Neukölln heißt Flüchtlinge willkommen

22.02.2014 Berliner Zeitung: Neukölln heißt Flüchtlinge willkommen

In der neuen Flüchtlingsunterkunft in Neukölln-Britz werden Anfang März die ersten 200 von insgesamt 400 Asylsuchenden erwartet. Rechte Gruppen hetzen bereits im Netz und hinterlassen Schmierereien in der Umgebung. Doch Anwohner und ein Unterstützer-Netzwerk stemmen sich dagegen.
Friedliche Geschäftigkeit herrscht auf der Baustelle an der Neuen Späthstraße, Ecke Haarlemer Straße in Neukölln-Britz. Die beiden Häuserriegel stehen schon, freundlich sehen sie aus, leuchten gegen das Grau des Februarmorgens an. Jedes der zweistöckigen Häuser, aneinander gebaut in zwei langen Schlangen, hat eine andere Farbe. Schweres Baugerät und unwegsames Gelände umgeben das Areal noch, doch bald soll die erste Flüchtlingsunterkunft von Neukölln fertig sein.

Anfang März ziehen die ersten 200 Menschen hier ein, 200 weitere sollen im April oder Mai folgen. Woher sie kommen, ist noch offen, sagt der Neuköllner Sozialstadtrat Bernd Szczepanski, das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) entscheide die Belegung abhängig von der Zuzugslage. Es könne aber auch sein, dass Menschen aus überbelegten Bezirken nach Neukölln ziehen.
Mehr Platz für Flüchtlinge wird in Berlin dringend benötigt, 8300 Asylsuchende teilen sich zur Zeit 8100 Plätze, und es gibt weiterhin Neuankömmlinge. Deswegen nutzt die Stadt auch befristete Standorte zum schnellen Bau von Unterkünften, wie hier in Britz. Das Grundstück gehört dem Möbelunternehmer Krieger, der es dem Land Berlin kostenlos bis 2015 zur Verfügung stellt.

Moderate Töne
Schnell war Neukölln auch mit der Informationspolitik. Schon im Sommer 2013 wurden die Bürger mit einem Flyer über die Pläne unterrichtet, es folgten Informationsveranstaltungen und Runde Tische, an denen Bürger, Politiker, die Polizei, der Flüchtlingsrat, das LaGeSo und verschiedene Initiativen teilnahmen. Eine 16-seitige Broschüre mit den häufigsten Fragen und Antworten steht auf der Website des Neuköllner Bezirksamtes zum Download bereit.
Anders als in Hellersdorf: Das scheint in Neukölln das Motto zu sein. Rechtzeitig informieren, die Verunsicherung der Bevölkerung nicht in Ablehnung umschlagen lassen, den Rechten zuvorkommen. „Die Anwohner sind skeptisch, es gibt Befürchtungen und Ängste“, berichtet Szczepanski. Im Sommer, gleich nach Bekanntgabe des Vorhabens, habe er zwei Listen mit vielen Bedenken und etwa 400 Unterschriften bekommen. Der Ton sei aber „moderat“ gewesen, die Beschwerden drehten sich vor allem um die Bautätigkeit an Wochenenden und Feiertagen und die damit einhergehende Lärmbelästigung.

Alles bestens vorbereitet
Wie auch in anderen Bezirken geht auch in Neukölln die Skepsis Hand in Hand mit viel Engagement und Willkommenskultur. Es gibt ein breites Unterstützer-Netzwerk, das sich regelmäßig trifft, eine Spendensammlung am 15. Februar sei „ein überwältigender Erfolg“ gewesen, so Szczepanski, viele Bürger brachten Kleider, Spielzeug und Schulmaterial. Nun warteten Vereine, Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden, Schulen und unzählige Einzelpersonen nur darauf, auch Hilfe vor Ort zu leisten. Sie bieten Sprachhilfe, Behördenbegleitung, Sport, Einladungen zum Kennenlernen und vieles mehr an. Auch für die Kinder der Flüchtlinge sei ausreichend gesorgt, mehrere Grundschulen und eine Sekundarschule haben Vorbereitungsklassen eingerichtet. „Wir sind gut vernetzt und vorbereitet, ich sehe der Ankunft der Flüchtlinge mit Gelassenheit entgegen“, sagt Szczepanski.
Gelassenheit ist sicher gut. Denn wie in anderen Bezirken spielt sich auch rund um die Späthstraße und vor allem im Internet das „Nein-zum-Heim“-Trauerspiel rechter Gruppierungen ab. Zuerst hetzte eine sogenannte „Bürgerbewegung Neukölln“ auf Facebook gegen die Unterkunft, mit dem Geschrei war jedoch bald wieder Schluss, Facebook löschte die Seite nach zahlreichen Hinweisen auf die braunen Parolen. Die Neuauflage der Seite firmiert unter dem nur leicht abgewandelten Namen „Bürgerinitiative Neukölln“. Auch sind Schmierereien im Umfeld des Gebäudes aufgetaucht, und trotz Sicherheitsfirma drangen Anfang Februar Unbekannte in die Unterkunft ein und stellten anschließend Fotos ins Netz, versehen mit erwartbar einfältigen Kommentaren.
Es gibt viele Neonazis im Süden Neuköllns. Als Reaktion auf rechtsradikale Übergriffe vor einem Jahr gründeten Bewohner der Hufeisensiedlung das Bündnis „Hufeisern gegen Rechts“. Auch dessen Mitglieder setzen zusammen mit dem „Bündnis Neukölln“ seit langer Zeit alles daran, dass die rechte Stimmungsmache gegen die Flüchtlingsunterkunft nicht überschwappt und wie in Hellersdorf verunsicherte Bürger zu einem feindseligen Mob macht.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neue-unterkunft-in-neukoelln-britz-neukoelln-heisst-fluechtlinge-willkommen,10809148,26303668.html