Köpenicker empören sich über Container-Dorf für Flüchtlinge

27.10.2014 Berliner Zeitung
Köpenicker empören sich über Container-Dorf für Flüchtlinge

Im Allende-Viertel 2 in Köpenick sollen Container für 400 Flüchtlinge aufgestellt werden. Die Anwohner sind verunsichert und empört. Viele sind auch einfach wütend.

Die Physiotherapie im Seniorenheim im Allende-Viertel 2 ist dieser Tage ein besonders gefragter Ort. Doch viele Menschen kommen nicht wegen Massagen oder Gymnastik in die Praxis – sie unterschreiben auf Listen, die auf dem Empfangstresen ausliegen. Es sind Protestlisten gegen das geplante Container-Dorf in dem Köpenicker Wohnviertel. An der dortigen Alfred-Randt-Straße, auf einer knapp 7000 Quadratmeter großen Brache zwischen Altenheim, Grundschule und Kita plant Sozialsenator Mario Czaja (CDU) eine Container-Unterkunft für Flüchtlinge. Noch in diesem Jahr sollen dort 400 Menschen einziehen. Seit dies in der vorigen Woche bekannt wurde, ist die Stimmung im Viertel gereizt. Für viele Bewohner gibt es nur noch ein Thema: das Container-Dorf.
„400 Menschen auf dieser kleinen Fläche, das geht nicht“, sagt Sandra Kreuzberg-Farr. Die Physiotherapeutin hat die Unterschriftensammlung initiiert, um die Proteste zu kanalisieren. Unter ihren Patienten aus dem Viertel, sagt sie, seien sehr viele Ältere zwischen 70 und 90 Jahren. „Die sind total verunsichert und ängstlich, was da auf sie zukommt.“ Überall im Allende 2, wie das Viertel am Waldesrand auch genannt wird, stehen dieser Tage Menschen beisammen und reden über das Hauptthema. Viele sind auch einfach wütend. So wie die ältere Frau, die seit 30 Jahren dort lebt und ihren Namen nicht nennen will. Sie sagt, was viele dort denken: „Es wird einfach von oben herab entschieden, was hier passiert, so wie früher in der DDR.“ Hätte sich nur ein Verantwortlicher mal den Standort angesehen, wäre diese „Schnapsidee“ mit den Containern schnell wieder verworfen worden. Zu viele Menschen unterschiedlichster Kulturen würden auf viel zu engem Raum zusammen gepfercht, was ihnen nicht gut tue – „und auch den Menschen hier nicht.“ Die Nachbarn vergleichen die Container mit einem Ufo, das mitten im Wohngebiet aufschlage.

Angst vor rechten Demos
Das Wohngebiet Allende 2 entstand Anfang der 1980er-Jahre. Direkt am Waldesrand, zwischen Kiefern und Birken, wurden zwei Doppel-Hochhäuser sowie diverse Fünf-, Zehn- und Elfgeschosser gesetzt. Die sanierten Plattenbauwohnungen sind gefragt, es gibt kaum Leerstand. Vor allem wegen der Nähe zu Wald und Wasser ziehen auch zunehmend junge Familien dorthin. Der Müggelsee ist zu Fuß in zehn Minuten erreichbar. Es gibt auch einen Discounter, zwei Seniorenheime, eine Grundschule, einen Jugendclub und zwei Kitas. Eine davon heißt „Rappelkiste“ und grenzt unmittelbar an das Areal für das Container-Dorf, auf dem bis vor drei Jahren eine weitere, aber leere Kita stand.
Doreen Köpp ist Elternvertreterin in der „Rappelkiste“. Sie sagt, viele Eltern fürchten vor allem rechte Demonstrationen und Polizeieinsätze vor der Kitatür. „Die Stimmung ist schlecht, auch wenn wir wissen, dass die vielen Flüchtlinge untergebracht werden müssen“, sagt sie. Aber bitte dort, wo es passe. Zumal im Viertel auch etliche Menschen wohnten, die rechtem Gedankengut zugänglich seien. So sind auf der Straße auch Worte wie „Zigeuner“ und „Verbrecher“ zu vernehmen, die man dort nicht haben wolle. Auch in einschlägigen Internetseiten wird kräftig gehetzt.
Es ist nicht so, als hätten die Menschen am südöstlichen Stadtrand keine Erfahrungen mit Menschen aus fremden Kulturen. Nur etwa 500 Meter Luftlinie vom geplanten Container-Dorf entfernt wohnen bereits gut 300 Flüchtlinge. An der Salvador-Allende-Straße 91 wurde vor einem Jahr ein altes Seniorenheim zur Asylbewerber-Unterkunft eingerichtet. Für ein Jahr, hieß es damals beim zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales. Eine andere Information gibt es auch heute nicht, jedoch glaubt angesichts steigender Flüchtlingszahlen niemand daran, dass das „Salvador-Allende-Haus“ bald geschlossen wird. Uli Haas ist einer derjenigen, die sich für die Flüchtlinge dort engagieren. Der 70-Jährige Diplom-Ingenieur ist Sprecher des Runden Tisches und der Bürgerinitiative „Refugees welcome!“ im Allende-Viertel. Die Initiative hat erreicht, auch durch Gespräche mit Gegnern, dass die Proteste gegen das Heim abgeebbt sind.
Auch Haas sowie Vertreter von zwölf weiteren Mieterinitiativen und Vereinen haben sich gegen das Container-Dorf ausgesprochen. Es entstünde zu dicht zum bestehenden Heim, was der Akzeptanz bei den Anwohnern zuwider laufe. Die Entscheidung von Senator Czaja sehen die Engagierten gar als Vertrauensbruch, weil keiner der ortskundigen Aktivisten einbezogen wurde.
In einem Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister, ans Abgeordnetenhaus und an den Bezirk in Treptow-Köpenic heißt es: „Wir unterstützen geflüchtete Menschen mit unserem Herzen und unserer Tat. Unser „Welcome refugees!“ im Allende-Viertel ist ehrlich gemeint.“ Man sehe sich aber außerstande, Entscheidungen zu unterstützen, die man für falsch halte und werde das Container-Dorf deshalb nicht unterstützen. Der Brief steht als Petition im Internet (www.openpetiton.de), am Montagmittag hatten gut 700 Menschen unterschrieben.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/berlin-allende-viertel-koepenicker-empoeren-sich-ueber-container-dorf-fuer-fluechtlinge,10809148,28862538.html

Pressemitteilung des Bezirksbürgermeisters von treptow-Köpenick zur Unterkunft in Köpenick
http://www.berlin.de/ba-treptow-koepenick/aktuelles/pressemitteilungen/2014/pressemitteilung.219640.php