In Hellersdorf ist für die Flüchtlinge Ruhe eingekehrt

22.12.2013 Morgenpost: In Hellersdorf ist für die Flüchtlinge Ruhe eingekehrt
Vor vier Monaten zogen Asylbewerber in eine Hellersdorfer Schule. Damals marschierten Neonazis auf. Doch inzwischen hat sich viel verändert. Heute helfen Anwohner.

Die Carola-Neher-Straße ist fast verlassen. Ein Mann steigt mit seinen Einkäufen die drei Stufen zum Hellersdorfer Flüchtlingsheim hoch. Als er die Tür öffnet und hineingeht, sieht man für einen Moment Kinder, die im Flur Fangen spielen.
Derselbe Ort, vier Monate zuvor: Neonazis marschieren in der Straße auf, NPD-Plakate in der Luft, „Nein zum Heim“-Chöre. Gegenüber Sitzblockaden, dazwischen Hunderte Polizisten in Schutzanzügen, Helmen mit Visier. Willkommens-Atmosphäre fühlt sich anders an.
Doch es hat sich viel verändert in Hellersdorf. Vier Monate erst ist es her, dass das Flüchtlingsheim als Beispiel herhalten musste; für nicht funktionierende Asylpolitik, Stammtischparolen und die Polarisierung durch Rechte. „Als ich die Aufgabe übernommen habe, da haben mich alle für verrückt erklärt, sogar meine Familie“, sagt Martina Wohlrabe, die Leiterin der Einrichtung. Dieser Konflikt sei doch niemals zu lösen, hörte sie überall.
Seit 1989 arbeitet Wohlrabe schon in Einrichtungen, die sich um Vertriebene kümmert. Damals waren es die Spätaussiedler, heute die Flüchtlinge aus Nahost, Afrika, Osteuropa. „So etwas wie hier in Hellersdorf hatte ich vorher noch nie erlebt“ sagt sie. Und nach einer Pause: „So etwas hätte ich auch nie erwartet.“

Viel ist besser geworden
Inzwischen ist vieles besser geworden. Auch das hätte Wohlrabe so schnell nicht erwartet. Das Schul-Nebengebäude an der Maxie-Wander-Straße wurde umgebaut, aus der Notunterkunft wurden Familienapartments. Es gibt Privatsphäre und keine Gemeinschaftsduschen mehr; stattdessen abgeschlossene Wohnungen für drei bis sechs Bewohner, mit eigener Küche und Bad. Die teils schwer traumatisierten Flüchtlinge haben Ruhe im Heim. Und Ruhe ist auch draußen, auf den Straßen rund um das Heim.
Keine Protestzüge ziehen mehr durch die Carola-Neher-Straße. Vor dem Heim versammeln sich keine Gegner mehr. „Obwohl wir immer Gegner haben werden“, sagt Wohlrabe. „Wir können das nicht verhindern.“ Am Nikolaustag klebten symbolische Rückflugtickets am Heim, zurückgebliebene „Nein-zum-Heim“-Flyer wehen manchmal noch über die Straßen in der Nachbarschaft. Aber die großen, lautstarken Proteste sind vorbei.
Schließlich sei der Wahlkampf ebenfalls vorbei, meint Stefan Komoß (SPD). Hellersdorf sei nun kein Instrument mehr für Splittermeinungen. Komoß ist der Bürgermeister des Bezirks. „Wenn wir hier jetzt eine Demo haben, dann pro Flüchtlingsheim“, sagt er. Als es hochkochte im Osten von Berlin, hätten die Anwohner schnell Stellung bezogen. Während die Rechtsextremen durch die Nachbarschaft liefen, skandierten die Anwohner genauso kräftig, dass sie nicht zu ihnen gehören. Stattdessen engagierten sie sich für die Flüchtlinge.
Nebenan in einem Raum arbeitet Luisa Seydel. Sie sortiert ehrenamtlich Kleidung und Spielzeug. Die 21 Jahre alte Studentin ist Mitglied der Initiative „Hellersdorf hilft“. Der Arbeitskreis gründete sich nach der eskalierten Bürgerversammlung im Juli, als Neonazis bei einer Informationsveranstaltung Stimmung machten. 300 Menschen meldeten sich in den folgenden Wochen. Alle wollten helfen.
Auch Seydel beobachtet, dass sich die Stimmung inzwischen beruhigt hat. „Die Befürchtungen, dass sich das Klima des Stadtteils durch die Anwesenheit der Flüchtlinge ändern würde, sind zwar noch nicht komplett ausgeräumt“, sagt sie, „aber die Stimmung hier im Kiez hat sich deutlich verbessert.“ Bezirksbürgermeister Komoß sagt: „In manchen Jahren bekommt die NPD hier bei Wahlen sieben Prozent. Solche Menschen werden ihre Meinung selbst bei einem völlig problemlos laufenden Flüchtlingsheim nicht ändern.“

200 Bewohner ziehen um
Nach den Weihnachtsfeiertagen sollen nach und nach alle 200 Flüchtlinge in das sanierte Nebengebäude umziehen. Dann wird auch der trist-braune Bau in der Carola-Neher-Straße modernisiert. Ende März soll das Heim dann doppelt so viele Menschen aufnehmen können. Nachbarn helfen inzwischen regelmäßig bei den Hausaufgaben, geben den Flüchtlingen Deutschunterricht. Noch muss Sozialarbeiterin Rim Farha viel übersetzen. Aber auch sie erzählt, dass die Bewohner sich sicher fühlen würden. Sie brächten ihre Kinder zur Schule, erledigten Einkäufe. Alles sei normal, lassen auch einige der Flüchtlinge über die Dolmetscherin ausrichten.

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