Europeonline 13.09.2013: Berlin kann auch anders: Nach Protesten Hilfe für Flüchtlinge

Europeonline 13.09.2013: Berlin kann auch anders – Nach Protesten Hilfe für Flüchtlinge

Berlin (dpa) – Franz Allert ist beeindruckt. «Zum ersten Mal erlebe ich, dass soviel Verständnis für Flüchtlinge da ist», sagt der Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo). Am Donnerstagabend nimmt er als Gast an einer Informationsveranstaltung im Berliner Stadtteil Britz teil, bei der es um das dort geplante Flüchtlingsheim geht. Die mehr als 500 Anwohner reagieren fast durch die Bank positiv und hilfsbereit. Allert, dessen Behörde für die Unterbringung der Flüchtlinge in der Hauptstadt sorgt, ist anderes gewohnt.

In Hellersdorf im Osten Berlins war vor zwei Monaten die Volksseele hochgekocht, als bekannt wurde, dass dort ein Asylbewerberheim eingerichtet werden soll. Als Mitte August Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan einzogen, kam zu heftigen Protesten, die von der rechtsextremistischen NPD kräftig angeheizt wurden. Viermal demonstrierten Neonazis vor dem Heim, immer wieder zogen linke Gegendemonstranten auf, die Polizei war zeitweise mit mehreren hundert Beamten im Einsatz.

Im Plattenbaubezirk Hellersdorf, in dem viele Hartz-IV-Empfänger leben, hatten sich die Anwohner vom Einzug der Flüchtlinge in eine ehemalige Schule überrumpelt gefühlt. Doch auch im gutbürgerlichen Charlottenburg und in Reinickendorf, im ehemaligen Westteil der Stadt gelegen, stießen Notunterkünfte auf den Widerstand der Nachbarn.

Allert nennt nüchtern die Zahlen. Der Flüchtlingsstrom Richtung Deutschland wachse unaufhörlich an, sagt er. 2013 rechne das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit 100 000 Flüchtlingen. Aus Syrien nimmt die Bundesrepublik vorerst 5000 Bürgerkriegsflüchtlinge auf. Angesichts von 6 Millionen syrischen Flüchtlingen sei das viel zu wenig, heißt es schon jetzt.

In Berlin hätten in diesem Jahr schon 12 600 Menschen ihren Erstantrag auf Asyl gestellt, sagte Allert. Deshalb platzten die 32 Einrichtungen aus allen Nähten. Derzeit leben bereits mehr als 6700 Flüchtlinge in Berliner Sammelunterkünften. Vor diesem Hintergrund wurden die teils gewaltsamen Proteste vor der Hellerdorfer Notunterkunft bundesweit zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit.

Doch Berlin kann auch anders. Die Bürgerinitiative «Hufeisern gegen Nazis» im gutbürgerlichen Stadtteil Britz wollte ein «zweites Hellersdorf» verhindern, nachdem die Pläne für eine Gemeinschaftsunterkunft bekanntgeworden waren. Die NPD wurde mit der Polizei auf weitem Abstand gehalten. Die üblichen Hasstiraden gegen Überfremdung gingen im ohrenbetäubenden Pfeifkonzert von gleich drei linken Gegenkundgebungen unter.

Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), in dessen Bezirk Britz liegt, warnt jedoch vor falschen Schlüssen. Die besorgten Anwohner seien kaum zu Wort gekommen, kritisiert der SPD-Politiker, der mit seiner Kritik an den Integrationsdefiziten in Deutschland immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Das Treffen am Donnerstagabend sei politisch missbraucht worden: «Die geplante Unterkunft war lediglich Anlass für allgemein-politische Statements.»

Jürgen Schulte, Sprecher der Bürgerinitiative, hält dagegen. «Hellersdorf hat die Menschen aufgeschreckt», sagte er. Eine aktuelle Umfrage im Auftrag der «Berliner Morgenpost» und der RBB-«Abendschau» (Freitag) untermauert diese Einschätzung. Danach befürworten 72 Prozent der 1000 befragten Berliner, dass die Stadt weitere Flüchtlinge aufnimmt. Fast jeder Vierte hält ein Asylbewerberheim in seinem Kiez allerdings für eher problematisch.

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