07.05.2013 Welt: Für Asylbewerber wird es eng

07.05.2013 Welt: Für Asylbewerber wird es eng
In Charlottenburg-Wilmersdorf gehen 340 Plätze für Flüchtlinge verloren. Das Landesamt sucht nach Ersatz

In Windeseile mussten die Mitarbeiter der „Prisod Wohnheimbetriebs GmbH“ das neue Asylbewerberheim in Reinickendorf mit dem Allernötigsten einrichten: neue Betten, eine kleine Grundausstattung mit Geschirr und Pfannen für jedes Zimmer, Herde für die Gemeinschaftsküchen. Vergangenen Freitag zogen dort die ersten 130 Asylbewerber ein. Darunter viele Kinder. Sie grüßen höflich, wenn sie vorbei am Wachschutz ihr neues Zuhause betreten. Die meisten der dort untergebrachten Flüchtlinge haben vorher im Heim an der Wilmersdorfer Straße gelebt. Doch das steht nicht mehr zur Verfügung. Der Eigentümer will dort neu bauen.

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gehen fast 340 Plätze für Asylbewerber verloren, weil Heime aufgegeben werden müssen. Angesichts der ohnehin fehlenden Plätze von mindestens 1200 berlinweit – so viele Menschen leben in Not- statt in Dauerunterkünften – wird die Lücke noch größer. Die Senatsverwaltung und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sind verstärkt auf der Suche nach neuen Unterkunftsmöglichkeiten. Doch das gestaltet sich schwierig. So möchte der Eigentümer des Jugendhotels Central an der Nikolsburger Straße in Wilmersdorf das Haus als Flüchtlingsheim betreiben, doch das Bezirksamt lehnt die Nutzungsänderung ab. „Es handelt sich um das ehemalige Jugendgästehaus des Bezirks Wilmersdorf. Bei dem Kauf der Immobilie hat der Käufer sich vertraglich verpflichtet, das Haus nur für die Jugendnutzung zu betreiben“, sagt Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU). Anwohner unterstützen den Bezirk. Gleich neben dem Jugendgästehaus befinde sich die Cecilien-Grundschule.
Auch im Charlottenburger Kiez am Klausenerplatz ist die Bewohnerschaft in Aufregung. Dort überlegt die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, eine Notunterkunft für obdachlose Roma-Familien einzurichten. An der der Sophie-Charlotten-Straße 27. Wie dem „Aktionsplan Roma“ der Senatsverwaltung zu entnehmen ist, sollen die Familien „für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Tagen“ in solch einer Einrichtung unterkommen. Der Standort sei einer von mehreren, die geprüft würden, wiegelt die Behörde ab.
Die Überlegung, im Hinterhof eine Notunterkunft für Roma-Familien einzurichten, stammt laut Stadtrat Engelmann von der „Lenkungsgruppe Roma“ und der Integrationsbeauftragten des Landes. Auch Engelmann lehnt den Plan ab: „Ich kann mir in der kleinen Remise keine menschenwürdige Unterbringung für 80 bis 100 Menschen vorstellen. Und auch die schulischen Kapazitäten in der Umgebung sind längst erschöpft. Wir haben in der Nehring-Grundschule bereits drei ,Willkommens-Klassen‘ für Kinder ohne Deutschkenntnisse eingerichtet.“
Der Plan stößt auch in der Nachbarschaft auf Vorbehalte. „Wir lehnen eine Flüchtlingsunterkunft in unserem Kiez nicht grundsätzlich ab, aber ein reines Durchgangslager, in dem die Menschen nur wenige Tage bleiben und dies auch noch unter menschenunwürdigen Bedingungen, ist ein Skandal“, sagt Klaus Betz, Vorsitzender des Kiezbündnisses Klausenerplatz.

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/berlin/article115948571/Fuer-Asylbewerber-wird-es-eng.html