RBB: Potsdamer Unterbringungssituation

25.07.2014 RBB
Asylbewerber leben Tür an Tür mit den Potsdamern

In ganz Brandenburg ist der Wohnraum für Flüchtlinge knapp, die Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt ist überfüllt, und das Zusammenleben auf engstem Raum oft schwierig. Potsdam hat deswegen den Versuch gestartet, Flüchtlinge auch in „ganz normalen“ Wohnungen unterzubringen. Amelie Ernst hat sich umgehört, wie die Nachbarschaft funktioniert.

Von außen ist es nur ein schlichter Plattenbau: fünfgeschossig, teilsaniert – sicher kein Schmuckstück. Aber für Imana Zhandaev und ihre Familie ist die Drei-Zimmer-Wohnung im Potsdamer Westen fast schon Luxus. „Uns gefällt es sehr gut hier, die Wohnung ist auch viel größer als in Eisenhüttenstadt“, erklärt sie. Dort hätten sie zu sechst in nur einem Zimmer gewohnt. „Außerdem gehen die Kinder ganz in der Nähe zur Schule – wir wollen unbedingt hierbleiben“, betont die 38-jährige Tschetschenin. Ein halbes Jahr hat sie nach ihrer Flucht zunächst in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt verbracht, zusammen mit ihrem Mann und den vier Kindern.

Gemeinschaftsunterkünfte trotzdem notwendig
Auch für Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger liegen die Vorteile der Unterbringung in normalen Wohnungen klar auf der Hand. Doch freie Wohnungen sind gerade in der Landeshauptstadt knapp. „Wohnverbundsysteme aufzubauen, nimmt immer eine gewisse Zeit in Anspruch“, gibt die Beigeordnete zu Bedenken. Was uns im Augenblick unter Druck setzt, ist die große Zahl von Flüchtlingen, die in das Land Brandenburg und damit auch in die Stadt drängen.“ Deswegen werde im Horstweg auch eine zusätzliche Gemeinschaftsunterkunft mit 100 Plätzen errichtet.

Familien haben Vorrang
Doch speziell Familien will Müller-Preinesberger auch künftig möglichst in Wohnungen vermitteln. Sie leben dann Tür an Tür mit Potsdamer Nachbarn und werden dabei immer von einem sozialen Träger betreut.
Für die Flüchtlinge in den 21 Wohnungen im Potsdamer Westen ist der Internationale Bund erster Ansprechpartner bei allen Problemen. Für deren Geschäftsführerin Carol Wiener hat das Konzept der Wohnungsunterbringung bisher funktioniert. „Wir persönlich haben keine Anfeindungen erlebt“, betont Wiener. Stattdessen habe es ganz normale nachbarschaftliche Gespräche gegeben, was zum Beispiel die Lautstärke oder auch die Mülltrennung betreffe. „Aber das sind ja keine Anfeindungen, das waren einfach Diskussionen untereinander, die dann geklärt wurden.“
Tatsächlich berichten viele Nachbarn im Wohngebiet von positiven Begegnungen mit den Flüchtlingen. „Wir sitzen hier draußen, spielen zusammen, essen zusammen, die Herren helfen uns die Taschen hochtragen“, berichtet eine Anwohnerin. „Also ich finde, das ein ganz nettes Miteinander.“ Ich bin selber mal Flüchtling gewesen, ergänzt ein älterer Herr. Und die Familien in der Nachbarschaft freut es, dass noch mehr Kinder ins Haus gezogen sind. „Wir haben auch drei kleine Kinder und da ist das einfach schön“, sagt eine junge Mutter.

20 weitere Wohnungen geplant
Doch manch ein Alteingesessener fühlt sich von den insgesamt rund 60 neuen Nachbarn auch gestört – speziell in Sachen Lärm. Besonders abends sei die Musik zu laut, sagt einer der Nachbarn. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn die Flüchtlinge nicht so nah an ihn herangerückt, sondern in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt geblieben wären.
Noch drei weitere Wohnungsverbünde mit jeweils rund 20 Wohnungen plant die Stadt, quer über Potsdam verteilt. Und fast überall wird es zumindest am Anfang beides geben: Offenheit und offene Vorbehalte.

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