Senftenberger Shitstorm gegen Unterbringung im Schullandheim

10.10.2014 RBB
Streit um Flüchtlingsheim in Senftenberg

Die Zahl der Asylbewerber, die in Brandenburg Zuflucht suchen, schnellt derzeit nach oben: Auch der Landkreis Oberspreewald-Lausitz steht vor der schwierigen Aufgabe, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Gemeinschaftsunterkünfte in Sedlitz und Lauchhammer sind bis auf den letzten Platz belegt – nun will der Kreis 70 Asylbewerber vorübergehend in einem Schullandheim am Senftenberger See beherbergen. Doch diese Pläne stoßen auf Kritik.

Sieben Bungalows, ein Spielplatz, ein Gebäude mit vier Zimmern und einem Schlafsaal, dazu Gemeinschaftsräume: Das Schullandheim „Am Alten Wehr“ liegt direkt am Senftenberger See. Die Anlage stammt noch aus DDR-Zeiten und ist vielen Senftenbergern ein Begriff. Nun will der Landkreis Oberspreewald-Lausitz die Anlage umfunktionieren: zur Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge.
Denn deren Zahl steigt weiter, Brandenburg nimmt in diesem Jahr mehr als doppelt soviele Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten auf wie noch im vergangenen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz beherbergt seit Januar 261 neue Flüchtlinge, bis Ende des Jahres werden 120 weitere Menschen erwartet. Die Gemeinschaftsunterkünfte in Sedlitz und Lauchhammer sind bis auf den letzten Platz belegt, der Landkreis muss sich deshalb dringend um weitere Orte kümmern, in denen die Flüchtlinge menschenwürdig beherbergt werden können.

„Man will ja den Leuten nichts unterstellen“
So sollen im Schullandheim am Senftenberger See 70 Menschen ab Anfang Dezember Platz finden, zunächst für mehrere Monate. Die Kreisverwaltung wählte das Heim vor allem deshalb aus, weil es ohne aufwändige Umbauten und relativ kurzfristig zur Verfügung steht. Das Schullandheim sei in den Wintermonaten nicht ausgelastet, der Vermieter, die gemeinnützigen Integrationswerkstätten Niederlausitz, würde von der Miete des Landkreises profitieren. „Wir haben uns für diesen Standort entschieden und werden ihn realisieren“, sagte Landrat Siegurd Heinze (parteilos) dem rbb am Mittwoch. Einen idealen Standort gebe es „nirgendwo im Land Brandenburg“.
Vielen Senftenbergern passt das Vorgehen des Landkreises aber offenbar nicht. Kurz nachdem die Verwaltung ihre Pläne bekannt gab, brach in den sozialen Netzwerken ein regelrechter „Shitstorm“ aus – die Diskussion um die geplante Flüchtlingsunterkunft schlug schnell in rassistische und fremdenfeindliche Hetze um. Inzwischen wurden die Einträge gelöscht.
Aber auch auf der Straße zeigt sich manch Senftenberger empört: „Es war immer voll, es waren immer Kinder hier in der Ferienzeit“, sagt am Freitag einer. „Ich weiß ja auch nicht, ob dann die Bettelei und Schnorrerei losgeht dahinten. Man will ja den Leuten nichts unterstellen.“ Ein Anderer entgegnet: „Die kommen her, machen Müll, machen kaputt – und gehen wieder.“

Heinze erwartet „keine Kollisionen“
Das Heim aber liegt weit am Rande der 20.000-Einwohner Stadt Senftenberg, drei Kilometer sind es bis zum Zentrum. Landrat Heinze sieht darin einen Vorteil: „Ich denke, der Radweg führt daran vorbei, das ist der einzige Berührungspunkt. In unmittelbarer Nähe gibt es keine Wohnbebauung, keine direkten Kollisionen“, sagte Heinze dem rbb. Das Schullandheim solle zudem nur als Notfalllösung dienen, vorübergehend.
Einige Senftenberger aber argumentieren, es gebe durchaus Alternativen zu dem Schullandheim. So stünden in der Stadt ehemalige Gebäude von Vattenfall und LMBV leer, dazu jede Menge Wohnungen. Viele fühlen sich von der Entscheidung überrumpelt, unter anderem die Stadtverwaltung, die Stadtverordneten und der Tourismusverband.
Ein Vorwurf, dem sich viele Brandenburger Kommunen in den vergangenen Monaten ausgesetzt sahen: Sie informierten ihre Bürger zu spät und zu spärlich – und schürten so unabsichtlich Ressentiments. Das Landratsamt sagte dem rbb am Freitag, es werde vor der letztlichen Entscheidung am 6. November eine Informationsrunde mit Anwohnern und Interessierten geben. Danach entscheidet der Kreistag über die Unterbringung der Flüchtlinge.

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