27.09.2013 nd: »Nazis und die Kälte – das sind die Probleme«

27.09.2013 nd: »Nazis und die Kälte – das sind die Probleme«
In der Hellersdorfer Flüchtlingsnotunterkunft ist seit einiger Zeit die Heizung ausgefallen

Im Flüchtlingsheim in der Carola-Neher-Straße in Hellersdorf ist es eiskalt. Die Heizungen sind kaputt. Eine Vietnamesin schiebt gerade den Kinderwagen ins Haus und klagt über die Kälte. »Ich wohne im dritten Stock. Mein Baby ist krank«, sagt sie. Eine Bosnierin, die als Kind in Berlin gelebt hatte und nun mit ihren Kindern nach Berlin zurückgekommen ist, schimpft ebenfalls über die Kälte. Und über Nazis. »Jede Nacht gibt es Krach hier. Jede Nacht brüllt irgendjemand rum oder fotografiert uns vom Hoftor aus. Und es ist eiskalt. Ich habe schon einen Antrag gestellt umzuziehen. Aber das klappt nicht.« Zwei junge Pakistani kommen hinzu und teilen die Kritik. »Das Heim ist sauber. Das Personal ist nett. Aber Nazis und die Kälte. Das sind die Probleme.«

Beim Landesamt für Gesundheit und Soziales bestätigt und bedauert man die Probleme mit der Heizanlage, geht aber davon aus, dass die noch in dieser Woche behoben werden. »Durch den langen Leerstand der Schulgebäude waren sämtliche technische Heizpumpen inklusive der Regelanlage für die Regulierung der Fernwärme und Vorlauftemperatur aus dem Gebäude entfernt worden und mussten nachbestellt werden. «Durch Engpässe bei der Lieferung ist es zu einer Verzögerung der Arbeiten gekommen», sagt Sprecherin Silvia Kostner. Eigentlich seien die Arbeiten noch vor Beginn der Heizperiode geplant worden. Aber man sei guter Hoffnung, dass vielleicht schon heute das Gebäude beheizbar ist. Seit Mittwoch sind Handwerker im Haus.
Fünf Wochen nach Eröffnung des Heimes haben 182 Flüchtlinge hier ein Zuhause. Die meisten stammen aus Tschetschenien, Pakistan, Syrien, Vietnam und vom Balkan. Viele gehen inzwischen selbstverständlich in der Umgebung einkaufen oder fahren mit der U-Bahn in die Stadt. Andere haben sich nach Angaben der Grünen-Abgeordneten Canan Bayram aus Angst vor Nazis in ihren Zimmern verschanzt. Bayram betreut einen Afghanen, der Angst vor Nazis und der Polizei hat und sich nach sportlicher Betätigung sehnt.
Die Teilhabe der Flüchtlinge am sozialen Leben in Hellersdorf lässt noch auf sich warten, steckt aber in den Startlöchern. Die nahe gelegene Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik will zwei Räume des Gebäudes für Vorlesungen und Seminare nutzen. «Wir wollen damit in die Trutzburg Asylbewerberheim ein Stück Normalität einbringen. Davon erhoffen wir uns, dass die große Polizeipräsenz vor dem Heim bald überflüssig wird», sagt Rektorin Theda Borde. Studentisches Leben würde dem Gebäude einen anderen Geist einhauchen. Die Flüchtlinge könnten an den Lehrveranstaltungen teilnehmen, sofern sie die deutsche oder englische Sprache beherrschen. Und sie könnten Mensa und Bibliothek in der zehn Minuten Fußweg entfernten Hochschule mit nutzen.
Beim Bezirk haben sich viele Menschen mit ehrenamtlichen Hilfsangeboten gemeldet, sagt der linke Bezirkspolitiker Björn Tielbein. «Wir haben zum einen sehr viele Sachspenden von Altkleidern bis zu Sport- und Spielgeräten. Aber es haben sich auch viele Hellersdorfer gemeldet, die ehrenamtliche Arbeit leisten wollen.» So gab es am Mittwoch eine Hilfskonferenz, zu der mehr als 70 Freiwillige gekommen seien. Die Volkshochschule des Bezirkes bereite zudem ein Angebot vor, wo Flüchtlinge kostenlos Deutsch lernen können. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn nach Bundesgesetzen haben Flüchtlinge keinen Anspruch auf einen vom Staat finanzierten Deutschkurs.

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