Althüttendorf: „Sie töten uns hier drin, ganz langsam…“

Heimfocus 05/2013 „Sie töten uns hier drin, ganz langsam…“
Eines der schlimmsten Lager Deutschlands – Althüttendorf in Brandenburg

Vor kurzem besuchten wir das Flüchtlingslager Althüttendorf in Brandenburg, nahe Eberswalde. Wir wussten aus der Zeitung, dass im letzten Jahr zwei der Bewohner gestorben waren: Ein junger Mann aus Kenia war im Dezember im Wald erfroren und ein Vietnamese mittleren Alters war im Oktober gestorben. Wir wollten mit den Bewohnern reden, um zu verstehen, wie es dazu hat kommen können. Was wir dort zu sehen und zu hören bekamen, hätten wir uns auch in unseren schlimmsten Träumen nicht ausmalen können.

Wir waren zu fünft, ein deutscher Journalist, zwei iranische Flüchtlinge, ein Sudanese, der seit 13 Jahren in Europa lebt und, wie er gesagt hatte „schon viel gesehen hat“ und ich, eine Psychologin. Ziel unseres Besuches war es auch, die in Althüttendorf lebenden Menschen über die kaum 70 Kilometer entfernt stattfindenden Flüchtlingsproteste in Berlin aufzuklären, die hier in der Hauptstadt seit Monaten immer wieder in den Medien auftauchen und dadurch ganz langsam auch das Bild von Asylsuchenden in der Öffentlichkeit verändern.

Das Lager, den Ausdruck „Heim“ verdient dieser Ort nicht, denn er kann und wird niemals für Menschen ein Heim darstellen, liegt am Rande ein kleinen Dorfes. Der Ort ist so klein, dass es dort nicht mal einen Supermarkt gibt und die Flüchtlinge zum Einkaufen mit dem Zug nach Barnim oder Eberswalde fahren müssen.

Das Lager Althüttendorf liegt an einer Autofahrstraße mitten im Wald. LKWs rasen hier entlang und nehmen keine Rücksicht auf Fußgänger, die, mangels Bürgersteig, auf dem Seitenstreifen oder im Graben gehen müssen wenn sie nicht überfahren werden wollen. Nachts ist diese Straße nicht beleuchtet,
was eine besondere Gefahr darstellt.

Das Lager ist ein ehemaliges Ferienlager aus DDR – Zeiten, bestehend aus Holzhütten, ähnlich wie kleine Gartenhäuschen und lose auf dem Gelände verteilt. In ihnen sind knapp hundert Menschen untergebracht. Toiletten, Duschen, Waschmaschinen und die einzige Küche mit drei Elektroherden gibt es nur im Haupthaus, die Bewohner müssen also immer durch die Kälte laufen, wenn sie sich ihr Essen kochen oder auf die Toilette gehen wollen. Da die Hütten aus Holz sind, hängen überall Warnhinweise, die auf Brandgefahren hinweisen – Feuerlöscher oder Rauchmelder gibt es nicht.

An der Tür des Heimleiters hängt eine Drehscheibe, die bei unserem Besuch auf „Pause“ gestellt war. Andere Optionen sind „bin auf dem Hof“, „wichtige Besprechung“, „bin im Waschraum“, „nicht stören“, „komme gleich wieder“ und als einzige von acht Optionen schließlich: „Bitte eintreten“. Da aber alle Hinweise nur auf deutsch sind, klingen sie wie Hohn. An der Eingangstür sind hinter Glas die Heimregeln angebracht. Diese gibt es in mehreren Sprachen. Unter anderem steht dort zu lesen: „Wenn jemand länger
als drei Tage unentschuldigt dem Lager fern bleibt, wird sein Bett anderweitig vergeben!“ Eine Nachfrage bei den Lagerbewohnern zeigte, dass dies schon öfter vorgekommen ist, also nicht nur eine leere Drohung darstellt. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, keinen Raum, um Kurse abhalten oder gemeinsam Tee trinken zu können, keinen Trainingsraum, kein Spielzimmer für Kinder, keine separaten Männer- und Frauengebäude. Vorhanden ist einzig und allein ein Computerraum mit 2 Computern, von denen nur einer funktioniert, mit einer sehr langsamen Internetverbindung.

Die Bewohner, in der Mehrzahl junge Männer, begrüßten uns mit großer Herzlichkeit. Die meisten hatten noch nie von den Flüchtlingsprotesten und dem Protestcamp in Berlin gehört, obwohl sie teilweise schon über ein Jahr hier leben. Unvorstellbar, wie es jemand hier überhaupt so lange aushalten kann. Man hatte ihnen gesagt sie bekämen Wohnungen zugewiesen und seitdem warten sie. Viele haben die Hoffnung aufgegeben, dass sich an ihrem Leben noch einmal etwas ändern würde. Ein junger Mann drückte es so aus: „Sie töten uns hier drin, ganz langsam, und sie brauchen dafür keine Waffen.“
Sie waren motiviert und gut ausgebildet nach Deutschland gekommen: Ein junger Elektriker aus Kenia, ein Historiker aus Somalia, ein Diplomingenieur aus Kamerun. Sie alle sitzen jetzt hier fest, ohne zu
wissen, was sie mit ihren Abschlüssen und der vielen sinnlosen Zeit anstellen sollen. Wir trafen auch auf eine Frau, die in all dieser Trostlosigkeit versucht, ein vier Monate altes Baby groß zu ziehen. Alle anderen Familien sind längst ausgezogen, nur sie ist geblieben aus Angst, dass sie, wenn sie in eine Wohnung nach Eberswalde zöge, nie die Erlaubnis bekäme, zum Vater des Kindes nach Norddeutschland ziehen zu dürfen. So hatte ihr das die Ausländerbehörde gesagt.

Viele, die es hierher verschlägt, versuchen bei Freunden oder Bekannten unterzukommen und möglichst wenig Zeit im Lager zu verbringen. Einige kommen nur einmal im Monat vorbei, um ihr Geld abzuholen und sich bei den Behörden zu melden. Auf diese Weise lässt sich für das Heim Geld bei den Heiz- und Wasserkosten sparen und für Neuankömmlinge stehen fast immer freie Betten zur Verfügung. Eng wird es nur einmal im Monat am Zahltag, wenn alle gleichzeitig da sind und sich die Küche und die Waschräume teilen müssen: Dann ist das Lager hoffnungslos überfüllt.

Was uns zutiefst erschütterte, waren die Geschichten über die Tragödien, die sich hier letzten Winter zugetragen haben: Im Oktober war es, wie häufig in dieser Gegend, schon sehr kalt gewesen. Ein Mann aus Vietnam, der in der Einsamkeit zum Alkoholiker geworden war, hat bei jeder Witterung nur noch draußen in einem Zelt geschlafen, da es ihm Angst bereitete, sich in einem Haus aufzuhalten. Schließlich durch Alkoholkonsum und Kälte krank geworden, ist er mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert worden, nachdem er mehrere Stunden vor Schmerzen gestöhnt hatte. Dort starb er.

Im Dezember 2012 gab es einen weiteren Todesfall: Ein junger Mann aus Kenia, Bernhard Mwanzia, 28 Jahre alt, hatte sich in einem Anfall von Wahnsinn und Verzweiflung die Kleider vom Leib gerissen und war splitternackt in den Wald gelaufen. Es lag meterhoch Schnee und er wurde erst nach mehreren Tagen gefunden. Bis dahin war er erfroren. Heimbewohner berichten, dass die alarmierten Polizisten erst nach 20 Minuten gekommen waren und es dann unterlassen hätten, den Mann zu suchen. Seine Leiche wurde Tage später von einer Frau auf einem verlassenen Grundstück gefunden.
Diese Geschichten passieren nicht in einem fernen Land, sondern mitten in Deutschland! Wir sind diejenigen, die sie zu verantworten haben – weil wir schweigen, weg schauen und nicht zur Stelle sind, wenn unsere Hilfe gebraucht wird! So können solche Dinge passieren!
Auf der Rückfahrt im Zug waren wir alle sehr schweigsam. Die drei Aktivisten das eigentlich Wichtigste, den Mitmenschen, aus den Augen verliert und bei Menschenrechtsverletzungen weg schaut.
Letzte Anmerkung: Das Lager Althüttendorf sollte schon vor 10 Jahren geschlossen werden; bis heute ist nichts passiert.

Hanna Grev