23.05.2013 Radio Stimme Russlands: Wohnungssituation von Flüchtlingen in Berlin

23.05.2013 Radio Stimme Russlands: Wohnungssituation von Flüchtlingen in Berlin
Audio: http://german.ruvr.ru/m.ruvr.ru/2013/05/23/13/130522_Mauer_Interview_Fluchtlingsrat_Sinje_Schuck_FTG.mp3

Die Wohnungssituation von Flüchtlingen in Berlin verschlechtert sich zunehmend. Lebten vor einigen Jahren noch 15 Prozent der Flüchtlinge in Sammelunterkünften, so sind es nun 50 Prozent. Bis zum Ende des Jahres sollen weitere 1.000 Flüchtlinge nach Berlin kommen, und die Bezirke streiten sich, wo genau diese wohnen sollen. Obwohl es einen bestehenden Kooperationsvertrag zwischen dem Senat und den Städtischen Wohnungsbauunternehmen über die Unterbringung von Flüchtlingen in eigenen Wohnungen gibt, leben Flüchtlinge in Berlin zunehmend in überfüllten Sammelunterkünften. Unsere Korrespondentin Zina Zhuk interviewte Martina Mauer vom Flüchtlingsrat in Berlin zur aktuellen Wohnungssituation von Flüchtlingen in Berlin:

S: Frau Mauer, Sie arbeiten beim Flüchtlingsrat in Berlin. Was genau machen Sie da? Was ist die Arbeit des Flüchtlingsrats?
M: Der Flüchtlingsrat ist eine kleine Nichtregierungsorganisation, die sich auf Berliner Landesebene für Flüchtlinge einsetzt.
S: Und wie sieht das dann so in Ihrer konkreten Arbeit aus? Was genau machen Sie da für Flüchtlinge?
M:Wir machen Netzwerkarbeit, versuchen die Berliner Beratungsstellen und Initiativen, die im Bereich der Flüchtlingsarbeit tätig sind, zu vernetzen, Informationen zu verbreiten, den Austausch untereinander zu fördern. Wir machen sehr viel Öffentlichkeitsarbeit über strukturelle Probleme, die wir hier in Berlin erkennen, aber auch in Einzelfällen, und wir setzen uns mit dem Berliner Senat auseinander, um eine Verbesserung der sozialen und rechtlichen Situation von Flüchtlingen hier in Berlin zu erreichen. Das heißt, wir machen Lobbyarbeit.
S: Welche Herausforderungen würden Sie da gerade ganz aktuell sehen?
M: Oh, da gibt es so viele, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ein Thema ist sicherlich die Unterbringung. Also, wie werden Flüchtlinge in Berlin untergebracht, wie können sie hier wohnen. Wir haben momentan die unschöne Situation, dass der Senat, dass das Landesamt für Gesundheit und Soziales sich sehr überfordert zeigt, was die Unterbringung anbelangt und immer neue Sammelunterkünfte eröffnet, in denen die Menschen leben müssen, anstatt eine Wohnungspolitik zu fördern, die es den Menschen ermöglicht, in private Wohnungen zu ziehen.
S: Diese Sammelunterkünfte, das ist ja für den Senat auch nicht wirklich ein lohnendes Konzept. Die sind ja bei 15-20 Euro pro Person. Oder wie funktioniert das genau?
M: Ja, es wäre für das Land Berlin wesentlich günstiger, den Menschen den Zugang zu privaten Wohnungen zu ermöglichen. Denn eine Mietwohnung kostet wesentlich weniger als die Unterbringung im Sammellager. Im Sammellager kostet ein Zimmer pro Person und pro Nacht zwischen sieben und 20 Euro. In einem Zimmer werden aber teilweise sehr viel mehr Menschen untergebracht, das heißt für die Betreiber ist das ein lohnendes Geschäft, und für das Land Berlin ist das sehr teuer.
S: Und wer verdient daran?
M: Das sind die privaten und caritativen Betreiber dieser Unterkünfte, die PeWoBe, die Geso, Prisot, die AWO, der Internationale Bund. Wie viel sie im Einzelnen verdienen, dass weiß ich nicht, darüber habe ich keinen Einblick, aber teilweise sind die Belegungssätze sehr hoch.
S: Frau Mauer, was müsste denn Ihrer Meinung nach in Berlin geschehen, um die Situation, auch insbesondere die Wohnungssituation von Flüchtlingen zu verbessern?
M: Es ist ja so, dass es in Berlin nicht nur für Flüchtlinge schwierig ist, eine private Wohnung zu finden, sondern für sehr viele Menschen mit geringem Einkommen. Wir fordern als allererstes eine soziale Wohnungspolitik, die diesen Namen auch verdient, das heißt eine aktive Wohnungspolitik des Senats, die bezahlbaren Wohnraum für alle schafft. Das ist schon mal das wichtigste. Aber dann muss man natürlich sehen, dass Flüchtlinge auf dem Wohnungsmarkt eine sehr schwache Position haben. Die Wohnungssuche ist für sie nicht nur schwierig, weil sie gewissen sozialrechtlichen Mietobergrenzen unterliegen, sondern weil sie auch diskriminiert werden auf dem Wohnungsmarkt. Oft heißt es, eine Wohnung sei schon vergeben, wenn ein Mensch mit ausländisch klingendem Namen sich meldet. Derweil ist die Wohnung noch zu haben. Natürlich sind auch die fehlenden oder mangelnden Sprachkenntnisse ein Hindernis. Dann scheitert das oft schon bei der Kontaktaufnahme zum Vermieter. Und der befristete Aufenthaltsstatus ist auch ein großes Problem. Denn viele Städtische Wohnungsbaugesellschaften vermieten nur, wenn ein Mindestaufenthalt von einem Jahr gegeben ist. Das können aber viele Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge nicht vorweisen. Zum Beispiel sind Aufenthaltsgestattungen (das sind die Papiere, die asylsuchende Menschen bekommen) in der Regel nur für sechs Monate gültig und werden danach verlängert. Die haben dann bei diesen Wohnungsbaugesellschaften von vornherein keine Chance.
S: Frau Mauer, Was fordern Sie als Vertreterin des Berliner Flüchtlingsrats für ihre Arbeit und für Flüchtlinge in Berlin?
M: Wie bereits erwähnt, fordern wir eine aktive Wohnungspolitik, die bezahlbaren Wohnraum für alle schafft. Aber daneben ist es natürlich auch wichtig, Flüchtlinge gezielt zu stärken auf dem Wohnungsmarkt. Zum Beispiel fordern wir die Einrichtung von mehreren Sozialarbeiterstellen bei einem unabhängigen Träger, finanziert aus Landesmitteln, um gezielte Unterstützung bei der Wohnungssuche anzubieten. Das fängt damit an, Kontakt zum Vermieter aufzunehmen, wenn es Sprachprobleme gibt, das geht über Begleitungen zur Wohnungsbesichtigung bis hin zu Beratungen in allen anderen Fragen rund um einen Umzug. Also, wo muss ich mich bei den Stadtwerken anmelden; wie funktioniert die Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, etc. Aber wesentlich ist, dass es eine gute Unterstützung gibt, damit die Menschen auch auf dem Wohnungsmarkt hier eine Chance haben.
S: Das war Frau Mauer vom Berliner Flüchtlingsrat. Ich bedanke mich herzlich für das Interview.
M: Ich danke Ihnen.

http://german.ruvr.ru/2013_05_23/Wohnungssituation-von-Fluchtlingen-in-Berlin/