastfreundschaft, sagt der Pastor, müsse man hier noch lernen
An einem Wochentag im Oktober ist die evangelische Kirche in meiner Gemeinde voller als an Heiligabend. Der Pastor hat zu einer Fragestunde eingeladen. Es geht um das Flüchtlingsheim im Ort. Es ist das Thema, das die Menschen in unserem Kiez bewegt.
Auch unser Ruderfreund und Nachbar Sven kommt hin. Die Bänke sind bis auf den letzten Platz besetzt. Die Atmosphäre ist gespannt. So weit sei es schon gekommen, dass man nicht mal mehr im eigenen Hause sicher sei, sagt einer der Anwesenden. Das Sinti-und-Roma-Gesocks, es lungere jetzt schon im Park herum. Seit die da seien, habe es schon drei Einbrüche gegeben. Frauen und Kinder trauten sich gar nicht mehr aus dem Haus. Und deshalb, er holt tief Luft, deshalb müssten die weg.
Die, das sind 120 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien, Serbien, dem Iran, Tschetschenien oder Afghanistan, die Hälfte davon Kinder, viele traumatisiert. Warum sie der Senat ausgerechnet in einer ehemaligen Schule zusammengepfercht hat, ohne genügend Duschen und Toiletten, die Frage kann keiner beantworten.
Vom Senat ist niemand da. Die Bezirkspolitiker sind wütend. Sie behaupten, man habe sie überrumpelt. Von einer Notlösung ist die Rede und davon, dass man dem Senat längst kleinere und besser ausgestattete Unterkünfte in Randlage vorgeschlagen habe.
Der Heimleiter bittet um Spielzeug und warme Bekleidung für die Bewohner, der Pastor appelliert an das Mitgefühl. Der Mann aus dem Zeitungskiosk lässt ihn nicht ausreden. Dies sei eine Bürgersprechstunde, keine Predigt, brüllt er. »Jawoll«, raunen zwei Rentnerinnen mit Strickmützen, und eine junge Mutter pflichtet ihnen bei. Ein Mann fragt mit badischem Singsang: »Leute, wovor habt ihr eigentlich Angst?«
Zu DDR-Zeiten, sagt Pfarrer Hartmut Wittig, habe es kaum Ausländer in der DDR gegeben – und wenn doch, habe man sie von den Bürgern isoliert. Vertragsarbeiter aus Kuba oder Mosambik. Die Völkerfreundschaft sei staatlich verordnet worden – und das von einem Regime, dem viele zutiefst misstrauten. Gastfreundschaft, sagt der Pastor, das müsse man jetzt eben noch lernen, auch in meiner Gemeinde. Ein Runder Tisch soll her, schon nächste Woche wollen wir uns wieder in der Kirche treffen, um zu beratschlagen, was wir tun können, um zu helfen – nicht nur den Neuankömmlingen, auch den Nachbarn, die Front machen gegen sie.
Ich hoffe, dass Sven dann auch wieder dabei ist. Dass es uns gelingt, ihn dazu zu überreden, mit ins Flüchtlingsheim zu kommen, zu den »Drecksasylanten«, wie er auf Facebook geschrieben hat.
»Du, Sven. Warum sollte ausgerechnet die NPD in dem Heim vorbeischauen?«, schreibe ich unter seine Nachricht.
»Mensch, Nele«, antwortet Sven. »Das war ein Witz. Hast Du nicht den Smiley hinter dem Kommentar gesehen?«

Auf Wunsch der Autorin wurden ihr Name und der ihres Bekannten Sven von der Redaktion geändert

http://www.zeit.de/2012/47/Ostdeutschland-Glaube-Gott/seite-1