09/2013 BLANK: In Hellersdorf ist es zu hell

09/2013 BLANK: In Hellersdorf ist es zu hell

Julia Schramm war in Berlin Marzahn-Hellersdorf, wo derzeit eine unheilige Allianz von Anwohnenden und organisierten Nazis gegen eine Flüchtlingsunterkunft hetzt. Dies ist eine fiktionalisierte Aufarbeitung.

Am U-Bahnhof sammelt sie Flaschen. Sie ist alt, adrett gekleidet, eine von denen, die ihre Schuhe so lange putzt, bis die Löcher weg sind, die mit Taschenlampe und unauffällig an Mülleimern vorbei geht und erst reingreift, wenn vermeintlich keiner guckt. Sie blickt ins Leergut, in die Mülleimer, fokussiert auf die nächste Flasche, steckt sie sorgsam in die gebeutelte Plastiktüte. Ihr schütteres, weißes Haar legt sie sich bestimmt mit diesen blauen Plastikwicklern, die mit der Schnalle aus weichem Gummi. Wie meine Oma. Aus dem Discounter. Nur, dass es wohl noch keine Discounter gab, als sie ihre gekauft hat. Ihr Geruch erinnert mich an die Vorratskammer meiner Großeltern im Keller, als ich in sie stolpere. Es ist ihr peinlich. Sie will nicht auffallen. Vielleicht blickt sie mir deswegen nicht zurück in die Augen. Auch, damit ich ihren glasigen Blick nicht sehe.

Ich schleiche mich an der Flaschensammlerin vorbei, durchquere die Unterführung zum Busbahnhof. Ich war noch nie hier. Außer durch die Linse eines Privatsenders. Und da wirkt das alles viel unverdrossener. Die grellen Jogginganzüge, die gleißenden Plastikfingernägel, der kleine Bahnangestellte, der noch in der schlecht sitzenden Uniform in seine Plattenbauwohnung im 5. Stock und zu niedrigen Decken zurückkehrt. Vielleicht guckt er dann Fernsehen. Oder klickt sich Pornographie. Vielleicht geht er auch mal in ein Bordell. Vielleicht bin ich auch nur voller Vorurteile. Er schaut mich dennoch an wie die Flaschensammlerin ihre Flaschen.

Unsicher, wann der Schienenersatzverkehr mich weiterträgt, reihe ich mich ein in den schweigenden Pulk derer, die aus der Stadt rausfahren, um zu wohnen. Zwischen Alkoholfahnen, plakativ bedruckten Kleidungsstücken in tribaler Schrift, abgewetzten Tragetaschen und ein paar die aussehen wie Studierende. An der Bushaltestelle redet niemand. Wieso auch? Meine direkte Umgebung betrachtend, stecke ich mir unauffällig eine Zigarette an, starre in mein mobiles Endgerät und hoffe, dass die beiden breit bekreuzten Jungs, nicht zur gleichen Demonstration wie ich gehen. Gegen Rassismus. Die Jungs möchte ich ungern auf der anderen Seite sehen. Der Bus kommt. Ich steige auf der anderen Seite ein. Es ist mittlerweile fast dunkel, die Straßenlaternen bereits erleuchtet. Der Bus fährt. Und fährt. Endlos an den tristen Prachtbauten des Versuches eines sozialistischen Staates vorbei. Das Grau blendet, schimmert durch die bunten Übermalungen, die aufgemalten Sonnenblumen bröckeln von den dünnen Wänden. Einst war das hier zum Vorzeigen. Mit fließend Wasser und Strom. Und dem Glauben an eine bessere Zukunft.

Um mich herum sitzen die Bekannten von der Haltestelle. Weiße Menschen, deren Gesichter schrecklich düster wirken. Müde. Es ist Feierabendverkehr. Auch jetzt schweigen sie alle. Nur die zwei Betrunkenen mit den aufgequollenen Gesichtern und den riesigen Poren auf der geröteten Nase machen Geräusche in die dumpfe Menge des Ersatzbusses. Fahren wir im Kreis? Mein Magen hüpft. Um mich herum befinden sich Menschen, die zu 4% NPD gewählt haben bei der letzten Wahl. Menschen, die Flüchtlingskinder aus den KiTas werfen, die Sarrazin für einen Propheten halten und Plakate mit „Natürlich deutsch“ aufhängen, auf denen ein kleines blondes, blauäugiges Mädchen zu sehen ist. Und auch wenn ich weiß, dass es diese Menschen überall gibt, befinde ich mich zu weit außerhalb meines gewohnten Umfeldes, als dass ich nicht philosophieren wollte, dass das, was ich in diesem Bus sehe, die Verdichtung dessen ist, was ich zu bekämpfen fahre.

Der Bus hält. Ich muss aussteigen, meine Bezugsgruppe finden. Es ist fast totenstill, nur ein leichtes Wispern der Polizistinnen, die sich vor der neon beleuchteten Kneipe gegenüber positioniert haben, in der sich einige der Faschos befinden. Trinken und Randalieren. Mut aufnehmen, um die untergebrachten Geflüchteten und Unterstützenden vielleicht doch noch anzugreifen. Vielleicht guckt die Polizei ja zu. Mal wieder. Ich schreibe meiner Bezugsgruppe eine Nachricht voller Tippfehler. Mein mobiles Endgerät verrät mir, dass die Polizei wohl vorhin schonmal eingegriffen hat, als die Randale zu groß wurde. Und ein Hitlergruß gezeigt wurde. Bei Tageslicht. Mit entschlossenem Schritt durchlaufe ich die Unterführung zum abgetrennten Wohngebiet, mit einem kleinen Park, ungemähtem Rasen und frisch gestrichenen Sitzbänken. Vor mir stehen schwarz gekleidete Menschen und im Schimmern des Abends, kann ich die Polizei kaum von meiner Bezugsgruppe unterscheiden. Es ist immer noch sehr still, bedacht, gruselig. Nur ein wenig Musik mischt sich unter die Leute. Gute Musik.

„Kommst du mit hoch zur Schule?“ – endlich haben ich ein bekanntes Gesicht entdeckt. Ich nicke. Deswegen bin ich hier. Wir laufen durch den kleinen Park, vorbei an Antifas, an bulligen Leuten mit großen Hunden und an Polizei. Die Schule, in der die Geflüchteten untergebracht sind, ist hell erleuchtet, an den Laternen davor hängen Plakate, die „Gute Heimreise“ wünschen, auf dem Boden steht in Arabisch mit weißer Kreide geschrieben „Herzlich Willkommen“. Einige Geflüchtete sind bereits wieder geflohen, vor den Menschen, die sie nicht unterscheiden können, die ihnen Angst machen, auch wenn sie eigentlich zur Unterstützung da sind. Sie sind jetzt wieder in dem ersten Ankunftslager.

Auf der einen Seite der Straße stehen wir, schwarz gekleidet, bunt behaart, eindeutige Sprüche auf Plakaten und der Brust. Auf der anderen Seite der Straße stehen die Anwohnenden, die seit Wochen gegen die Unterbringung für die Geflüchteten hetzen. Seite an Seite mit den Faschos und all den Vorurteilen, all den falschen Annahmen, all der Grausamkeit, die Rassismus bedeutet. „In Rostock haben die sogar ihr eigenes Heim angezündet,“ steht am nächsten Tag in der Zeitung. Nancy. Sie haben leuchtende Kleidung und fleischige Glatzen. Sie strahlen in ihrem Hass, lachen. Sie sehen aus, wie die Leute im Bus. Und dazwischen die Polizei, die eine Grenze bildet zwischen uns und denen. Denen, die Photos von uns machen. Mit Blitz.

Die Polizei wartet darauf abziehen zu können, wir warten darauf, dass die Geflüchteten nicht angegriffen werden. Die Nazis warten auf den Führer und die Anwohnenden warten darauf wieder unter sich zu sein. Homogen. Weiß. Da erblicke ich die Flaschensammlerin. Sie steht auf der anderen Seite. Wie es meine Oma vielleicht auch getan hätte. Ihr Blick verrät die Abneigung für diejenigen, die es am meisten trifft, die ähnliche Erfahrungen wie meine Oma gemacht haben. Die fliehen mussten, vor der Bedrohung ihres Lebens. Glaubt sie an die deutsche Nation? Oder nur an den apart aussehenden Nazikader, der auch Nachwuchskraft bei der örtlichen Sparkasse sein könnte? Sie klammert sich an ihre Flaschen, als nähme sie ihr jemand umgehend weg, der glasige Blick fokussiert, die Augen zu Schlitzen formiert.

Meine Oma mochte Schwarze nicht. Sie sagte abschätzig das N-Wort, um sie zu benennen. Und Menschen, die sie Türken und Kroaten nannte, mochte sie auch nicht. Einmal fragte sie einen Taxifahrer, ob er denn auch wirklich hier Auto fahren dürfe. Sie verließ regelmäßig Läden, wenn diese von Menschen betrieben wurden, die sie nicht mochte, weil sie nicht so aussahen, wie sie sich Deutsche vorstellte. Wenn sie nicht Peter hießen. Oder Hans. Mein ganzes Leben erinnere ich mich an sie nur als Opfer. Krieg, Aderlass, Angst, Arbeit. So viel Arbeit. So wenig Anerkennung. Die Welt war nicht gut zu ihr gewesen. Außer Deutschland. Deutschland hatte sich immer bemüht gut zu ihr zu sein. Den Preis dafür musste schließlich nicht sie zahlen. Hatte sie nie gemusst. Oder gewusst. Sie starb zusammen mit Papst Johannes Paul II, auch wenn sie nicht gläubig war. Als erste. Dabei hatte ihr nie jemand geglaubt, wenn sie sagte, dass sie als erste sterbe.

Wenn sie über Menschen sprach, denen sie auf Grund biologischer oder semantischer Merkmale absprach deutsch sein zu können, vogelfrei zu sein, war sie immer ganz ruhig. Unterkühlt, mit einer leicht zischenden Aussprache. Als ich das erste Mal Bilder von meinem Opa in Uniform sah, fragte ich nach, ohne Antworten zu bekommen. Ich hörte nur von Hunger und Essensmarken, von Angst und Tod. Von Hans. Irgendwann wusste ich genug, um zu wissen, was er getan hatte mit der Binde am Oberarm. Irgendwann sprachen wir nicht mehr darüber. Sie wich mir aus. Sie war auch nicht politisch. Sie war nur ungehalten. Irgendwie. Wütend. Auf Menschen, denen sie vorwarf ihr Leben zu zerstören. Zerstört zu haben. Sie sprach selten über Deutschland.

Es wäre ihr wohl egal, dass ich ihr heute gegenüber stehe, sie anklage für Ideen und Urteile, die das systematische Vernichten von Menschen rechtfertigen. Massenhaft. Vielleicht würde sie – wie so viele – sagen, dass gewaltvoller Widerstand gegen diese Ideen und ihre Konsequenzen falsch ist. So wie sie es gelernt hat. Dass die Welt so geordnet ist, wie es richtig ist. Gewalt es zu ertragen gilt. Auch ohne Gott.

Weniger Raum, weniger Mittel, weniger Akzeptanz oder einfach rohe Gewalt, bei der die Polizei gähnend daneben steht. Immer und immer wieder. Einfach nur, weil ein Mensch nicht so ist, wie es die Mehrheit sein will. Wie die Mehrheit glaubt, dass es richtig ist. Wie die Mehrheit ist. Und um sicher zu gehen, wird jeder Verstoß gegen die institutionalisierte Diskriminierung sanktioniert. In letzter Konsequenz mit dem Tod.

Deswegen wird auf Demos der Polizei auch „Wo wart ihr in Rostock?“ zugerufen, wenn sie die Faschos besser schützen als uns. Wenn sie bis zum bitteren Ende garantieren, dass Hetze gegen Menschen betrieben werden darf, dass sich im „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) befindende Menschen morden dürfen. Dass den Opfern dieser Terrorist*innen erst die Schuld gegeben wird. Dass bis heute rechte Ideologien in Behörden gängig sind und Menschenleben zerstören. Menschen verachten. Das sind tägliche Angriffe, die in unserem direkten Umfeld sind. Einfach so. Weil es geht.

In Hellersdorf finden sich an diesem Abend viele, die denken wie ich. Die Angst haben, dass ohne sie die Polizei nicht da ist und die Faschos die Geflüchteten angreifen. Unter Applaus der Anwohnenden. Angreifen, weil sie nach Hellersdorf geflohen sind. Aus einem Land, in dem Krieg geführt wird. Mit Waffen, die auch aus Deutschland kommen.

Deutschland ist nicht das Opfer, Deutschland ist das Kind auf dem Schulhof, dass seine Mitschüler terrorisiert, um mehr Äpfel zu essen, als alle anderen. Einfach so. Weil es geht. Doch wie können wir uns wehren, die Angegriffenen und die Solidarischen, in einer Welt, die von Ideen und Bildern verseucht ist, die Menschengruppen jeden Tag auf ein neues demütigen, weil sie weiblich sind, Schwarz, homosexuell, fett oder krank? Oder weil sie sich jetzt Chelsea Manning nennen. Bilder, die eine neue Wahrheit kreieren, Nationalismus und Menschenhass befördern, die Mächtigen stärken, denen helfen, die sowieso schon über Kapital verfügen. Und das Wissen, dass eine weiße Männlichkeit immer noch am glaubwürdigsten ist.

Die Polizei tuschelt. Sie sprechen davon, dass sich hier bald alles auflöst, dass die Hippies mit den Pappschildern bald weg sind. Sie sehen genervt aus, verweisen die Versammlung des Platzes. Sie mögen es nicht, dass wir die Anwohnenden auf der anderen Seite beleidigen für ihre Hetze, ihre Menschenverachtung. Und die Hakenkreuze. Die Anwohnenden sind keine Versammlung, sagen sie, denn sie haben sich nicht zur gemeinsamen Zweckverfolgung zusammen gefunden. Sie sind nicht politisch. Sie sind besorgt. Muss das sein, höre ich sie sie fragen, können wir uns nicht alle vertragen? Ihr Linken seid doch genauso verblendet wie die Rechten! Die Polizei beschützt die Geflüchteten schon, die haben es hier gut, dank uns. Die haben doch alles. Kriegen doch alles. Am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass der Einzug in die Flüchtlingsunterkunft von Linken und Rechten gleichsam gestört wurde.

An diesem Abend laufe ich nach Hause, verwirrt von dem Gefühl, vielleicht doch falsch gehandelt zu haben. Dann denke ich daran, dass verlangt wird, dass diese Menschenverachtung hingenommen werden, dass erst die Art der Verteidigung dagegen kritisiert wird, bevor die Haltung abgelehnt wird, dass dieses Hinnehmen, Relativieren zu Progromen führt. Wieder Rostock. Da werde ich wütend, bin hellauf erregt und summe Beleidigungen in meinem Kopf. Faschos. Alle samt. Trotzdem stelle ich anschließend meine leere Flasche neben den Mülleimer.

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