07.06.2013 Berliner Zeitung: Westend wehrt sich gegen unerwünschte Nachbarn

07.06.2013 Berliner Zeitung: Westend wehrt sich gegen unerwünschte Nachbarn

In ein Haus in Westend sollen 250 Flüchtlinge einziehen. Einwohner wehren sich dagegen. Sie fürchten Verluste von Immobilienwerten, Sicherheitsprobleme und Verlust von Lebensqualität. Anwohner sammeln bereits Unterschriften gegen die ungebetenen Neuankömmlinge.
Die Soorstraße in Charlottenburg, zwischen Kaiserdamm und Spandauer Damm gelegen, ist die Grenze. Auf der östlichen Seite dominieren Gewerbe- und Bürobauten, es gibt auch gepflegte Blocks einer Wohnungsbaugenossenschaft. Auf der westlichen Straßenseite stehen Apartmenthäuser mit Grünflächen. Das schicke, idyllische, das reiche Westend mit seinen Villen und Stadthäusern beginnt nur eine Straße dahinter. In diese durch und durch bürgerliche Gegend ist jetzt quasi die Weltpolitik hinein geplatzt, der Krieg.
Auf der östlichen Seite – in dem lange leerstehenden ehemaligen Dienstgebäude des Krankenhauses Westend und späteren Zollamt in der Soorstraße 83 – wird gerade eine Unterkunft für 250 Flüchtlinge aus Kriegsgebieten eingerichtet, für fünf Jahre. Aus nüchternen Amtszimmern werden auf fünf Etagen ebenso nüchterne Wohnräume, rund 100 an der Zahl, für eine, zwei oder drei Personen: Betten, kleine Tische, kleine Schränke, Stühle. Mehr nicht. 24 Quadratmeter für drei Bewohner, Küche und Bad auf dem Gang. Zehn Personen teilen sich eine Toilette. Immer, wenn weitere Zimmer fertig sind, werden sie bezogen. In zwei Monaten soll alles fertig sein.
Die ersten 30 Menschen aus Syrien, Pakistan und Afghanistan sind seit knapp zwei Wochen in der Soorstraße untergekommen, geflohen vor Gewalt und Unterdrückung. Es sind Menschen wie Monchand Narula, der mit seiner Frau Kuntry und Tochter Saloni aus Kabul geflüchtet ist. Oder Gholam Heidar Heidari aus Herat, einer Stadt im Westen Afghanistans. Er sei froh, hier sein zu dürfen, sagt er. Zuhause gebe es nur Krieg und Zerstörung.
Doch nicht jeder ist froh darüber, dass Gholam Heidar Heidari und all die anderen hier sind. Ihre neuen Nachbarn in Westend haben sich bereits zu Wort gemeldet – mit Protest gegen die Neuankömmlinge.

Anonymer Aufruf
„Sollte ein Asylheim in unserer Nachbarschaft entstehen, kommt es zu drastischen Einschnitten im Immobilienwert, Schädigung der Geschäftslage für Unternehmer, Sicherheitsproblemen, dauerhaften Störung des sozialen Friedens und dem Verlust der Lebensqualität.“ Herbe Worte. Sie stammen aus einem anonymen Aufruf, der im Kiez kursierte. Unter Anwohnern wurden Unterschriften gesammelt.
In einem Café um die Ecke lagen bis vor kurzem solche Listen aus. Die beiden Kellnerinnen sagen, sie hätten nicht unterschrieben. Aber Kunden hätten unterschrieben. „Ganz normale Leute, Familien, viele Ältere“, sagen sie. Die Stimmung sei aufgebracht, viele seien erbost, aber auch ängstlich. „Oder wollen Sie solche Leute in Ihrer Nachbarschaft? Man weiß doch nie, was passiert“, sagt eine Kellnerin.
So ähnlich dachte offenbar auch eine ältere Dame, die eines Abends in der Flüchtlingsunterkunft vorbeischaute. „Sie hat so lange gemeckert und am Ende so schlimm geschimpft, dass der Wachschutz sie rausgebeten hat“, sagt Angela Murray, eine der dortigen Sozialbetreuerinnen. Angela Murray sagt, sie könne verstehen, wenn sich Menschen vor etwas Neuem fürchteten. Aber die Flüchtlinge suchten nichts anderes als Sicherheit, schon gar nicht wollten sie Ärger mit den Nachbarn. „Außerdem sind sie in Not. Da muss man doch helfen.“
Es gibt auch Anwohner, die mit Murray einer Meinung sind. Ein Passant mit Hund weiß, dass in den Komplex Flüchtlinge einziehen. Von dem Protest habe er gehört. Er habe aber keine Angst, eher den Impuls, dass es richtig ist, zu helfen. „Meine Oma war nach dem Krieg in der Schweiz, froh darüber aufgenommen zu werden.“
Dennoch landeten Listen mit rund 100 Protest-Unterschriften bei Sozialsenator Mario Czaja (CDU) und im Bezirksamt. Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU) hat den Protest zur Kenntnis genommen. „Ich kann die Befürchtungen durchaus nachvollziehen“, sagt der Politiker. „Wir hätten uns auch eine Entscheidung mit mehr Vorlauf gewünscht.“ Das Bezirksamt sei vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das für die Unterbringung von Flüchtlingen ist, fast überrumpelt worden.
Hintergrund ist, dass die Europäische Union sich bereiterklärt hat, 1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten aufzunehmen, 5 000 davon sollen nach Deutschland kommen, 250 nach Berlin. Doch es herrscht Platzmangel. „Plötzlich musste alles ganz schnell gehen. Wir hätten gerne länger die Bedingungen geprüft – und vor allem früher die Nachbarn informiert“, sagt Engelmann.
In der Soorstraße gibt es deshalb 250 Plätze, weil im Bezirk zwei ähnliche Einrichtungen wegfallen und deren Bewohner auch noch verteilt werden müssen: In der Wilmersdorfer Straße hat das Lageso eine Immobilie bereits geräumt, in der Rognitzstraße steht dies bevor. Grund für den Auszug in der Rognitzstraße, so Engelmann, sei der Nachbar BMW, der dort bauen möchte.
„Ohne die Soorstraße wüsste ich nicht, wohin mit den Leuten“, so Engelmann. Natürlich sei eine solche Unterkunft in der Nähe einer gehobenen Wohnlage problematisch, er sei jedoch auch gegen Lösungen auf der grünen Wiese.

Runder Tisch für Fragen
Möglicherweise schwingt in dem Protest noch ein weiterer Vorfall aus dem Bezirk mit. Erst kürzlich verhinderte das Bezirksamt eine Unterkunft für Sinti und Roma in der Sophie-Charlotten-Straße. Dies hätte die dortigen Gewerbetreibenden verdrängt, war die Begründung. Möglicherweise argwöhnten die Bewohner der Soorstraße zunächst, dass die Sinti und Roma nun zu ihnen kämen. Vielleicht aber dachten sie auch, dass man nur laut genug protestieren müsse, um eine solche Ansiedlung zu verhindern.
Wie auch immer. Nun gilt es, die Gemüter zu beruhigen. Der Träger des Heims und das Bezirksamt laden zu einem Runden Tisch in die Soorstraße. Zu der Veranstaltung am 12. Juni ab 19 Uhr haben sich bereits etliche Gegner angekündigt.
„Ich erhoffe mir eine sachliche Diskussion, erwarte aber auch große Emotionen“, sagt Stadtrat Engelmann. Man wolle transparent sein, etwa erklären, dass die Unterkunft ständig mit Sicherheitspersonal und Hausmeister besetzt sei, und dass man in Haus und Umgebung auf Ordnung achten werde. Es dürfe keinen Lärm geben, auch keinen Müll. Niemand müsse um den Erholungswert seiner Grünflächen fürchten.
Bei allem Streben nach Transparenz bleibt Stadtrat Engelmann in einem jedoch völlig klar: Solche Runden dürfe man aber nicht ständig erwarten. „Die Unterkunft ist kein Zoo, dort leben Traumatisierte, die Ruhe brauchen.“

http://www.berliner-zeitung.de/bezirke/unterschriften-gegen-fluechtlingsheim-westend-wehrt-sich-gegen-unerwuenschte-nachbarn,10809310,23142106.html