Gierso vs. „Neue Nachbarschaft“

11.02.2014 Morgenpost
Wie der Alltag in einem „normalen“ Flüchtlingsheim aussieht

Das Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz ist ein Politikum. Doch unter welchen Bedingungen leben die Menschen in anderen Berliner Heimen? Unsere Autorin hat sich in Moabit umgesehen.

Auf die Frage, wie er den Tag verbringe, hat Mohamed eine eindeutige Antwort: „Ich weine. Ich weine“, sagt der 17-Jährige, der aus Guinea nach Moabit in die deutsche Hauptstadt gekommen ist. Mohamed ist kein Tourist, wie sie Hoteliers, PR-Strategen oder der Senat so gern haben. Er floh aus seiner Heimat, weil seine Familie ihn umbringen will.
Mehr möchte er nicht sagen, weil ihm sonst tatsächlich gleich wieder die Tränen in die Augen steigen. Und er hofft, später in Europa studieren zu können. Es wird ein weiter Weg werden, könnte man zynisch sagen, wenn man sieht, wo er sich derzeit befindet.
Mohamed lebt zwischen gefliestem Boden, gelb gestrichenen Wänden und ausgetretenen Stufen. In der Luft liegt der Geruch von Turnschuhen, der Wachschutz ist im ganzen Gebäude präsent. Auf der Treppe nach oben laufen Schulkinder mit bunten Ranzen, vor dem Büro der Leitung dieses Flüchtlingsheims in der Levetzowstraße hängen selbstgemalte Schilder in diversen Sprachen: Englisch, Arabisch, Russisch, Serbisch und einige mehr; Hinweise auf Sprachkurse und den Gebetsraum.

Werktags fünf Mitarbeiter für 260 Flüchtlinge
Hinter der Tür wartet Frau Dolovac. Eine verbindliche Frau mit schwarzen langen Haaren, sympathisch, bemüht. Als Heimleiterin hat sie das ehemalige Heinrich-von-Kleist-Gymnasium neu mit eingerichtet. Danach hat sie für den privaten Betreiber Gierso GmbH die Eröffnung von drei weiteren Wohnheimen übernommen.
Sie betont, diese Firma habe eine „wunderbare Geschäftsleitung“, auch wenn sie sich ihre Arbeit etwas anders vorgestellt habe: Der Kontakt zu den Menschen fehle. Eigentlich sollten hier 200 Flüchtlinge Unterschlupf finden, nun sind es 260. Fünf Mitarbeiter arbeiten werktags als Betreuer für Mohamed und die anderen Flüchtlinge. Auf der Webseite der Gierso sind die Anforderungen ans Personal öffentlich einsichtig: Die Bewohner sollen auch individuell in Krisensituationen begleitet und ihre „Teilnahme am sozialen Leben“ gefördert werden.

Streit mit der Bürgerinitiative
In einem ehemaligen Hausmeisterbüro sind dafür zwei kleine Räume für die Mitarbeiter eingerichtet worden. Es ist wenig Platz, zwei Schreibtische nehmen einen Großteil des Raumes ein, darum verteilt stehen fünf Stühle, lindgrüne Farbe blättert von der Wand. Daneben stapeln sich Sachspenden für die Kinder im Heim. Von acht Uhr früh bis 17 Uhr abends haben die Bewohner hier die Möglichkeit, sich mit Fragen ans Team zu wenden. An diesem Freitag ist es zuerst eine Frau, auf Serbisch bittet sie um einen Arzttermin. Frau Dolovac nickt, greift zum Hörer. Während sie noch telefoniert, bittet ein Familienvater um die Zusammenführung seiner Familie in einem gemeinsamen Heim. Andere fragen nach der Post, eine Großfamilie trägt sich für die Waschmaschinennutzung ein.
Ob nicht mehr als einmal die Woche möglich sei, wird gefragt. Bald ist der kleine Raum von serbischem, arabischem und russischem Stimmgewirr erfüllt. Alle Stühle sind besetzt, das Büro überfüllt – dazwischen zwei Kinder, die ein Formular für den Hort haben und schnell eine Unterschrift wollen. Die Mitarbeiter bemühen sich, allen gerecht zu werden, wenn aber etwas nicht sofort klappt, etwa so schnell kein Arzttermin frei ist, kein Ansprechpartner bei den Behörden verfügbar ist, dann bleiben Aufgaben doch liegen. Zu viele andere Probleme warten noch.
Die Szenen wirken umso interessanter, wenn man sich daran erinnert, dass um dieses Heim in den vergangenen Monaten ein öffentlicher Streit entbrannt ist. Es geht dabei nicht um gekürzte Mittel, sondern um Hilfe von außen: Von August bis Anfang November 2013 hatte sich die Bürgerinitiative „Neue Nachbarschaft“ stark engagiert. Besonders die Kinder hatten die 25 Freiwilligen im Blick, sie boten Malkurse an, auch Sport- und Deutschkurse oder Kino. Tanja Marschanskich, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, sagt, es seien durchaus Fortschritte zu sehen gewesen. Die Kinder seien „total anders geworden“, hätten irgendwann begonnen, mit bunten, statt schwarzen Farben zu malen und aufgehört sich zu beschimpfen.

Alkohol beim Gartenfest
Doch Heimleitung und „Neue Nachbarschaft“ sind mit zunehmender Dauer des Engagements aneinandergeraten. Die Freiwilligen kritisierten die Zustände im Heim von Beginn an recht harsch, dann eskalierte die Situation bei verschiedenen Gelegenheiten: So wirft die Heimleitung den Ehrenamtlichen vor, bei einem von ihnen organisierten Fest seien zu viele Leute eingeladen worden, zudem sei Alkohol geflossen. Oder es geht um die Verteilung von Sachspenden an die Familien: Diesmal wirft die „Neue Nachbarschaft“ der Leitung vor, die Spenden seien nicht ordentlich ausgegeben worden.
Im November veröffentlichte die Initiative dann einen Offenen Brief. In elf Punkten bemängelten die Freiwilligen unter anderem, dass Kinderbetreuung, Freizeiträume und Internetzugang fehlten und beklagten die mangelhaften hygienischen Zustände. „Ich bin sehr oft im Büro gewesen“, sagt Marina Naprushkina, Künstlerin und Hauptinitiatorin der „Neuen Nachbarschaft“. „Passiert ist auf unsere Kritik hin lange Zeit nichts.“ Als Reaktion bat der private Betreiber die Initiative, ihre Arbeit in der Levetzowstraße einzustellen.
Fragt man bei der Gierso nach, erhält man von der Geschäftsleitung zur Antwort, die Firma brauche keine Initiative, „damit wir wissen, wie man ein Wohnheim betreibt“. Die Freiwilligen sähen „Spektakel als ihren Job“.

„Am Anfang etwas schiefgelaufen“
Im Büro des Flüchtlingsheims ist es etwas ruhiger geworden. Zeit für die tägliche Teambesprechung und ein gemeinsames Frühstück des Personals. Auf dem Tagesplan stehen heute die sogenannte „Hygieneausgabe“ und Frau Dolovacs wöchentlicher Rundgang durchs Haus. Eine ziemlich triste Veranstaltung: Die Frauentoilette im ersten Obergeschoss ist eiskalt, es stinkt. Auf dem Boden steht Wasser. Daneben arbeitet ein Mann der Reinigungsfirma, der mit Topfreiniger die Kacheln schrubbt. „Wir wissen nicht mehr, wie wir es sauber kriegen sollen“, sagt er. Und: „Heute hat wieder jemand auf den Boden gekackt.“
Auf dem Gang spricht Frau Dolovac dann über die Kinderbetreuung, gibt zu, dass da „am Anfang etwas schiefgelaufen“ sei. Aber das hier sei „ein ganz junges Team“, keiner habe vorher diese Arbeit gemacht. Da kämen viele Probleme zusammen. Zuerst hätten die Kinder eingeschult werden müssen. Das musste die Kollegin von der Kinderbetreuung übernehmen. Jetzt aber gäbe es einen Kinderraum. Und regelmäßige Öffnungszeiten. Von der Gierso heißt es, eine Kinderbetreuung umfasse auch die Einschulung der Kinder. Auch dies sei von den vertraglich vereinbarten acht Stunden Kinderbetreuung am Tag zu leisten. Die Initiative meint dazu: „Eine Kinderbetreuung, die nur im Büro sitzt, ist keine Kinderbetreuung, denn sie betreut keine Kinder.“
Frau Dolovac klopft am ehemaligen Musikzimmer. „Einer unserer größten Räume“, sagt sie leise. Vor uns liegt ein langer Gang, der aus mehreren Spanplatten gebildet wird, daraus ergibt sich eine Art Verschlag. Als Türersatz fungieren schwarze Stoffvorhänge, die Konstruktion reicht nicht ganz bis zur Decke. „Separees“, sagt Frau Dolovac. Irgendwo plärrt ein Radio, jemand schnäuzt sich laut. Alle Räume sind pro Person mit je einem Bett, Tisch, Schrank und Stuhl ausgestattet. Bis zu sechs Leute sind so in einem Separee untergebracht. An einer Wand hängen deutsche Verbtabellen. Schön sei das nicht, sagt der Heimleiter Till Krüdener. Aber der Stadt Berlin fehlen ohnehin schon hunderte Heimplätze.

Durchgangszimmer als Aufenthaltsraum
Auch die Gemeinschaftsräume sind spärlich eingerichtet. So ist der Aufenthaltsraum nur ein Durchgangszimmer mit ein paar Tischen – und der Gebetsraum eine Turnhalle, die auch von externen Vereinen genutzt wird. Nur das Kinderzimmer ist mit seinem grünen Teppich und Sofas gemütlich eingerichtet, dazu finden sich viele Spielsachen. Das Haus sei denkmalgeschützt, erzählt Suada Dolovac weiter. Viele der Klassenzimmer seien ungeeignet für ein Flüchtlingsheim. Außerdem werde viel geklaut, wenn die Räume offen stünden. Einiges davon tauche auf Flohmärkten wieder auf, auch Hygieneartikel, die regulär ausgegeben würden. „Ich kann es sogar verstehen“, sagt sie – wegen des geringen Taschengeldes, das die Flüchtlinge vom Amt bekommen. Aber es mache einen normalen Betrieb schwierig.
Dann folgt die Hygieneausgabe. Abhängig von der Dauer des Aufenthalts erhalten die Flüchtlinge Hygiene- und, oder Küchenartikel ausgehändigt. Eine Kleinfamilie bekommt etwa eine Küchenrolle, viermal Klopapier, achtmal Shampoo und Duschbad in kleiner Abpackung, Zahnbürsten, bei Männern zwei Einwegrasierer und Seife für etwa vier Tage. Es ist eine Ration für „Selbstversorger“, ein weiteres Problem. Denn „Selbstversorger“ sind Bewohner, die nach drei Monaten weitere staatliche Leistungen in Anspruch nehmen dürfen und im Heim selbst kochen müssen. Da die Unterkunft, entgegen der ursprünglichen Planung, schon fast ein Jahr besteht, nimmt deren Anzahl weiter zu. Lange Zeit aber gab es für ihre Bedürfnisse nur eine einzige Küche mit zehn Herden. Erst vor kurzem wurde eine neue eingerichtet.
Gegen die Heimleitung hat von den Familien hier jedoch niemand etwas einzuwenden. Na ja, sagen einige Erwachsene, ein eigenes Zimmer wäre schön, die Familie mit Kleinkindern mache doch jeden Tag ab 7 Uhr Radau. Mehr Duschen, sagt ein anderer, und eine eigene Toilette, die nicht so dreckig sei. Aber so sei die Situation halt. Von der Initiative „Neue Nachbarschaft“ haben nur wenige gehört. Ein paar Kinder fragen allerdings, ob es denn bald wieder Kindergarten und Kino gäbe.

Zu viele Menschen auf zu engem Raum
Persönlich und mit Namen wollen die meisten Bewohner sich nicht zur Situation im Wohnheim äußern. Zu groß ist die Angst, dass ein Foto in der Zeitung Konsequenzen in ihrem Heimatland und für das Asylverfahren hat. Mohamed allerdings ist bereit, sich vor die Kamera zu stellen und sein Zimmer zu zeigen. Suada Dolovac ist der Schreck anzusehen. Kein Schrank, kein Tisch, kein Stuhl, kein Kühlschrank. In den winzigen Raum passt lediglich ein Bett. Als sich Mohamed darauf setzt, berührt er mit den Füßen die Wand. „So etwas geht nicht“, sagt Frau Dolovac, es klingt ehrlich empört. Mohamed sagt, der Mitarbeiter, der ihm das Zimmer zugewiesen habe, sei sehr nett gewesen, immerhin habe er vorher in einem Raum mit sechs Leuten geschlafen. Auf die Frage was er sich wünsche, antwortet er, er wolle endlich wieder ein eigenes Leben haben. Und fügt hinzu: „Je pleure, je pleure.“ – „Ich weine, ich weine.“
Gespräche mit anderen Heimbewohnern belegen, dass Mohameds nicht allein mit seiner Situation ist. Langes Anstehen an den Duschen, zu viele Menschen auf zu engem Raum, keine Beschäftigung. Teilweise sind bestehende Freizeitmöglichkeiten nicht bekannt. „Gibt es eine Kinderbetreuung?“, fragt eine Mutter. „Ja“, bestätigt Frau Dolovac aufgebracht.

„Noch menschenwürdig“
Dann ist der Rundgang beendet. Auf Nachfrage beim privaten Betreiber sagt die Gierso, dass letztlich die Stadt die Gelder für das Personal und die Ausstattung zur Verfügung stelle. Ein Vertreter des zuständigen Landesamts für Gesundheit und Soziales sagt auf einer Sitzung des Migrationsbeirats Mitte, dass aufgrund personeller und finanzieller Engpässe eine Kontrolle der Heime bis vor Kurzem nicht möglich war, die Missstände aber behoben würden. Und: Die Unterkunft sei zwar unserem Land nicht angemessen. Aber „noch menschenwürdig“.
Die Initiative hat ihr Engagement in der Notunterkunft Levetzowstraße im November vergangenen Jahres eingestellt. Danach wurde der Webauftritt der Gierso GmbH um Photos mit lächelnden Menschen, eine Philosophie des Unternehmens und Beschreibungen ihrer Wohnheime ergänzt. Auch eine Beschreibung der guten Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Initiativen kam hinzu. Bis heute ist dort auch ein Malkurs der Hauptinitiatorin der „Neuen Nachbarschaft“ Marina Naprushkina eingetragen. Die Freiwilligen jedoch nutzen mittlerweile eine Kneipe in Moabit für ihre Arbeit. Über Mund- zu Mundpropaganda und das Internet werden die Flüchtlinge informiert.
Ein letzter Vermittlungsversuch zwischen Gierso, Heimleitung, Stadt und Initiative ist Anfang Januar gescheitert. Die Freiwilligen planen nun „die Einrichtung eines eigenen Beschwerdesystems“ für die Flüchtlinge, vielleicht könne auch die Turnhalle im Heim für Sportkurse extern angemietet werden, heißt es. Die Heimleitung versteht das als Einmischung in ihre Arbeit. Im Flüchtlingsheim ist inzwischen eine neue Küche eingerichtet worden, drei neue Waschmaschinen und -trockner sind installiert; die neu formulierten Vorgaben des Landesamts für Gesundheit und Soziales werden schrittweise umgesetzt. An den Auseinandersetzungen und gegenseitigen Vorwürfen der beiden Parteien wird das nichts ändern.

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