Reportage: Leben in Weddinger Unterkunft

28.9.2014 Berliner Zeitung
Wie Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Berlin leben

Die Zahl der Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Berlin kommen, wird so hoch sein wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Im Wedding leben Flüchtlinge deshalb in einer Notunterkunft. Sie sind in einer ehemaligen Schule untergekommen. Ein Besuch.

Das Schlimmste ist das Warten. Das Nichts-Tun, die Langeweile, die Ungewissheit. Zahra Dalil, 29, will nicht falsch verstanden werden. Was sie sagt, soll nicht klingen, als beschwere sie sich. „Alles ist besser als in Syrien“, sagt sie. Aber die Tage in der Notunterkunft im Soldiner Kiez in Wedding sind lang, wenn man nicht arbeiten darf, die Kinder nicht zur Schule schicken kann und niemand weiß, wie lange es dauert, bis sie eine eigene Wohnung bekommen, wo sie selbst kochen und die Tür verriegeln können.
Selbstbestimmtheit und Privatsphäre sind Güter, deren Wert man oft erst begreift, wenn man sie nicht mehr hat. In einer Notunterkunft müssen zunächst die grundlegenden Dinge funktionieren. „Körper, Seele, Geist“, sagt Jan Nadolny, der die Einrichtung, in der Zahra Dalil mit ihrem Mann und ihren drei Kindern untergebracht ist, leitet. In der Reihenfolge, anders geht es nicht.
Vor drei Wochen wurde die Notunterkunft eingerichtet, in einer Schule, die monatelang leergestanden hatte. Eine Woche zuvor hatte die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende in Moabit für eine Woche geschlossen. Zu groß wäre der Ansturm der Flüchtlinge in diesem Jahr gewesen, hatte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die Schließung begründet, alle Unterkünfte waren voll. Als sei es eine Überraschung, dass angesichts der vielen Krisen weltweit die Flüchtlingszahlen stärker stiegen als erwartet.
Eine sogenannte Task Force sucht seitdem nach Immobilien, in denen neue Unterkünfte eingerichtet werden können. Die Schule in Wedding ist eine von fünf in der ganzen Stadt, die als erstes bereit standen. Am 8. September übernahm zunächst der Katastrophenschutz vom Deutschen Roten Kreuz die Unterkunft, mit Hilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO) organisierten sie Feldbetten, die Bundeswehr stellte Bettdecken. Eine Woche später übernahm die AWO dann die Leitung des Heimes.
Seitdem ist Jan Nadolny damit beschäftigt, sich um den ersten Punkt in seinem Dreiklang zu kümmern: Mahlzeiten dreimal am Tag, Wasserfilter für die Leitungen, ohne die niemand hätte duschen können. Piktogramme weisen den Weg durchs Haus. Es gibt einen Wachschutz rund um die Uhr, tagsüber sind ein Hausmeister und zwei Mitarbeiter der AWO im Haus.
140 Menschen leben hier, sie kommen aus Syrien und vom Balkan, aus Russland, Tschetschenien und der Ukraine. Die Unterkunft ist vergleichsweise klein, die größeren haben 500 Plätze, in anderen Bundesländern sogar mehr als 1 000.
Die Gänge der Schule sind weit und hell, bis zu neun Menschen übernachten zusammen in den Klassenzimmern. Familien haben die Betten zusammengeschoben, der Versuch, Nähe und Geborgenheit in der Fremde herzustellen. „Ihre Flucht ist hier erst mal zu Ende“, sagt Nadolny. „Dieses Gefühl versuchen wir, ihnen zu vermitteln.“ Das ist die seelische Hilfe. Sie fragen hier niemanden, was er erlebt hat, bevor er nach Berlin gekommen ist. „Die Menschen müssen den Behörden so viele Fragen beantworten“, sagt Nadolny. Hier sollen sie Ruhe haben. „Wir hören zu, wenn sie erzählen wollen.“
Die AWO-Mitarbeiter helfen bei der Orientierung: Wie kommen die Menschen zu den Ämtern, bei denen sie vorsprechen müssen; wo erhalten sie Medikamente, wenn sie welche brauchen? Viel mehr geht noch nicht. Als Zahra Dalil Nadolny vor ein paar Tagen fragte, wann sie ihre Kinder endlich zur Schule schicken könnte, musste er sie vertrösten. Bildung, das Geistige also, darum kann er sich erst kümmern, wenn genug Waschmaschinen da sind, sie haben noch zu wenig Schränke, zu wenig Herrenschuhe, zu wenig Winterkleidung.
Eine Notunterkunft ist ein Provisorium, soll eine Lösung auf Zeit sein. Schulen, Turnhallen, Kasernen sind keine Orte, in denen Menschen länger leben sollten. „Eigentlich geht es so wie hier nicht“, sagt Nadolny. Er hofft, dass bald über die Zukunft der Schule entschieden wird. Wenn sie dauerhaft als Unterkunft genutzt werden soll, kann er beginnen, sie so umzubauen, dass die Menschen hier unter würdigeren Umständen leben können.
2009 ist Nadolny in den Irak gereist, hat Dohuk besucht, damals eine Kleinstadt. Heute leben dort Hunderttausende Flüchtlinge. Nadolny erzählt davon, weil er sagen will: Angesichts der Flüchtlingsströme, die die Nachbarländer der Krisengebiete in Nahost aufnehmen, muss Berlin, muss Deutschland, dieses reiche Land, es doch hinbekommen, die Menschen, die hierher fliehen, angemessen unterzubringen. Denn eines ist sicher: Es werden in naher Zukunft noch viele kommen, die Hilfe brauchen.

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