18.09.2013 nd: »Wir sind die Blitzableiter«

18.09.2013 nd: »Wir sind die Blitzableiter«
Linke Aktivisten unterstützen in Berlin-Hellersdorf die Bewohner der neuen Flüchtlingsunterkunft
In Berlin-Hellersdorf haben antirassistische Aktivist_innen eine Dauermahnwache in der Nähe der neu geschaffenen Unterkunft für Asylsuchende abgehalten. Sie entstand als Reaktion auf die rassistischen Ausschreitungen von Anwohner_innen und Nazis beim Einzug der Geflüchteten am 19. August. Nach drei Wochen hat sich das Solidaritätsnetzwerk entschieden, diese Aktionsform zu beenden, um sich neuen Formen der Solidarität im Kiez der Unterkunft zuzuwenden. Hannes, 25, hat die Mahnwache als Aktivist begleitet. Mit ihm sprach das Redaktionskollektiv der Zeitschrift »Straßen aus Zucker«.

Straßen aus Zucker: Ihre Mahnwache gegen Rassismus in Hellersdorf hat anfangs die neuen Bewohner der Flüchtlingseinrichtung eher abgeschreckt als ihnen geholfen. Was war passiert?
Hannes: Während die Geflüchteten einzogen, gab es Hitlergrüße und rassistische Parolen. Wir kamen auf der anderen Seite zu langsam aus unserem Linke-Subkultur-Gehabe heraus und haben mit unserem Auftreten einzelnen Geflüchteten Angst gemacht. Diese Mischung führte zur panikartigen Flucht mehrerer Geflüchteter aus der Unterkunft. Das war so etwas wie ein Worst-Case-Szenario, wurde aber kritisch reflektiert. Unsere Reaktion konnte nicht sein, uns einfach zurückzuziehen, um die vom Bezirk beschworene Ordnung einkehren zu lassen, weil das den »ruhigen und ordentlichen« Rassist_innen nur den Freiraum gegeben hätte, ihre Hetze intensiver zu verbreiten und sehr wahrscheinlich auch übergriffig gegenüber den Bewohner_innen zu werden. Deswegen haben wir uns entschieden, durch unsere tägliche Präsenz mit einer Mahnwache die menschenfeindliche Hegemonie im Kiez anzugreifen und gleichzeitig als Informationspunkt für Geflüchtete, solidarische Anwohner_innen und interessierte Aktivist_innen zu fungieren.

Wie haben die Leute auf Ihre Mahnwache reagiert?

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten haben wir tatsächlich so etwas wie einen Platz im Kiez gefunden. Inzwischen sprechen immer mehr Bewohner_innen der Unterkunft mit uns über Beratungsangebote und hören sich unsere Einschätzung der Situation an. Gleichzeitig fragen wir sie nach ihren Bedürfnissen, – zum Beispiel welche Spenden sie dringend gebrauchen könnten. Ich hoffe, dass sich einige zusammenfinden, um ihre Interessen effektiv beispielsweise gegenüber Ämtern durchzusetzen. Inzwischen hat sich bei den Geflüchteten herumgesprochen, dass wir helfen wollen und keine Gefahr für sie darstellen.

Und die Anwohner?

Man mag uns – oder hasst uns. Es gibt kleine Rituale, wie der Morgenkaffee, der uns vorbeigebracht wird, aber auch die morgendliche Beschimpfung auf dem Weg zur Arbeit. In Gesprächen merkt man oft, wie tief rassistische Vorstellungen in der Lebenswelt und der Identität der Menschen verwurzelt sind. Klar gibt es auch viele, die sich entweder von Beginn an solidarisch positionieren oder zumindest zur Akzeptanz und zum Nachdenken bewegen lassen. Aber warum machen das eigentlich nicht Streetworker_innen im bezirklichen Auftrag? Auch in der Presse wird leider viel zu selten die Frage nach dem Staat gestellt, der in seinen Strukturen und Lösungsangeboten für Menschen, die Asyl suchen, nicht weniger rassistisch wirkt.

Wie schätzt ihr die Wirkung der antifaschistischen Mobilisierung ein?
Die Solidarität, die aus der ganzen Bundesrepublik kommt, ist umwerfend. Viele linke Aktivist_innen fühlen sich an ihre eigenen Problematiken erinnert: Durch den Anstieg der Zahlen der Asylbewerber_innen reagiert der Staat überall mit der gleichen Inkompetenz und versucht alle in notdürftig zusammengezimmerte Lager zu stecken, anstatt ein einheitliches dezentrales Unterbringungskonzept einzurichten. Gleichzeitig bricht sich überall der Alltagsrassismus und Antiziganismus seine Bahn – wie gerade in Duisburg. Und weil das in Hellersdorf so offensichtlich geworden ist, sagen viele: Wir fahren jetzt nach Berlin und helfen, weil wir kein zweites Lichtenhagen erleben wollen.
Gleichzeitig fungieren die Aktivist_innen auch als Blitzableiter, wenn wir beleidigt und bepöbelt werden anstelle der Bewohner der Unterkunft. Und durch unsere Anwesenheit verschiebt sich auch die eigene Wahrnehmung der rassistischen Anwohner_innen. Sie sind nicht mehr in der Rolle der Angreifenden, die die Unterkunft und ihre Bewohner_innen (verbal) attackieren, sondern werden zurückgedrängt auf eine Verteidigungsrolle, in der sie sich für ihre Handlungen und ihre Denkweisen rechtfertigen müssen. Das schadet ihrem Selbstbild des »anständigen Deutschen«, der »das ja wohl mal sagen dürfe«. Wie oft ich in den letzten Tagen das verzweifelte »Ich bin ja kein Rassist, aber …« hören musste. Aber ist ja gut, wenn schonmal die Bereitschaft da ist, nicht rassistisch sein zu wollen.

Wie soll es vor Ort weitergehen?
Ruhe wird es mit uns in diesem Kiez nicht geben. Wir bleiben hier. Langfristig wollen wir initiativenübergreifend einen festen antirassistischen Anlaufpunkt für Geflüchtete, Migrant_innen und nicht-weiße Deutsche mitten im Kiez bieten. Verhandlungen dazu laufen bereits, weil auch dem Bezirk inzwischen klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Die Vernetzung von lokalen und überregionalen Initiativen muss intensiver werden, gleichzeitig müssen lokale Antirassist_innen und Antifaschist_innen die organisierten Nazis und Rechtspopulist_innen deutlich benennen.

Welche Erfahrungen können antirassistische Gruppen anderswo von euch übernehmen?
Das ist eine schwierige Frage. Grundlegend ist es eine gute Erfahrung, sein Gesicht rauszustrecken und sich auch mal wieder zu trauen, offen für eine antirassistische Grundhaltung einzutreten – auch wenn das für Stress in Nachbarschaft, Familie und Arbeitsstelle sorgen kann. Es ist unbedingt notwendig, Geflüchteten auf deren Wunsch hin Hilfestellung bei der Selbstorganisierung zu geben, um sie im politischen Leben erst einmal überhaupt sichtbar zu machen.
Gleiches gilt für solidarische Anwohner_innen. Damit schafft man nachhaltig einen Bruch in Dörfern oder Kiezen, weil rassistische Parolen nicht mehr unwidersprochen hingenommen werden. Letztendlich muss man durch dauerhafte Präsenz der sprichwörtliche Dorn im Auge der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft bleiben.

Sie sind in Hellersdorf, um ein zweites Lichterhagen zu verhindern…
Vielleicht gibt es in Deutschland nicht mehr die konkrete Pogromgefahr wie in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Aber vor allem die bundespolitischen Diskussionen sind ähnliche wie in den 1990er Jahren , und da müssen wir antirassistisch intervenieren, um jemandem wie dem Innenminister Friedrich etwas entgegenhalten zu können. Seine Das-Boot-Ist-Voll-Rethorik ist umso zynischer, als dass unzählige Menschen bei der Überfahrt mit überfüllten Booten nach Europa den Tod finden – und daran sind Deutschland und die EU mit ihrem FRONTEX-Programm direkt beteiligt.

Daran sieht man die traurige Realität des Slogans »Rassismus tötet«. Das macht er auf vielen Ebenen: durch Alltagsrassismus wie Wegschauen, durch Angriffe von Neonazis und gerade auch durch staatliches Wirken wie im Fall Oury Jalloh, der im Polizeigewahrsam verbrannt ist oder die angesprochenen Toten an den Außengrenzen Europas.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/833522.html