03.09.2013 freitag: Hellcome to Germany

03.09.2013 freitag: Hellcome to Germany

Flüchtlinge Demonstranten gegen Ankunft von Flüchtlingen in den Berliner Bezirken Reinickendorf und Hellersdorf warnen vor Seuchengefahr. Panikmache oder rechtsextremes Leitmotiv?

Die hasserfüllten Proteste von Anwohnern und rechten Aktivisten gegen die Ankunft von schutzsuchenden Flüchtlingen in Berlin-Hellersdorf in den vergangenen Wochen kamen kurz nach ähnlichen Vorkommnissen im Falle eines Asylbewerberheims in Berlin-Reinickendorf im Juli. Eine Wohneigentümergemeinschaft der angrenzenden Wohnungen hatte Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt, die im April erteilt worden war, um das ehemalige Seniorenpflegeheim in ein Heim für Asylsuchende umzuwandeln. Rechtsanwalt Jens-Georg Morgenstern vertritt die klagenden Nachbarn: „Meine Mandantschaft ist dagegen, dass rund 200 Menschen in einem Hochhaus auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Dadurch besteht Seuchengefahr.“ Damit bezog er sich auf die Windpockenfälle, die es im Vormonat gegeben hatte. Von einer Seuchengefahr, also der Gefahr einer Epidemie, zu sprechen, ist aber maßlos übertrieben. Ein anonymer Online-Kommentar zu einem Artikel des Neuen Deutschland zum Thema lautete: „Man ist gewiss nicht gleich ausländerfeindlich, wenn man keine Lust hat, sich mit tropischen Krankheiten zu infizieren.“ Tropische Krankheiten? Es handelt sich hier nicht etwa um Malaria oder Denguefieber, sondern um Windpocken, die in den allermeisten Fällen harmlos sind.
Es geht hier offenbar um Panikmache, aber auch etwas Anderes steckt dahinter. Bei den Protesten gegen die Ankunft der ersten Flüchtlinge in der Notunterkunft in Berlin-Hellersdorf wurde eine Person wegen Zeigens des Hitlergrußes festgenommen. Sowohl in Reinickendorf als auch in Hellersdorf haben NPD-Leute versucht, die fremdenfeindliche Stimmung für ihre Zwecke zu benutzen. Hier besteht ein Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit, rechtsextremen Gesten und Warnungen vor angeblicher Seuchengefahr. Diese Konstellation hat eine gewisse Tradition in Deutschland. Während der NS-Zeit wurden bekanntlich vor allem in den von Deutschland besetzten polnischen und sowjetischen Gebieten viele hunderte Ghettos für die jüdischen Einwohner errichtet. Die von der Besatzungsmacht vorangetriebene Überfüllung der Ghettos zusammen mit der schlechten und unzureichenden Versorgung führte in vielen Fällen zu einer raschen Ausbreitung von Krankheiten. Dieses selbstverschuldete Problem benutzten die Nationalsozialisten vielerorts als bloßer Vorwand, die Ghettobewohner wegen angeblicher „Seuchengefahr“ zu vernichten.
Laut der sogenannter „Ereignismeldung“ Nr. 92 des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, vom 23. September 1941 war im Ghetto von Newel in der russischen Sowjetrepublik „nach Feststellung eines deutschen Arztes die Krätze ausgebrochen. Zur Vermeidung weiterer Ansteckung wurden 640 Juden liquidiert und die Häuser niedergebrannt“. In weißrussischem Janowitschi „war gleichfalls in vielen Fällen eine ansteckende Krankheit mit fieberhaften Zuständen ausgebrochen“. Daraufhin wurden „die Insassen des Ghettos in einer Stärke von 1025 Juden sonderbehandelt. Die Aktion wurde lediglich von einem Führer und 12 Männern durchgeführt“. In der Ereignismeldung Nr. 124 vom 25. Oktober 1941 hieß es: „Wegen höchster Seuchengefahr wurde am 8.10.41 mit der restlichen Liquidierung der im Ghetto in Witebsk befindlichen Juden begonnen. Die Zahl der zur Sonderbehandlung gelangenden Juden beläuft sich auf etwa 3000.“ Das „Judenlager“ in Witebsk in der weißrussischen Sowjetrepublik war von der Wehrmacht errichtet worden. Der Massenmord an den Ghettobewohnern der drei genannten Städte wurde vom SS-Einsatzkommando 9 verübt.
Die Parallelen zwischen den Vorkommnissen der letzten Monate in Berlin und der NS-Zeit sind eindeutig und beunruhigend. Gegen Seuchengefahr und eine Infizierung mit tropischen Krankheiten zu warnen, wo eine solche Gefahr offenbar nicht besteht, und dabei mit rechten Aktivisten gemeinsame Sache zu machen gegen eine vor Krieg, Gewalt und Elend fliehende Opfergruppe, klingt verdächtig nicht nur nach Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit sondern auch generell nach Rechtsextremismus.

Alex J. Kay

http://www.freitag.de/autoren/ajkay/hellcome-to-germany