Diakonie über das Leben im Weddinger „Refugium“

24.07.2014 Diakonie
Leben als Flüchtling: „Ich verliere Zeit“

Vor 3 Monaten kam Hany Soliman mit seiner Familie nach Deutschland. Der orthodoxe Christ floh aus Ägypten. Jetzt wohnt er im Refugium, einer Einrichtung der Diakonie für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in Berlin.

Wenn Hany Soliman morgens aus dem Fenster des großen Backsteingebäudes schaut, fällt sein Blick auf grüne Eichen in einem Hinterhof mit sauber gepflegtem Rasen und herum tollenden Vögeln. Eine scheinbar friedliche Idylle im Gegensatz zum Großstadttrubel mit Dönerläden und Billigfriseuren auf der belebten Müllerstraße im Berliner Wedding. Doch Soliman hat nicht die Lust auf eine schöne Aussicht tausende Kilometer weg aus seiner Heimat gezogen: Aus Angst um sein Leben ist er aus Ägypten geflohen. „Der Hauptgrund für mich, Ägypten zu verlassen, war meine Familie“, so Soliman. Denn als Christen seien sie stark gefährdet und brutalen Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Sie seien auf der Straße angespuckt und geschlagen worden, einige Tage habe die Familie ihr Wohnhaus nicht verlassen können, weil Bewaffnete mit Maschinengewehren Jagd auf Christen in ihrer Straße machten.“Jeder Tag war ein Alptraum“, sagt der 40-jährige leise.
Trauma der Flucht

Über Georgien floh die vierköpfige Familie nach Deutschland und wartet auf die Anerkennung als Flüchtlinge. In seiner Heimatstadt in Ägypten war der 40-Jährige einst ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er besaß 3 Sprachschulen, in denen er Englisch lehrte und lebte in einer Eigentumswohnung in einem eleganten Mehrfamilienhaus. Doch vor der Flucht verkaufte die Familie ihren Besitz. „Hier bin ich zum zweiten Mal geboren“, sagt Hany Soliman. “Nach all dem, was passiert ist, habe ich mit Ägypten abgeschlossen. Ich habe kein Land mehr, würde meinen Pass am liebsten wegwerfen.“

Seit einigen Wochen lebt Familie Soliman in einer einfachen Zweizimmer -Wohnung im Refugium, einer Gemeinschaftsunterkunft des diakonischen Paul Gerhardt Stifts für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in Berlin. Als besonders schutzbedürftig gelten Minderjährige, Menschen mit Behinderungen, Schwangere, Alleinerziehende oder Menschen, die Folter, Vergewaltigung oder andere schwere Formen der Gewalt erlitten haben. Im Refugium wohnen 80 Menschen in kleinen Appartements und Wohnungen für Großfamilien, es gibt auch eine WG für Frauen und ihre Kinder. Drei Sozialarbeiterinnen und eine Assistentin betreuen die Flüchtlinge, die aus Syrien, Ägypten, Tschetschenien, Armenien, Libyen, Afghanistan oder Kamerun geflohen sind. Viele leiden aufgrund der Erlebnisse während der Flucht und davor an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich beispielsweise durch große Ängste, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen oder hohe Nervosität zeigt. In den Wohnungen des Refugiums finden sie Schutz und können sich erholen. Zum Angebot des Refugiums gehört auch eine Sozialberatung: Die Mitarbeiterinnen unterstützen die Flüchtlinge und Asylbewerber in der Kommunikation mit Ämtern und helfen, Sozialleistungen zu beantragen. Psychologische Therapien finden jedoch außerhalb statt: “Das Refugium soll ja kein Therapiezentrum sein, sondern zuallererst eine neue Heimat für Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Und wer will schon seinen Therapeuten auf dem eigenen Sofa sitzen haben?“, sagt Regine Vogl, die Leiterin der Einrichtung.

Die 35-jährige Sozialpädagogin arbeitet seit 9 Jahren im Paul Gerhardt Stift. Einige Flüchtlinge sind sogar noch länger da. So lebt eine Familie bereits seit 17 Jahren im Refugium, weil ihr Anerkennungsverfahren sich so lange hinausgezögert hat. Bis 2004 lebten bis zu 250 Flüchtlinge im Paul Gerhardt Stift, aber aufgrund sinkender Flüchtlingszahlen wurde es zwischenzeitlich stark verkleinert. Heute plant das Paul Gerhardt Stift wieder einen Ausbau des Angebots. Denn Wohnraum ist in Großstädten wie Berlin knapp – das gilt besonders auch für Flüchtlinge, die fast immer ohne Einkommen und Deutschkenntnisse eine Wohnung suchen. “Es ist zwar Geld im System, es wird allerdings falsch gesteuert“, sagt Stefan Kurzke-Maasmeier, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Paul Gerhardt Stift. “Die Bundesländer lassen sich die Unterkunft und Sachleistungen in zum Teil nicht gut geeigneten Flüchtlingsheimen viel Geld kosten, eine Übernahme von Mietzahlungen im regulären Wohnungsmarkt wäre in der Regel günstiger und auch bedarfsgerechter. Allerdings fehlt auch hier im Wedding schlicht der Wohnraum, so dass Flüchtlinge an den Rand der Stadt gedrängt werden. Insgesamt müssen die Länder viel stärker in den sozialen Wohnungsbau investieren und den Arbeitsmarktzugang lockern, das würde auch die Wohn- und Lebenssituation von Flüchtlingen erheblich entspannen“, so Kurzke-Maasmeier. Auch Hany Soliman hat versucht, eine Wohnung für seine Frau und die vier und neun Jahre alten Kinder zu finden. Wie viele andere Flüchtlinge ohne Erfolg. Sie sind dankbar, dass sie im Refugium vorerst eine ruhige Unterkunft fern von der Gewalt in ihrer Heimat haben. “Hier zu wohnen ist für uns paradiesisch. Einfach mal eben zum Markt zu gehen, um einzukaufen, sicher hin- und zurückzukommen, das fühlt sich an wie im Himmel“, so Soliman.

In der Nachbarschaft im Wedding ist das Refugium gut akzeptiert. Weil hier auf dem Gelände auch ein Seniorenheim und Arztpraxen liegen, wird das Refugium eher als eine Einrichtung unter anderen und nicht als exotische Ausnahme wahrgenommen“, freut sich Vogl. Ehrenamtliche aus dem Wedding betreuen Kinder einiger Familien, auch über das Stadtteil- und Familienzentrum des Stifts gibt es Austausch mit den Bewohnern des Viertels. Hany Solimans Sohn geht seit einigen Wochen in die Kita, die Tochter in die Schule. Auch der Vater will nicht tatenlos abwarten. Im Internet versucht er, Deutsch zu lernen, am liebsten würde er sofort arbeiten und sich ein neues Leben aufbauen: „Ich bin hier her gekommen, um ein gutes Leben zu haben. Jetzt verliere ich Monate, vielleicht ein Jahr, ohne irgendetwas zu tun.“
Lange Wartezeit auf Anerkennung als Asylbewerber

Das Warten auf die Anerkennung als Asylbewerber ist beschwerlich und zieht sich oft über Monate, manchmal über Jahre. “Das ist natürlich extrem anstrengend für die Flüchtlinge. Oft fehlen klare Ansprechpartner in den Verfahren, die Menschen sind begleitet von ständigen existenziellen Ängsten, das macht einfach mürbe“, sagt Regine Vogl. Ohne Anerkennung im Asylverfahren ist der Zugang zu Sprach- und Integrationskursen sowie zum Arbeitsmarkt mit vielen Schwierigkeiten behaftet. Soliman und seine Frau sehnen sich nach einem Sprachkurs, wollen lernen, wie die Gewohnheiten und das Verhalten in Deutschland sind. “Bevor ich hierher kam, wusste ich quasi nichts über Deutschland. Ich wusste nur `Deutsche Produkte sind gut`. Jetzt mag ich Deutschland – ich hätte es gern als Vater. Aber ich weiß nicht, ob Deutschland will, dass ich sein Sohn bin“, sagt Soliman.

Text: Diakonie/Maike Lukow

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