18.12.12 Die Welt: Zuflucht in Berlin

18.12.12 Die Welt: Zuflucht in Berlin

Afghanistan wäre für die 19-Jährige zu gefährlich. In ihrer Heimat droht der jungen Schauspielerin der Tod, weil sie bei der Aufführung eines Theaterstücks in Schweden mehr Rechte für afghanische Frauen gefordert hatte: Rückreise an den Hindukusch unmöglich. Nun ist sie mit ihren zwei jüngeren Schwestern als Flüchtling in Berlin gestrandet – wie viele andere auch, die in diesen Tagen nach Deutschland geflohen sind. Die zwei Erstaufnahmestellen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Hauptstadt sind hoffnungslos überfüllt.

Im Berliner Stadtteil Lichtenberg wartet die junge Afghanin nun auf den Ausgang ihres Asylverfahrens. Sie denkt viel über ihren Theaterauftritt nach, der über Internet nach Kabul übertragen wurde. Danach überfielen Unbekannte ihr Büro. Ein Mann starb, eine Frau überlebte schwer verletzt. Als die 19-Jährige bei einem Zwischenstopp in Deutschland von dem Vorfall hörte, brach sie ihre Rückreise ab – und blieb in Berlin. Es ist eine von vielen Geschichten in dem Erstaufnahmeheim in Lichtenberg.

Überfüllte Aufnahmestellen
Eigentlich sollte es die Unterkunft in der Motardstraße in Spandau ersetzen. Weil es in der Hauptstadt aber immer mehr Flüchtlinge wie die junge Afghanin gibt, sind mittlerweile beide Häuser bis auf den letzten Platz belegt. 550 Personen wohnen in der Einrichtung in Spandau, 350 sind es in Lichtenberg. Zehn zusätzliche Notunterkünfte für gestrandete Flüchtlinge in Berlin sollen nun verhindern, dass Menschen auf der Straße leben müssen. Seit Wochen demonstrieren Asylbewerber am Brandenburger Tor bei teilweise frostigen Temperaturen für eine neue Asylpolitik.
Die steigenden Flüchtlingszahlen in der Hauptstadt hatten unlängst eine Debatte über die Unterbringung von Neuankömmlingen ausgelöst. Lichtenberg ist Spitzenreiter. Dort ist es bereits schwierig, allen schulpflichtigen Kindern aus Flüchtlingsfamilien einen Platz an Schulen anzubieten. Die Opposition im Abgeordnetenhaus warf daraufhin Sozialsenator Mario Czaja (CDU) Versäumnisse vor. Der Politiker selbst verwies auf 5.000 Betroffene, die in Berlin in Gemeinschaftsunterkünften lebten. Obdachlose gebe es nicht, allerdings seien die Flüchtlinge in der Stadt nicht gerecht verteilt, räumte er ein.

Steigende Flüchtlingszahlen seit 2010
„4.000 Menschen sind es aktuell in Berlin, die auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. 1.200 davon wohnen allein in Lichtenberg“, sagt die Geschäftsführerin vom Kreisverband AWO Berlin-Mitte, Snezana Prvulovic-Hummel. Die Arbeiterwohlfahrt ist Träger der beiden Erstaufnahmestellen, in denen Flüchtlinge bis zu drei Monaten leben, bis sie in eine dauerhafte Unterkunft vermittelt werden oder wieder den Weg in ihr Heimatland antreten müssen. „Bereits seit 2010 stellen wir einen teils drastischen Zuwachs fest“, erinnert sich Prvulovic-Hummel.
Einige der Flüchtlinge werden wohl wieder in Lichtenberg landen – wenn sie Glück haben und nicht in leer stehenden Turnhallen und Schulen einziehen müssen, wo viele aktuell einen Platz finden. In der erst im Februar dieses Jahres eröffneten Unterkunft der AWO „ist uns ein respektvoller Umgang mit Menschen wichtig“, betont Leiterin Birgit Bauer. Oft höre sie, in dem Heim in Lichtenberg sei es viel heller und sauberer als in anderen Unterkünften. Neun Quadratmeter stehen jedem Erwachsenen zu, vorgeschrieben sind sechs. Im Erdgeschoss gibt es behindertengerecht ausgebaute Sanitäranlagen und ein WC für Kinder.

Den Alltag neu strukturieren lernen

Auf Zetteln, die am Eingang zum Fahrstuhl hängen, werden Deutschkurse angekündigt. „Damit die Flüchtlinge lernen, sich in der neuen Welt etwas zu verständigen“, begründet Prvulovic-Hummel das Angebot. Meist sind es Studenten, die den Neuankömmlingen die fremde Sprache vermitteln. Zudem lernen die Flüchtlinge, wie sie ihren neuen Alltag strukturieren. „Sie sind zur Untätigkeit gezwungen“, sagt die Geschäftsführerin. In ihrer Heimat hätten die Männer für ihre Familien gesorgt. In Deutschland erhalten sie nun etwas Taschengeld. „Deshalb ist es wichtig, Menschen eine neue Rolle zu geben.“
Wiederum andere Flüchtlinge verarbeiten in Gesprächen mit Psychologen erlebte Traumata. „Manche möchten und können auch nicht darüber sprechen“, sagt die Leiterin, während Flüchtlinge in die Cafeteria strömen und auf das Mittagessen warten. Viele Flüchtlinge lernen in der Unterkunft für Deutsche selbstverständliche Dinge: Wie bediene ich eine Waschmaschine, einen Computer oder auch so einfache Dinge wie eine Toilette.

http://www.welt.de/newsticker/news3/article112094134/Zuflucht-in-Berlin.html