Hellersdorf: „Relative Normalität“

18.08.2014 Lichtenberg-Marzahn-Plus
„Relative Normalität“

Es ist ruhig an diesem Vormittag rund um die Carola-Neher-Straße 65. Im ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium, inzwischen ein Flüchtlingsheim mit rund 400 Bewohnern aus vielen Teilen der Welt, spielen Kinder auf dem Hof, sie fahren Roller oder bemalen mit Kreide das Pflaster. Erwachsene kommen mit Einkaufstüten aus nahegelegenen Supermärkten zurück. Auf den Balkons der Wohnhäuser gegenüber sind Sommerblumen und Tomatenpflanzen zu sehen und kaum ein Mensch. Ein junger Mann führt seinen Hund Gassi, ein Radler strampelt eilig vorbei. Ein ganz normaler Vormittag in einer ruhigen Wohngegend.
Und trotzdem spricht der Mann vom Sicherheitsdienst ziemlich hektisch in sein Handy, als er mitbekommt, dass wir Fotos von der Unterkunft machen. Man ist misstrauisch. Zu Recht, denn die anfänglichen Ängste und Vorbehalte der Kiezbewohner gegen das Hellersdorfer Asylbewerberheim wurden lange Zeit von Rechtsextremisten für ihre Zwecke missbraucht. Es gab NPD-Aufmärsche im Kiez, Anschläge gegen die Unterkunft, die glücklicherweise glimpflich ausgingen, und jede Menge Hetze von Neonazis, die mit dem Slogan „Nein zum Heim“ Anhänger rekrutieren wollten. Doch es gab auch Menschen, nicht nur aus Hellersdorf, die sich den Rechtsextremisten immer wieder entgegenstellten – bei jedem Umzug der Heimgegner versammelten sich zahlreiche Gegendemonstranten.

Foto mit Hitlergruß ging um die Welt
Vor einem Jahr, am 19. August 2013, war der kleine Abschnitt der Carola-Neher-Straße vor dem Heim quasi im Belagerungszustand. An diesem Tag sollten die ersten Flüchtlinge in die umgebaute Schule einziehen, die zuvor Jahre lang leer stand. Schon Wochen vorher hatte es Tumulte darum gegeben. So war es auf einer gründlich schief gegangenen Einwohnerversammlung des Bezirksamtes Anfang Juli NPD-Vertretern gelungen, die Stimmung gegen das geplante Heim anzuheizen. Im sozialen Netzwerk Facebook hatte eine sogenannte Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf, die sich heute Bürgerbewegung Hellersdorf nennt, aggressiv gehetzt. Deshalb waren am Einzugstag wohl an die 100 Medienleute vor Ort, Vertreter der Antifa, aufgeregte Anwohner und aktive Heimgegner. Das Bild von einem pöbelnden Mann, der den Hitlergruß zeigte, ging um die Welt – das hässliche Deutschland hatte sein Gesicht gezeigt. Das hässliche Deutschland mit unbelehrbaren Nazis wurde nun in Hellersdorf verortet, das Hellersdorfer Flüchtlingsheim das wohl bekannteste in Deutschland.

Mahnwachen vor Ort
Die, um die es eigentlich ging, mussten an diesem Tag durch die Hintertür kommen: Die ersten Bewohner des Hauses wurden mit Rot-Kreuz-Fahrzeugen auf den Hof gefahren, abgeschottet von Gegnern und Unterstützern. Junge Leute von der Antifa, nicht nur aus dem Bezirk, blieben aus Solidarität für die Flüchtlinge einige Tage vor Ort, eine Mahnwache vor dem Heim wurde eingerichtet. Erst nach einigen Wochen entspannte sich die Situation. Das Bezirksamt hatte alle direkten Anwohner persönlich zu Informationsgesprächen eingeladen, die demokratischen Parteien in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein gemeinsames Handeln verabredet. Es bildeten sich Initiativen zur Unterstützung der Flüchtlinge: die Evangelische Kirchengemeinde aus der Glauchauer Straße war dabei, Kommunalpolitiker, die nahegelegene Alice-Salomon-Hochschule. Und eine Gruppe junger Leute, die sich mit „Hellersdorf hilft“ den passenden Namen gegeben hatte. Diese organisierte unter anderem eine Spendensammlung und danach eine etwa einen Kilometer lange Spendenkette – von Mensch zu Mensch wurden Hilfsgüter ins Heim transportiert, ein sichtbares Zeichen der Solidarität. Inzwischen wurde die Gruppe, darunter ehemalige Max-Reinhardt-Schüler, für ihr Wirken mehrfach ausgezeichnet, auch vom Bundespräsidenten.

Demokratische Parteien einig

„Der NPD ist es in Hellersdorf anders als im sächsischen Schneeberg nicht gelungen, aus dem Kampf gegen das Heim eine Massenbewegung zu machen“, schätzt Bjoern Tielebein ein, der Vorsitzende der Fraktion der Linken in der BVV. Es gebe zwar einen aktiven Kern der Neonazi-Szene in Hellersdorf, aber den Rechtsextremisten fiele es inzwischen immer schwerer, Anknüpfungspunkte zu finden, sagt Tielebein. Gerade auch, weil die demokratischen Parteien und andere Initiativen sich einig gewesen seien, den dumpfen Hass-Parolen eine Kultur des Willkommens für die Flüchtlinge entgegenzusetzen. Zwar errang die NPD zur Bundestagswahl 2013 in einem Wahllokal im Kiez am Heim 10,4 Prozent der Zweitstimmen, in zwei weiteren ähnlich hohe Ergebnisse. Auch zur Europawahl sind in zwei ans Heim angrenzenden Stimmbezirken mit 7,4 und 6,0 Prozent die Ergebnisse der Partei hoch. Doch zu Kundgebungen der Rechtsextremisten erscheinen meist nur wenige Dutzend Leute. Und auch auf der Facebook-Seite der „Bürgerbewegung Hellersdorf“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, finden sich fast nur noch die selben aktiven Schreiber. Obwohl diese anonym im Netz agieren, ist inzwischen, insbesondere durch eine akribische Recherchearbeit der Antifa, durchaus bekannt, wer dahinter steckt. Zudem gab es Razzien und Hausdurchsuchungen durch die Polizei, es laufen Ermittlungsverfahren.

Ängste wurden instrumentalisiert
„Die meisten Leute im Kiez haben erkannt, dass sich ihr Leben durch das Heim nicht geändert hat“, sagt Tielebein. Dagmar Pohle (Linke), die zuständige Stadträtin für Soziales und Gesundheit, meint: „Viele Menschen, die anfangs gegen das Heim protestiert hatten, haben begriffen, dass ihre Ängste instrumentalisiert wurden.“ Bevor der zweite Teil der Unterkunft in der Maxie-Wander-Straße im Mai eröffnet wurde, habe sie die Anwohner persönlich angeschrieben und darüber informiert. Auch eine Bürgersprechstunde dazu wurde eingerichtet. „Es hat keine große Aufregung mehr gegeben“, sagt sie. Auch Beschwerden seien selten, wenngleich einzelne Anwohner hin und wieder über Lärm geklagt hätten. „Es gibt aber keinen massiven Stress“, so die Linken-Politikerin.

Schulbesuch, Kitas und Deutschkurse
„Inzwischen ist relative Normalität eingezogen“, schätzt die Stadträtin ein. Die Heimbewohner gingen ein und aus, bewegten sich im Wohngebiet. Nicht alle, die anfangs in die Flüchtlingsunterkunft eingezogen sind, seien noch da. Manche seien wieder abgeschoben worden, andere, deren Aufenthaltsstatus geklärt wurde, hätten eigene Wohnungen im Bezirk bezogen. „Auch im Kiez rund um den Boulevard Kastanienallee.“ Zum bevorstehenden Schuljahresbeginn, so Pohle, sei für alle Flüchtlingskinder die Unterrichtsteilnahme gesichert. Weil die Grundschulen der Umgebung Kapazitätsprobleme hätten, werde zu zwei weiteren Grundschulen in Hellersdorf ein Busshuttle für die Heimkinder eingerichtet. Die ersten kleineren Kinder aus der Einrichtung besuchen bereits Kitas im Bezirk, für die Erwachsenen beginnen im August und im September neue Deutschkurse für Flüchtlinge an der Volkshochschule.

Viele Solidaritäts-Aktionen

Dass sich die Situation entspannt hat, ist auch vielen Aktionen geschuldet, in denen Anwohner mit den Heimbewohnern in Kontakt kommen oder sich in der Unterkunft umgucken konnten. Bereits im Dezember fand eine Weihnachtsfeier im Heim statt, zu der auch die Nachbarn eingeladen wurden. Im späten Frühjahr gab es ein Europafest der demokratischen Parteien auf dem Boulevard Kastanienallee, dann ein Kinderfest des Immobilienanbieters Immoscout, im Juni ein von der Evangelischen Kirchengemeinde und einer Schule organisiertes Fußballturnier. Und am 24. September soll es ein Nachbarschaftsfest geben, wo sich auch Einrichtungen aus dem Kiez vorstellen. „Gegen die Hetze der Nazis hat sich eine Gegenkultur entwickelt, die es so vor einem Jahr noch nicht gegeben hat“, schätzt Bjoern Tielebein ein.

Kiezladen öffnet am 23. August

Das beste Beispiel dafür ist ein Kiezladen – eine von „Hellersdorf hilft“ und der Organisation „Grenzen_weg“ getragene Einrichtung, die am 23. August eröffnet wird. Finanziert wird die Begegnungsstätte aus Preisgeldern der Initiative, etwas Geld kommt auch vom Bezirk. Die Deutsche Wohnen, größter Vermieter im Kiez, hat äußerst günstige Mietkonditionen gewährt. Die Begegnungsstätte soll nicht nur Flüchtlingen zur Verfügung stehen, sondern auch Anwohnern, die helfen oder sich informieren wollen. Es wird Beratungen dort geben, unter anderem zu Wohnungsfragen, aber auch Sprachkurse. „Anfangs werden im Raum nur leere Bücherregale und Computer stehen“, sagt Stephan Jung, einer der Sprecher von „Hellersdorf hilft“. „Wir wollen den Kiezladen dann gemeinsam mit den Geflüchteten füllen, mit dem, was sie wirklich benötigen.“

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