Drei Beispiele: Langjährig Geduldete in Deutschland

Wir haben auf Grundlage eines Fragebogens in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg Interviews mit langjährig Geduldeten durchgeführt. Anbei die Zusammenfassungen von drei Interviews.

Seit 18 Jahren im Lager
A. kam 1996 aus einem afrikanischen Land nach Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte. Er hatte gehofft, das Elend in seinem Heimatland hinter sich zu lassen, doch in Deutschland kam er in ein neues Elend. 2001 wurde sein Asylantrag abgelehnt, seitdem lebt er mit einer Duldung in einem Lager weit ab von einer Kleinstadt in Ostdeutschland. Dort gibt es keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen oder in Kontakt mit Einheimischen zu kommen. Die Ausländerbehörde hat mehrmals versucht, seine Identität klären zu lassen. Drei oder viermal wurde er verschiedenen Botschaften vorgeführt, doch diese verlangten Papiere von ihm, die er nicht beschaffen konnte. Die Ausländerbehörde wirft ihm bis heute die Verletzung seiner Mitwirkungspflichten vor und verhängte Sanktionen gegen ihn, um ihn zur Mitwirkung zu zwingen. Die Sozialhilfe wurde gekürzt, wegen der Residenzpflicht darf er den Landkreis nicht verlassen, Anträge auf eine Arbeitserlaubnis wurden zweimal abgelehnt, vom dritten Antrag hat er bis heute nichts mehr gehört. Nach 18 Jahren in Deutschland ist seine Jugend vorbei, er sieht für sich keine Zukunft mehr.

Seit 15 Jahren hoffen auf eine Arbeitserlaubnis
B. kam 1999 aus einem afrikanischen Land nach Deutschland. Er hatte gehofft, dass er arbeiten könne, um seine Geschwister zu unterstützen, denn die Eltern haben die Kinder früh verlassen. 2001 wurde sein Asylantrag abgelehnt, er verstand nicht, warum. Was er vorbrachte, wurde nicht berücksichtigt. Seitdem lebt er mit einer Duldung. In dem Lager, dem er zugewiesen wurde, konnte er kein Deutsch lernen; in Kontakt mit Einheimischen kam er so gut wie nie. Wegen seiner ungeklärten Identität verlangte die Ausländerbehörde, dass er sich auf der Botschaft Papiere beschaffe, doch er hatte kein Geld, um dafür die Fahrt seiner Eltern in die Stadt zu finanzieren. Die Ausländerbehörde warf ihm deshalb die Verletzung seiner Mitwirkungspflichten vor, verweigerte ihm eine Arbeitserlaubnis und kürzte ihm die Sozialhilfe. Jeder Widerspruch war zwecklos. Vermutlich wegen der Lockerungen der Residenzpflicht darf er den Landkreis jedoch verlassen. B. hofft noch immer, dass er einmal eine Arbeitserlaubnis bekommt, „denn ich bin der einzige Sohn meiner Eltern“.

Nach 20 Jahren kein Kontakt mehr nach Hause
C. kam 1994 nach Deutschland, in der Hoffnung, eine Arbeit zu finden. 1997 wurde sein Asylantrag abgelehnt, seit 2001 hat er eine Duldung. Zur Schule gehen und Deutsch lernen konnte er nie, aber er hat ein bisschen Deutsch gelernt, wenn er mit Leuten auf der Straße sprach. Die Ausländerbehörde zweifelte seine Angaben über seine Herkunft und seine Identität an und schickte ihn zu verschiedenen Botschaften, bis heute geht das Spiel immer weiter. Wegen Verletzung der Mitwirkungspflichten belegt sie ihn mit Sanktionen: Arbeitsverbot, Gutscheine, um die Hälfte gekürztes Taschengeld. Der Kontakt mit seinen Angehörigen in seinem Land ist abgerissen, weil er sie nicht finanziell unterstützen konnte. Darin liegt auch seine größte Hoffnung: dass ihm seine Angehörigen verzeihen, dass er in der Lage sein wird, sie zu unterstützen.

Ein weiteres Beispiel: Wadim, über den es auch einen Film gibt
Wadim K. ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule, zum Sport und in die Ministrantengruppe gegangen. Er sprach deutsch, er hatte deutsche Freunde, er fühlte sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass hat Wadim nie erhalten, weil er mit seiner Familie 1992 als Flüchtling nach Hamburg kam.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fühlen sich Wadims russischstämmige Eltern in Lettland nicht mehr sicher. Doch in Deutschland wird ihr Asylantrag abgelehnt. Es folgen 13 Jahre zwischen Duldungen, Arbeitsverbot und Sammelunterkünften. Die Eltern brechen unter dem Druck zusammen, erkranken an schweren Depressionen. Die Kinder sind mehr und mehr auf sich gestellt.
2005 versucht die Ausländerbehörde die Familie abzuschieben. Der nächtliche Einsatz endet im Desaster: Die Mutter schneidet sich die Pulsadern auf, der Vater landet in der Untersuchungshaft. Wadim wird mit 18 Jahren allein nach Lettland abgeschoben – in ein Land, an das er sich kaum erinnern kann. Fünf Jahre lang sucht er ein neues Zuhause für sich: Erst in Riga, später irrt er durch Frankreich, Belgien und die Schweiz, wird erneut nach Lettland deportiert. Bei seinem letzten, illegalen Besuch in Hamburg, im Januar 2010, nimmt Wadim sich das Leben. Er ist 23 Jahre alt.
Der Film ist unter https://www.copy.com/s/lZVwCgyrMJxOsNCk anzusehen