12.06.2013 Börsenblatt: „Stell Dir vor, der Krieg wäre hier“

12.06.2013 Börsenblatt: „Stell Dir vor, der Krieg wäre hier“
Berliner protestieren mit einem Buch gegen die Ablehnung von Flüchtlingen

Mit Büchern kann man auch Politik machen: Berliner Privatpersonen haben 100 Exemplare von Janne Tellers „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ (Hanser) im Reisepass-Format gekauft, um sie Anwohnern der Soorstraße in die Briefkästen zu werfen. Diese wollen gegen ein benachbartes Flüchtlingsheim mobil machen. Die Buchverteiler hoffen, dass die Gegner durch die Lektüre ein Verständnis für die kriegstraumatisierten Flüchtlinge bekommen.

Auf der einen Seite der Soorstraße in Charlottenburg, zwischen Kaiserdamm und Spandauer Damm, stehen Apartmenthäuser mit Grünflächen, auf der anderen Seite wird derzeit im früheren Zollamt eine auf fünf Jahre hin angelegte Unterkunft für 250 Flüchtlinge aus Kriegsgebieten eingerichtet. Rund 100 Wohnräume für eine, zwei oder drei Personen: Betten, kleine Tische, kleine Schränke, Stühle. Mehr nicht. 24 Quadratmeter für drei Bewohner, Küche und Bad auf dem Gang. Zehn Personen teilen sich eine Toilette. Immer, wenn weitere Zimmer fertig sind, werden sie bezogen. In zwei Monaten soll alles fertig sein“, berichtet die „Berliner Zeitung“.
Anwohner mobilisieren gegen die Flüchtlinge, in einem anonymen Aufruf heißt es: „Sollte ein Asylheim in unserer Nachbarschaft entstehen, kommt es zu drastischen Einschnitten im Immobilienwert, Schädigung der Geschäftslage für Unternehmer, Sicherheitsproblemen, dauerhaften Störung des sozialen Friedens und dem Verlust der Lebensqualität.“ Unterschriftenaktionen folgten.
Gegen diese Haltung haben sich jetzt Berliner mit der Buchverteilaktion von „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ gewandt: „Wir hoffen, durch die Buchlektüre Empathie im Umgang mit den Notleidenden zu wecken.“ Die Aktion soll einen Tag vor einem Treffen der Träger des Heims, Bezirksamt und Gegner des Flüchtlingsheims zu einem runden Tisch starten.
Tellers Buch beginnt mit der Frage: „Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?“ „Diesem einfachen und eindringlichen Gedankenspiel, diesem Perspektivenwechsel, kann man sich nicht entziehen“, erklärt die private Berliner Initiative. „Die Geschichte reißt mit und erschüttert die Sicherheit, in der sich die Leser wähnen. So sehr, dass wir hoffen, dass die Lektüre die Gegner des Flüchtlingsheims in der Soorstraße zum Nachdenken anregen wird.“

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