„Stellen Sie sich vor, bei uns wäre Krieg…“

14.11.2014 Berliner Zeitung
„Stellen Sie sich vor, bei uns wäre Krieg…“

Der Senat ruft Privateigentümer auf, Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten. Klaus Schulze hat es getan – und hofft, dass viele Berliner seinem Beispiel folgen. Bei der Vermittlungsstelle des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks meldeten sich am Freitag schon mal viele Interessenten.

Von seinen Mietern ist Klaus Schulze richtig begeistert. „Es ist ein herzlicher Kontakt entstanden“, schwärmt der 66-jährige Kladower. Neulich war er bei dem jungen Ärztepaar zum Essen eingeladen, gemeinsam mit seiner Frau Claudia hat er das Baby seiner Mieter bewundert, und er hat sich gefreut, dass die Neuen von der gesamten Hausgemeinschaft so nett aufgenommen worden sind. „Die Nachbarn haben sogar ein Babybett besorgt.“ Das sei alles so schön, sagt er, „das geht richtig unter die Haut“.
Schulzes Mieter sind Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Seit April hat der 66-Jährige dem Paar eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Steglitz vermietet. Sie war frei geworden, nachdem Schulzes Mutter in ein Seniorenheim gezogen war. Angesichts des Kriegs in Syrien und dem Leiden der Flüchtlinge wollte er helfen. Von Mensch zu Mensch, wie er sagt. „Stellen Sie sich vor, bei uns wäre Krieg und niemand nimmt Sie auf“, sagt Schulze.
Beim Landesamt für Soziales und Gesundheit (Lageso) und dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk EJF, die für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig sind, hofft man, dass Schulzes Beispiel Nachahmer findet. Zusammen mit der Berliner Integrationsbeauftragten haben sie eine Plakataktion gestartet, die sich an private Wohnungseigentümer richtet: „Vermieten Sie Wohnraum – helfen Sie Flüchtlingen!“ Denn die Zahl der Flüchtlinge in Berlin steigt rasant. Für 2014 rechnet die Sozialverwaltung mit insgesamt 12 000 Neuankömmlingen. Und die brauchen ein Dach über dem Kopf – in Heimen, in Containerbauten oder eben in Wohnungen. Kaution und Miete zahlt das Lageso direkt an den Vermieter.
Schulze will andere Wohnungseigentümer ermutigen, an Flüchtlinge zu vermieten. Die Vermittlung der Mieter durch das EJF sei problemlos gelaufen, erzählt er. Seine Mieter konnte er selbst aussuchen. 600 Euro Bruttowarmmiete bekommt er für die Zwei-Zimmer-Wohnung in guter Steglitzer Lage. Die Möbel, die Schulzes Mutter zurückließ, nutzen jetzt die Neuen. Es handle sich um einen üblichen unbefristeten Mietvertrag, sagt Schulze.
Ehe das syrische Paar einzog, klingelte er bei den anderen Mietern im Haus. „Passt auf, das sind Kriegsflüchtlinge, nehmt die bitte freundlich auf“, sagte er ihnen. Später kam er noch mal mit seinen neuen Mietern vorbei und stellte sie den Nachbarn vor. „Wenn man sich gegenseitig kennenlernt, dann funktioniert das Zusammenleben auch“, sagt er.
Es sei viel besser, Flüchtlinge in Privatwohnungen als in Heimen unterzubringen, findet Schulze. Heime stießen oft auf Widerstand bei den Anwohnern, und für die Flüchtlinge sei die Unterbringung dort schlechter. Seine Mieter hätten vorher in einem Heim in Stockbetten geschlafen. Für das Land sei die Wohnungs-Lösung zudem günstiger als eine Heimunterbringung.
Immerhin: Schulze ist offenbar nicht der einzige, der so denkt. Am Freitag, am Tag nach dem Start der Plakataktion, klingelten bei der EJF-Vermittlungsstelle fast ständig die Telefone. Es seien zahlreiche Wohnungen angeboten worden, sagt Sophia Brinck vom EJF. Doch der Bedarf sei auch groß: Rund 1 000 Wohnungen würden derzeit benötigt.

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