Blick nach Rechts: Drohungen und Anschläge in Hellersdorf

21.03.2014 Blick nach Rechts: Drohungen und Anschläge

Die rechtsextremen Aktivitäten gegen Flüchtlingsunterkünfte setzen sich ungehindert fort, in Berlin-Hellersdorf seit Jahresbeginn zunehmend militant. Rechtsextremisten versuchen jetzt auch im Stadtteil Adlershof im Berliner Südosten die Ressentiments von Anwohnern zu befeuern – zum Teil anonym im Internet, zum Teil offen mit Flugblättern.

In Berlin-Hellersdorf befinden sich die Neonazis offenbar in einem Dilemma: Nach den Aufsehen erregenden rassistischen Mobilisierungen in dem im Berliner Osten gelegenen Ortsteil im vergangenen Sommer und Herbst, (bnr.de berichtete) vor allem über eine anonyme Facebook-Gruppe im Internet, scheinen sich mittlerweile viele Anwohner mit der neuen Unterkunft für Asylsuchende in der Carola-Neher-Straße abgefunden zu haben. Die Realität hat bewiesen, dass die diffusen Ängste und rassistischen Vorurteile sich nicht bestätigt haben. Zudem wurde frühzeitig aufgezeigt, dass hinter dem Projekt „Bürgerinitiative“ organisierte Neonazis stecken, die eine gezielte Mimikrystrategie praktizieren, um Vorurteile zu schüren.
Mit der seit Monaten abnehmenden Resonanz ihrer rassistischen Hetze können die Rechtsextremisten offensichtlich nicht umgehen. Sichtlich bemüht versuchen sie erfolglos im Internet, ein anhaltendes Klima der Empörung und Ablehnung der Anwohnerschaft zu suggerieren. Flankiert werden diese Bemühungen seit Jahresbeginn von militanten Aktionen gegen die Unterkunft, ihren Bewohnern und deren Unterstützer. In den meisten Fällen prahlt die „Bürgerbewegung Hellersdorf“ noch vor offiziellen Polizei- und Pressemeldungen mit den Taten, in der Regel schlecht verschleiert als „zufällige Beobachtungen“.

Sprengkörper und Hetzjagd
So wurde gleich zweimal wurden Anfang Januar mit Sprengkörpern (so genannten „Polenböllern“) Fenster der Unterkunft beschädigt. Trauriger Höhepunkt der Aktivitäten gegen das Heim war bislang eine rassistische Hetzjagd am 14. März, bei der zwei Bewohner der Unterkunft von einem Mob aus 15 Rechten mit Flaschen beworfen und gejagt wurden. Die Angegriffenen konnten sich in das Gebäude flüchten, worauf die Gruppe erfolglos versuchte, in die Unterkunft einzudringen. Erst nach 20 Minuten erschien die Polizei, als die Täter bereits geflohen waren. Ziel der Neonazis ist es offensichtlich, nicht nur virtuell ein Klima der Angst gegenüber Flüchtlingen aufzubauen, sondern den Drohungen zunehmend auch Taten folgen zu lassen.
Darauf müssen sich auch Unterstützer der Flüchtlinge einstellen, die ebenfalls ins Visier der Neonazis geraten, wie ein Brandanschlag in der Nacht zu Sonntag auf das Auto eines Mitglieds der örtlichen Evangelischen Gemeinde zeigt. Die 44-jährige Seelsorgerin hatte sich in der Initiative „Hellersdorf hilft“ engagiert und war zuvor abfotografiert worden, als sie Hilfsgüter aus ihrem Auto auslud. Zudem notierten sich extremen Rechten ihr Autokennzeichen. Immer wieder prangert die „Bürgerbewegung“ im Internet solche Unterstützer und andere Engagierte steckbriefartig mit persönlichen Daten im Internet an.

„Gleich abfackeln wenn die da drin sind“
Dieses Vorgehen aus Hellersdorf versucht die rechte Szene seit einiger Zeit auch in anderen Berliner Bezirken zu praktizieren, zum Beispiel in Pankow oder Neukölln. Bislang jedoch ohne nennenswerte Resonanz. Allerdings zeichnet sich im Treptow-Köpenicker Ortsteil Adlershof ab, dass die rassistischen Parolen zumindest bei einem Teil der Anwohner auf offene Ohren zu stoßen scheinen. Der Stadtteil grenzt direkt an Schöneweide und Johannistal, die seit Jahren Schwerpunktregionen der Rechtsextremisten im Bezirk sind. Ab 1. Juni soll dort ein ehemaliges Hotel in der Radickestraße zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert werden.
Auch hier wird mit einer Doppelstrategie, anonym im Internet als „Nein zum Heim in Köpenick“ und offiziell als NPD mit Flugblättern, gegen die geplante Unterkunft mobil gemacht. Zudem wurde eine Onlinepetition gegen die Eröffnung erstellt, die derzeit von 290 Menschen aus dem Bezirk unterschrieben wurde. Auf der Facebook-Seite zeichnet sich ab, dass zumindest ein Teil der Anwohner ablehnend reagiert und offen für die Hetze der Neonazis scheint oder mit deren Ansichten sympathisiert. Nicht selten werden Beiträge sogar mit Gewaltaufrufen wie „Wollen wa did nich einfach abfackeln?“ oder „Ich wohne eine strasse weiter. Ich sollte anfangen mein hund abzurichten“ sowie „Gleich abfackeln wenn die da drin sind“ kommentiert.
Wie groß jedoch der Unmut der Anwohnerschaft wirklich ist, oder ob sich ein überschaubarer Kreis radikalisierter Einzelpersonen und überzeugter Neonazis gegenseitig aufstacheln, dürfte sich spätestens Anfang April bei so genannten „Informationsveranstaltungen“ zeigen. Zwar mobilisiert die „Nein zum Heim“-Gruppe zu den Veranstaltungen am 4. und 7. April, teilnehmen können jedoch nur Anwohner mit Einladung. Unabhängig davon zeigt jedoch Berlin-Hellersdorf, dass die rechtsextremen Aktivitäten auch ohne breite Basis eine reelle Gefahr darstellen und für Übergriffe und Anschläge keine Unterstützung der Anwohner bedürfen.

http://www.bnr.de/artikel/hintergrund/drohungen-und-anschlaege