13.07.2013 taz: Ein Heim in guter Nachbarschaft

13.07.2013 taz: Ein Heim in guter Nachbarschaft

FLÜCHTLINGE Auch in Grünau gab es zuerst schon Bedenken gegen eine Notunterkunft für Asylbewerber als neuen Nachbarn. Letztlich aber hat die Grünauer Bürgerschaft mehr auf tatkräftige Hilfe statt auf dumpfe Fremdenfeindlichkeit gesetzt

Drei Frauen sitzen vor dem Haus auf einer Bank und kauen Sonnenblumenkerne. „Seit sechs Monaten lebe ich hier und bin sehr zufrieden“, sagt Polina K., eine Tschetschenin, auf Russisch. Deutsch spricht sie noch nicht gut. Einmal in der Woche besuche sie einen Kurs. Sie schaut den Kindern zu, die mit einem Roller den Weg entlangrasen.

Die Frauen sitzen vor einer Notunterkunft für Asylbewerber im Ortsteil Grünau in Treptow-Köpenick. Einer der besseren Notaufnahmeheime in Berlin. Gut 100 Menschen wohnen darin. Zwar wurde das ehemalige Polizeigebäude nicht zum Wohnen errichtet, aber es verfügt zumindest über einige wenige Duschen. Und der Träger, die PeWoBe, gibt sich alle Mühe. Mehrere Mitarbeiter der privaten Wohnheimbetreuungsgesellschaft haben einen Migrationshintergrund, sie sprechen die Sprachen von Bewohnern. „Die Mitarbeiter im Haus sind sehr nett“, findet Polina K. „Das Zimmer, in dem ich mit meiner Familie wohne, ist gut.“ Auch die Nähe zur S-Bahn weiß sie zu schätzen. Nur ein Katzensprung ist es zur Station. Und seitlich des Hauses beginnt der Wald. Läuft man eine halbe Stunde hindurch, kommt man zu einer Badestelle. „Dort waren wir mit den Kindern und der Lehrerin“, erzählt Polina K. Das einzige Manko in Grünau: Fluglärm. Wenn Flugzeuge fliegen, zucke sie jedes Mal zusammen. „Dann schreien die Kinder. Sie fühlen sich an Tschetschenien erinnert und fürchten Bombardierungen.“ Und deutsche Freunde wünscht sie sich. „Die deutschen Nachbarn sind nett. Ich werde nicht rassistisch diskriminiert wie in Russland. Aber wie kann ich Freunde finden, ohne die Sprache zu sprechen?“

Spenden gut organisiert

Heike M. ist eine Nachbarin in Grünau. Sie läuft an den Frauen vorbei und bringt abgelegte Kleidung ihrer Söhne ins Heim. „Die sind noch gut erhalten, passen meinen Kindern aber nicht mehr“, sagt sie. Im Heim sei die Annahme von Spenden gut organisiert, lobt die Mittvierzigerin. „Ich gebe sie beim Pförtner ab. Die Kleidung kommt dann in einen Spendenraum, und die Bewohner können sich nehmen, was sie brauchen.“ In einer Ortsteilzeitung sei auch mal zu Spenden eines Bettes für Neugeborene aufgerufen worden, erzählt sie. Zeitweise war die Spendenbereitschaft der Grünauer so groß, dass das Heim gar keine Kleidung mehr annahm.

Matthias Schmidt ist Fraktionsvorsitzender der SPD im Bezirk und wohnt nur 80 Meter von dem Heim entfernt. „Es gibt Phasen, da ist die Grundstimmung der Grünauer gegenüber den neuen Nachbarn gut“, erzählt er. Aber es gebe auch andere Phasen. Von Gerüchten über Diebstahl spricht Schmidt, von Klagen über Lärm und über Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse an der Schule. „In der Bezirksverordnetenversammlung konnten wir einiges klären. Da hatten wir zum Beispiel Elternvertreter zu Gast, denen unwohl war, weil an der Schule ihrer Kinder auch Flüchtlinge lernen.“ Man habe versucht, zu informieren, und die Stimmung habe sich wieder beruhigt, sagt Schmidt. Jetzt überwiege in Grünau die Akzeptanz der Flüchtlinge. „Von einer wirklichen Nachbarschaft würde ich aber noch nicht sprechen. Es ist ja auch nur eine Notunterkunft, der Vertrag endet zum Jahresende.“ Dass Berlin aber viele zusätzliche Flüchtlingsunterkünfte benötigt und das Land alles tun wird, den Vertrag für die Grünauer Unterkunft zu verlängern, ist bei Schmidt und seinen Grünauer Nachbarn offenbar noch nicht angekommen.

Der SPD-Politiker war es auch, der vergangenen Oktober, als die Notunterkunft gerade im Aufbau war, eine Bürgerversammlung in der Grünauer Kirche moderierte. Dort machte sich anfangs der Volkszorn über die neuen Nachbarn breit, mit Ressentiments, wie sie mit unschöner Regelmäßigkeit überall dort auftauchen, wo Berlin eine neue Flüchtlingsunterkunft eröffnet: Angst vor Einbrüchen und Diebstählen, Angst vor dem Wertverlust der eigenen Grundstücke, ein abstraktes Unbehagen gegenüber Fremden. Dank der Moderation von Schmidt und des evangelischen Pfarrers Ulrich Kastner konnte die dumpfe Fremdenfeindlichkeit nicht Oberhand gewinnen. Schon bei der Versammlung meldeten sich Bürger, die helfen wollten.

Die Hilfe der Grünauer Bürgerschaft erfahren vor allem die Kinder. Außer in der Ferienzeit holt sie das Bürgerhaus einmal wöchentlich zum Spielen ab. Denn vor dem Heim gibt es keinen Spielplatz. Auch zu Puppentheatervorstellungen werden die Flüchtlingskinder gemeinsam mit Grünauer Kindern eingeladen. „Im Puppentheater gibt es keine Sprachhürde“, sagt Minka Dott vom örtlichen Bürgerverein. „Da kann man schauen, was passiert.“ Besonders gut sei bei den Flüchtlingskindern ein Waldspaziergang im Winter angekommen. „Ein Forstmitarbeiter hat mit den Kindern Tierspuren im Schnee gesucht. Das war eine riesige Freude. Die Kinder haben sich in den Schnee geworfen und danach ihre eigenen Spuren angeschaut.“

Mangel an Plätzen

Treptow-Köpenick gehört zu den Bezirken in Berlin, in denen es zu wenige Unterkünfte für Flüchtlinge gibt. 271 zusätzliche Plätze müssen in diesem Jahr im Bezirk noch gefunden werden. Falls die Notunterkunft in Grünau schließt, wären es sogar 409 Plätze. Und im kommenden Jahr wird eine noch nicht bekannte weitere Zahl benötigt. So hat es der Rat der Bürgermeister im April beschlossen.

Ines Feierabend (Linke) ist die Sozialstadträtin des Bezirkes und weiß nicht, wie das gehen soll. Trotz des Mangels an Flüchtlingsunterkünften zählt der Bezirk beim Landesamt für Gesundheit und Soziales nicht zu denen, die sich hartnäckig gegen Asylsuchende wehren wie Mitte oder Reinickendorf. „Wir haben dem Land zwei bezirkseigene Immobilien angeboten“, sagt die Stadträtin. „In jede könnten 100 Flüchtlinge einziehen. Mehr eigene freie Gebäude haben wir nicht.“ Allerdings: Vorher müsste saniert werden. In diesem Jahr sei keines der Gebäude bezugsfertig. „Es waren lange Verhandlungen mit dem Land, wie die Sanierungskosten aufgebracht werden“, erläutert die Stadträtin. Das Problem: Weder das Land noch die Bezirke haben einen Haushaltstitel „Investitionen in Asylunterkünfte“. Als die aktuellen Haushalte gemacht wurden, war das noch nicht nötig, weil Flüchtlinge Wohnungen fanden. Finanzieren kann man die Investitionen nur durch einen Bankkredit, und dazu braucht man einen langfristigen Vertrag und Rechtssicherheit. „Wir sind da auf einem guten Weg zu einer Lösung“, sagt Feierabend.

Soziale Situation schwierig

Auf der Liste des Landesamts für Gesundheit und Soziales stehen drei andere Adressen für künftige Asylunterkünfte in Treptow-Köpenick. Auch solche, die Feierabend ungünstig findet, „weil die soziale Situation in den Kiezen schwierig ist“. Dass das aber akzeptiert wird, ist kaum vorstellbar. Denn im Beschluss des Rates der Bürgermeister steht auch: „Auf die pauschale Ablehnung von Standortvorschlägen aufgrund sozialer Problemlagen sollte grundsätzlich verzichtet werden, solange ein dringender Bedarf an der Schaffung zusätzlicher Kapazitäten besteht.“

Polina K. winkt ein Mädchen heran. „Das ist meine Tochter Lara. Sie lernt in der Schule Deutsch“, sagt die Mutter stolz. Noch sind es erst wenige Worte: „Danke, Haus, morgen, Entschuldigung, gut, schlecht“, spricht die Neunjährige und strahlt. Dass sie zwei deutsche Freundinnen hat, sagt sie besser auf Russisch. „Sie heißen Amanda und Christina“, setzt sie auf Deutsch fort.

Anders als Pankow, wo die Bezirksverordnetenversammlung als bislang einzige in Berlin die Umwandlung einer Notunterkunft in eine dauerhafte befürwortet, hat Treptow-Köpenick darüber noch nicht nachgedacht. Würde der Träger aber einen langfristigen Vertrag bekommen, könnte er investieren. In mehr Duschen. Und einen Spielplatz für Lara.