«Sauber hier! Aber geändert hat sich nichts»

30.06.2014 Neues Deutschland
«Sauber hier! Aber geändert hat sich nichts»
Ein Teil der Flüchtlinge hat die besetzte Kreuzberger Schule verlassen – wie es jetzt weitergeht, wissen sie nicht

Etwa 200 Flüchtlinge aus der Schule sind in Heimen untergekommen. Eine Lösung aber bedeutet das für sie noch längst nicht. Weiterhin kämpfen sie für ein Aufenthaltsrecht in Deutschland und eine humane Unterbringung.

«Gestern fuhr hier eine ganze Gruppe Motorräder vorbei, heute Rennradfahrer», freut sich Rafik aus Mauretanien, während er den Verkehr auf dem Kaiserdamm betrachtet. Rafik sitzt mit drei anderen vor einem Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg. Sie rauchen Zigaretten, trinken Kaffee und reden über dies und jenes.

Ein Großteil der Flüchtlinge, die vor knapp einer Woche das Angebot des Bezirks annahmen und aus der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße auszogen, ist nun hier untergebracht – rund 80. Weitere hundert sind auf ein Heim in Spandau verteilt worden. Jeweils kleinere Gruppen wohnen mittlerweile in einer betreuten Wohneinrichtung der AWO in Berlin Mitte und – vornehmlich Roma – in Gatow.
Im Großen und Ganzen sei es gut hier, versichert Rafik. Es gebe Drei- und Vier-Bettzimmer mit Dusche. Die Zimmer seien sauber, jeder habe einmalig die versprochenen 50 Euro bekommen und das Personal sei recht freundlich, aber auch streng. «In der Ohlauer Straße hatten wir mehr Freiheit». Doudane aus Kamerun, der neben ihm sitzt, ergänzt: «Das Heim ist o.k., aber das ist mir nicht so wichtig. Ich habe Asyl beantragt. Daran hat sich doch nichts geändert. Ich habe auch einen neuen Hausausweis, aber was ändert das? Ich habe keine Arbeit, kann nichts tun – nur sitzen und warten.
Der rechtliche Status der Flüchtlinge, die aus der Ohlauer Straße ausgezogen sind, ist unterschiedlich. Einige haben Asyl beantragt und warten auf die Entscheidung, dürfen nicht arbeiten und wegen der Residenzpflicht eigentlich nicht reisen. Doch viele halten es in den kleinen Dörfern und Gemeinden nicht mehr aus. »Ich war in Horst in Mecklenburg-Vorpommern«, sagt ein Algerier, der sich zu uns gesellt, seinen Namen aber nicht nennen will. »Da waren überall Nazis und man musste sieben Kilometer bis zur Bushaltestelle laufen. Da konnte ich nicht bleiben, da bin ich nach Berlin gekommen und in die Schule gezogen «.
Andere der Flüchtlinge, die hier wohnen, haben bereits eine Ausweisung bekommen, weil ihr Asyl abgelehnt wurde. Eine weitere Gruppe ist über Italien oder Griechenland nach Europa eingereist, und Deutschland will sie in einem Dublin-II-Verfahren dorthin zurückschicken, obwohl es massive Kritik an der Asyl-Verfahrenspraxis in Griechenland und Italien gibt.
»Wir wollen ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht!« Darin hingegen sind sich alle einige. »Europa hat eine Verantwortung«, sagt eine Frau aus Zimbabwe, die vorbei kommt, um Lebensmittel einzukaufen. »Afrika wird ausgebeutet. Europa kommt und nimmt alles weg: Gold, Diamanten, Bodenschätze. Die Bedingungen der Minenarbeiter in Südafrika oder im Kongo sind miserabel, aber die Menschen will Europa nicht haben«. In dem AWO-Heim fühlt sie sich wohl, vor allem die Küche gefällt ihr, aber sie fühlt sich kontrolliert. »Wir müssen immer den Schlüssel unserer Zimmer abgeben, wenn wir gehen. Die Security kann in unsere Zimmer, und um zehn Uhr müssen alle Besucher das Haus verlassen.« Doch sie sagt auch, dass die Angestellten hier freundlich wären und man mit ihnen reden könne, wenn es Probleme gibt.
Rafik und seine Freunde wollen nun in die Ohlauer Straße gehen, um zu demonstrieren. Sie fühlen sich weiterhin solidarisch verbunden mit den 40 Refugees, die nach wie vor in der Schule ausharren. Auch wenn sie nicht alle Widerstands-Methoden teilen. Rafik: »Ich finde nicht gut, wenn Leute sagen, sie würden vom Dach springen. Man darf sein Leben nicht einfach wegwerfen.«

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