Willkommenskultur für Flüchtlinge in Brandenburg

15.11.2014 Berliner Zeitung
Willkommenskultur für Flüchtlinge in Brandenburg

Viele Brandenburger engagieren sich ehrenamtlich, um die mehr als 7000 Flüchtlinge in der Nachbarschaft zu integrieren. So arbeiten in Potsdam zahlreiche Initiativen, um Asylbewerber und Bürgerkriegs-Flüchtlinge willkommen zu heißen, wie eine dpa-Umfrage ergab. Der Brandenburger Flüchtlingsrat fordert aber auch mehr Anstrengungen vom Land. Einerseits werde die Arbeit der Willkommensinitiativen gelobt, andererseits aber die Integration der Flüchtlinge mit großen und isoliert gelegenen Sammelunterkünften verhindert, kritisierte Sprecherin Gabriela Jaschke.

In Brandenburg leben nach Information des Sozialministeriums derzeit 25 anerkannte Asylbewerber und 298 anerkannte Flüchtlinge sowie 2278 geduldete Flüchtlinge und 4431 Asylbewerber, über deren Antrag noch nicht entschieden wurde.
Das Land sowie Kommunen finanzieren Sprachkurse oder Veranstaltungen, um Einheimische und Asylbewerber einander näher zu bringen. «Wir fördern mit einem neuen Programm Deutschkurse für Flüchtlinge», sagte ein Sprecher des Potsdamer Sozialministeriums. Damit würden auch die Ausländer beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützt, die bislang nicht an den vom Bund finanzierten Integrationskursen teilnehmen durften. Mehr als 420 Asylbewerber und Flüchtlinge hätten bereits einen Sprachkurs über das Programm begonnen. Dafür fließen rund 1,5 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds.
Die Landeshauptstadt Potsdam bietet den Sprachkurse auf eigene Kosten an. «Wir favorisieren die Unterbringung in Wohnungsverbünden, in denen Potsdamer Tür an Tür mit Flüchtlingen leben», sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. Es werde versucht, die Flüchtlinge so kurz wie möglich in Wohnheimen unterzubringen und schnell in eigene Wohnungen zu vermitteln. Dies sei in der derzeit angespannten Lage aber schwierig, gesteht Brunzlow ein.
Für private Spender werde eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet, berichtet der Sprecher. «Unsere Ausländerbehörde ist eine der deutschen Modellkommunen, die auf dem Weg zu einer Willkommensbehörde begleitet werden», so der Stadtsprecher.
Seit Ende Oktober gibt es in Potsdam einen Koordinator für Flüchtlingsfragen. Jörg Bindheim soll die Integrationsbeauftragte der Stadt entlasten und die Aufnahme künftiger Flüchtlinge optimieren. «In Potsdam leben derzeit fast 400 Flüchtlinge, 200 sollen bis Ende des Jahres noch dazu kommen», kündigte Bindheim an. Die Potsdamer sind aus seiner Sicht neuen Nachbarn gegenüber aufgeschlossen.
Trotz zahlreicher Informationsveranstaltungen, die Bedenken der Einheimischen ausräumen sollen, organisieren sich aber auch Skeptiker einer allzu offenen Willkommenskultur. Gegen die Eröffnung einer Flüchtlingsunterkunft in Potsdam-Hermannswerder bildet sich bereits eine Bürgerinitiative. «Das zeigt zumindest, dass sich die Leute mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigen», sagte Bindheim. «Nun heißt es, die beste Lösung für alle Beteiligten zu finden.»
Den Skeptikern gibt Maré Partel vom Stadtteilnetzwerk Potsdam-West den Hinweis, dass es im Flüchtlingsheim Häckelstraße grundweg positive Erfahrungen gab. Das Netzwerk organisiert regelmäßig Veranstaltungen für Potsdamer und Zugezogene. «Am 14. Dezember organisieren wir wieder ein multikulturelles Adventsfrühstück für alte und neue Nachbarn», so Partel. Weiterhin gibt es das Projekt «Neue Nachbarn» in Potsdam-West, das den Integrationspreis 2014 erhalten hat, oder das Friedrich-Reinsch-Haus im Schlaatz mit speziellen Angeboten für ausländische Mitbürger. Das gesellschaftliche Engagement habe sich in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelt und wachse weiter, sagte Bunzlow.
Nach Ansicht der Sprecherin des Brandenburger Flüchtlingsrates, Gabriela Jaschke, muss die Willkommenskultur in Brandenburg aber weiter verbessert werden. «Die Landesregierung sendet an die Willkommensinitiativen und engagierten Bürger sehr widersprüchliche Signale», moniert sie. Einerseits werde dazu aufgerufen, Flüchtlinge willkommen zu heißen und die Arbeit der Willkommens-Initiativen gelobt, sagt Jaschke. Andererseits gebe es Verschlechterungen bei den Unterkünften, kritisierte Jaschke; etwa weil es sich teils um isoliert gelegene Sammelunterkünfte handle.

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