1 Jahr Hellersdorf: Presse und Aktionswoche

Ein Jahr nach dem Bezug der Flüchtlingsunterkunft in Hellersdorf schauen einige Presseartikel genauer hin. Auch ein antirassistisches Bündnis will Ende August in einer „Aktionswoche gegen Rassismus und Ausgrenzung“ mit Workshps, Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und einer Demo auf die aktuelle Lage in Hellersdorf aufmerksam machen. Programm unter: http://randgestalten.blogsport.de/aktionswoche/

14.08.2014 Epoch Times
Deutschland: „Alles gut“ – Wie es Flüchtlingen aus Syrien in Berliner Plattenbausiedlung geht

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Berlin. Viele von ihnen haben Schreckliches hinter sich. Wie willkommen sind sie in der deutschen Hauptstadt? Eine Spurensuche in Hellersdorf, wo Rechte vor einem Jahr Stimmung gegen die Fremden machten.

Berlin – Der kleine Kadem aus Bosnien ist der Chef an der Spielplatz-Wippe. Fuchtelnd bestimmt der Siebenjährige, wer wo sitzen darf. Dann rennt er über den Hof, die anderen hinterher. Der dünne, pfiffige Kerl verbreitet Fröhlichkeit. Wo seine Eltern geblieben sind, weiß niemand so recht. Kadem lebt mit seinem taubstummen Großvater in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf. Es ist die Unterkunft, die vor einem Jahr bundesweit in hässliche Schlagzeilen geriet, bevor der erste Ausländer da war.
NPD-Anhänger hatten damals lautstark Stimmung gegen die Fremden gemacht und auf einer Einwohnerversammlung Proteste angezettelt. «Das war sehr erschreckend», sagt Heimleiterin Martina Wohlrabe. «Ich hatte Angst, dass es eskaliert.» Nur wenige Flüchtlinge wollten zunächst an den östlichen Stadtrand in die riesige Plattenbausiedlung aus DDR-Zeiten ziehen.

400 Menschen aus rund 20 Ländern
Dennoch kamen am 19. August 2013 die ersten Menschen in der früheren Schule an. «In der ersten Woche hatten wir 83 Bewohner», sagt Wohlrabe. Heute fühlt sich die pragmatische und resolute Frau für rund 400 Menschen aus rund 20 Ländern verantwortlich, darunter viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Die Stimmung auf den Fluren und im Hof ist zurückhaltend, höflich, friedlich. Die Hoffnung auf einen Neuanfang ist bei vielen spürbar.
Attar Syleman (47) aus Damaskus hat die Wochen gezählt. Nun ist er wieder mit seiner Frau, Tochter May und Sohn Milad zusammen. Nach 17 Monaten Trennung durfte seine Familie nach Deutschland nachkommen. «Alles gut», sagt der Kaufmann mit fast schüchternem Lächeln beim Plausch mit Landsleuten. Jetzt wolle die Familie Deutsch lernen. «Wir haben alle mitgebangt, dass es klappt», kann Wohlrabe nun lachen.
Nach einem Jahr fasst die 51-Jährige die Entwicklung so zusammen: «Es hat sich gelockert.» Vieles sei normaler geworden. Offene Feindschaft in der Nachbarschaft sehe sie nicht. Aber es scheint ein fragiler Frieden zu sein. Wiederholt wurde die Unterkunft angegriffen. Böller wurden geworfen, dabei wurde in der Silvesternacht der Eingang beschädigt. Immer wieder kurven Autos mit dröhnend lauter Musik provozierend herum. Am Pfingstsonntag zogen Vertreter der rechten Szene an dem Heim vorbei.
Die Polizei habe nicht einschreiten können, weil die Demo erst kurzfristig angemeldet wurde und zu wenige Polizisten vor Ort waren, antwortete die Innenverwaltung von Senator Frank Henkel (CDU) auf eine parlamentarische Anfrage der Piraten.
Es seien aber Strafverfahren eingeleitet worden, weil ein Flüchtling zum Sprung aus dem Fenster aufgefordert und als Parasit beschimpft wurde, hieß es. Grundsätzlich werde darauf geachtet, dass Proteste gegen Flüchtlingsheime nicht in deren «Nahbereich» stattfinden.

9700 Flüchtlinge in regulären Unterkünften, 560 in Berliner Hostels
Der starke Zustrom von Asylbewerbern in der Hauptstadt ist längst zu einem zentralen Thema geworden. Die Flüchtlinge, die über Monate auf dem Oranienplatz in Kreuzberg ausharrten, erreichten auf ihre Weise, dass niemand mehr wegschauen kann. Immer wieder flammte auch Unmut auf, weil so mancher Anwohner die Flüchtlinge nicht in seiner Nähe haben wollte.
Die Unterbringung der Menschen sei eine große Herausforderung, sagt die Sprecherin der zuständigen Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Constance Frey. «Angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage ist von weiter steigenden Flüchtlingszahlen auszugehen.»
Auch wenn Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke eine Änderung des Asylrechts auf Bundes- und EU-Ebene fordert, um Flüchtlinge gerechter auf die EU-Staaten zu verteilen, muss das Land Berlin vieles direkt und schnell regeln.
Derzeit leben nach den Senatsangaben 9700 Flüchtlinge in regulären Unterkünften, 560 in Berliner Hostels. Dies habe im ersten Halbjahr knapp 63 Millionen Euro gekostet. Bis zum Jahresende könnten es 100 Millionen Euro werden, so eine offizielle Schätzung. Nach dem bundesweiten Verteilungsschlüssel muss Berlin fünf Prozent aller Asylbewerber in Deutschland aufnehmen.

Welle der Hilfsbereitschaft
Nach dem beschämenden Auftakt im Vorjahr sei eine «Welle der Hilfsbereitschaft» angelaufen, unterstreicht die Hellersdorfer Heimleiterin Wohlrabe. Es gibt ermutigende Beispiele: Eine pensionierte Lehrerin übt mit Kindern Deutsch, ein syrisches Mädchen wird regelmäßig zu einem Oma-Tag abgeholt, eine Patenschaft zwischen einer deutschen und einer iranischen Familie kam zustande. Manche Anwohner bringen Obst aus dem eigenen Garten vorbei. Alles von sich aus.
Auch Vereine und die Alice Salomon Sozialhochschule im Bezirk engagieren sich. Die Initiative «Hellersdorf hilft», die kürzlich einen Preis bekam, will mit dem Geld eine Begegnungsstätte für Geflüchtete und ehrenamtliche Helfer im Kiez aufbauen.
Ein Anwohnerfest direkt am Heim traue man sich aber noch nicht zu, sagt Wohlrabe. Ihr Anliegen bleibe aber: «Wir wollen Normalität, wir wollen ein friedliches Miteinander.» Deshalb organisiert sie mit ihrem kleinen Team auch oft Kompromisse.
Als sich Anwohner über Lärm beschwerten, einigte sich Wohlrabe mit den Heimbewohnern, dass die Kinder nach 18.00 Uhr nur noch auf dem früheren Schulhof zwischen den beiden Flüchtlingshäusern Ball spielen. Eine Großfamilie wurde so umquartiert, dass die abendliche Zimmerbeleuchtung nur im Innenhof zu sehen ist und nicht zur Straße.
Auch die umgebaute Schule zeigt sich inmitten aufgehübschter Wohnblöcke so, als wolle sie nicht auffallen. An einer Front wuchern Brennnesseln, der zurückgesetzte Eingang ist erst auf den zweiten Blick zu sehen. Die Fassade ist farblos. Ein 24-Stunden-Wachdienst checkt die Bewohner per Chipkarte ein und aus.

Mit den Jahren wird man auch hart
«Es ist Normalität eingekehrt», sagt Bezirksstadträtin Dagmar Pohle (Linke). Jetzt müssten vor allem Plätze für die Flüchtlingskinder in Schulen und Kitas bereitgestellt werden. Sie verweist auf den Nachbarschafts-Dialog. Alle sechs Wochen treffen sich Vertreter von Freizeiteinrichtungen, Polizei, Wohnungsunternehmen, Vereinen und Sozialeinrichtungen und beraten über Integration im Alltag. Eine weitere Immobilie für Flüchtlinge habe der Bezirk aber nicht.
Ihre Mitarbeiter müssten damit umgehen, dass sie auch angefeindet werden, meint Wohlrabe nachdenklich. «Das Wichtigste ist da ein funktionierendes Team, die Chemie muss stimmen.» Mit den Jahren werde man auch hart, sagt sie über sich angesichts der Schicksale, die bei ihr ankommen.
Entgegen ihrer Sorge habe es unter den männlichen Bewohnern bislang nicht geknallt, auch wenn das untätige Warten auf die Papiere nicht einfach sei. «Wenn einer mal austickt, dann ist das psychisch bedingt» – so wie bei dem jungen Syrer, der Hunderte Tote gesehen habe, sagt Wohlrabe.

«Da ist man so hilflos»
Sie erzählt bewegt, warum Mitgefühl gefragt ist: Ein 26-Jähriger aus Afghanistan bekam die Nachricht, dass acht Mitglieder seiner Familie brutal getötet wurden. «Da ist man so hilflos.» Es habe lange gedauert, ihn wenigstens «ein bisschen aufzufangen».
Fast alle Flüchtlinge seien traumatisiert, sagt auch Sozialarbeiterin Johanna Landrock (27) mit Blick auf die Erwachsenen, die auf dem kargen Hof mit ein paar Bäumen ihren Kindern beim Spielen zusehen. «Uns ist bewusst, dass wir die Situation in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht verändern können.» Hier gehe es darum, Netzwerke aufzubauen und zu beraten.
Soziologe Peter Ullrich von der Technischen Universität Berlin sieht gerade in der unklaren Perspektive vieler Flüchtlinge sozialen Sprengstoff. Deutschland müsse seinen Umgang mit den Asylsuchenden für die Zukunft generell überdenken, sagt er der dpa.
Auf der Maxi-Wander-Straße führt ein Mann in kurzen Hosen seine beiden Jagdhunde aus. «Momentan stört mich das Heim nicht. Die Leute da sind ruhig. Wenn die Deutschen feiern, ist es lauter», sagt der 50-Jährige. Seinen Namen möchte er nicht sagen. Er habe keine Vorurteile – aber auf dem Weg zum Supermarkt liege jetzt immer Müll. Und Autos mit abgelaufenen Kennzeichen würden jetzt hier stehen. «Ich sag ja nichts weiter.»

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