07.02.2013 Der Nordberliner: Alte müssen raus, Flüchtlinge dürfen rein

07.02.2013 Der Nordberliner: Alte müssen raus, Flüchtlinge dürfen rein
Marie-Schlei-Haus wird neuer Nutzung überführt

WITTENAU. Die Nachbarschaft des Marie-Schlei-Hauses im Eichborndamm 124 läuft Sturm. Angehörige der Bewohner sind entsetzt. Die Bewohner selbst sind in vielen Fällen zu alt, um zu begreifen, was hier vor sich geht. Und selbst in der Redaktion des NORD-BERLINER stehen die Telefone nicht mehr still. Das E-Mail-Postfach läuft über.

In der vergangenen Woche lud das Marie-Schlei-Haus die Angehörigen der schwerstpflegebedürftigen und dementiell erkrankten Bewohner ein, um ihnen mitzuteilen, dass das Marie-Schlei-Haus voraussichtlich zum 31. März die Betreuung der Senioren einstellen wird. Stattdessen soll das Haus danach als Unterbringung für Flüchtlinge dienen.
Eine Angehörige informierte in ihrer Not umgehend den NORD-BERLINER. Weitere Leser meldeten sich, nachdem sie informiert wurden. „Unfassbar, wie man mit alten Menschen umgeht. Sie werden einfach abgeschoben. Ich bin schockiert“, sagte ein Anrufer.
Mit dem Hinweis, die Veranstaltung sei nur für die Angehörigen, und der Frage, woher die Information dazu überhaupt käme, verwehrte die Heimleitung der NORD-BERLINER-Redakteurin den Zutritt.
Dass die Senioren ausziehen müssen und die AWO-Einrichtung als Seniorenwohnheim aufgegeben wird, bestätigte auch Stadtrat Andreas Höhne. Unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt (AWO), zu der das Marie-Schlei-Haus gehört, leben derzeit etwa 80 Menschen. „Nach meinem Kenntnisstand ist das Haus seit Jahren nicht voll belegt. Es gibt 115 Plätze, von denen in den letzten Jahren dauerhaft wohl nur etwa 70 bis 80 beansprucht wurden. Nach der Sanierung ging es auch nicht darüber hinaus. Die Angestellten leisten hervorragende Arbeit, trotzdem war die Einrichtung bei weitem nicht ausgelastet. Es ist völlig logisch, dass die AWO das Haus auf andere Füße stellen will“, sagte Höhne auf Anfrage des NORD-BERLINER. Jetzt sei die AWO auf den „Zug der Flüchtlingsdiskussion gesprungen.“ Schon lange gibt es riesige Schwierigkeiten mit diesem Thema. Reinickendorf steht in der Kritik, nicht genug Flüchtlinge aufzunehmen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass ein Bezirk über entsprechend viele leerstehende Gebäude verfügt. Das ist in Reinickendorf nicht der Fall (der NORD-BERLINER berichtete). „Die AWO hat sich in dieser Situation wohl dazu entschlossen, die Flüchtlinge, bei denen es sich um Menschen mit einem besonderen Schutzbedürfnis handelt, hierher zu bringen. Und letztendlich entscheidet die AWO, wer hier untergebracht wird. Soweit mir bekannt, soll es nun eine Zusammenarbeit mit dem Petrus-Werk geben“, so Höhne. Bauliche Veränderungen soll es nicht geben, obwohl etwa 220 Flüchtlinge demnächst hier einziehen sollen.
Hinsichtlich der geplanten Unterbringung von Flüchtlingen in der Waldstraße sagte Höhne, dass der Insolvenzverwalter die Nutzung als Flüchtlingsheim untersagt habe. Damit ist dieser Standort vom Tisch. Die Nutzung der Heiligensee-Schule als Flüchtlingsunterkunft/Der NORD-BERLINER berichtete) werde vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) erst aufgegeben, wenn eine Unterkunft mit dauerhaft ausreichenden Zahl für zu belegende Plätze öffnet oder die Schule wieder als Schule genutzt werden muss. „Das Gebäude war eigentlich als Notunterkunft gedacht, besteht aber schon jetzt dauerhaft“, sagt Höhne.
Jedem Bewohner des Marie-Schlei-Hauses werde ein Angebot für die Unterbringung in einer eigenen Einrichtung der AWO gemacht. Das muss allerdings nicht unbedingt in Reinickendorf sein. Außerdem kooperiere die AWO dazu mit anderen Einrichtungen, die über freie Kapazitätenverfügen. bis

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