Kaum noch Wohnungen für Asylbewerber in Potsdam

19.11.2014 RBB
Das Flüchtlingsheim am Ende der Straße

Die Zahl der Flüchtlinge in Brandenburg steigt, das Erstaufnahmelager platzt aus allen Nähten. Auch die Städte und Gemeinden, die sich anschließend um die Asylbewerber kümmern, haben ihre Not, neue Unterkünfte zu finden. Potsdam hat zwar gute Erfahrungen damit gemacht, die Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen. Die hohe Zahl der Neuankömmlinge zwingt die Stadt zu einem Rückzieher.

Ibrahim ist 13 Jahre alt und kommt aus dem Irak. Mit seiner kurdischen Familie wohnt er in Potsdam-West. In seinem Wohnblock leben zudem Flüchtlinge aus Afghanistan, aber auch viele alteingesessene Potsdamer. „Mit den Nachbarn kommen wir gut klar“, sagt Ibrahim. „Es ist ja schwer für uns richtig leise zu sein, weil wir eine große Familie sind, sieben Kinder. Aber wir geben unser Bestes. Wenn wir etwas brauchen oder etwas nicht wissen, gehen wir nach nebenan und klopfen.“
In seiner Regierungserklärung hat Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ein Sonderprogramm für die Unterbringung von Flüchtlingen angekündigt. Dabei solle auch der Bund in die Pflicht genommen werden. Oppositionsführer Ingo Senftleben (CDU) versprach in diesem Punkt Unterstützung – griff Woidke aber in anderen Punkten scharf an.
Wie Ibrahims Familie sollen im besten Fall alle Flüchtlinge in Potsdam leben. Nicht in großen Heimen, sondern in Wohnanlagen, Tür an Tür mit Deutschen. So sieht es das Integrationskonzept der Stadt vor, sagt die parteilose Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger: „Es ist die beste Möglichkeit, die Flüchtlinge in die Stadtgesellschaft zu integrieren: Eine Integration in ganz normalen Wohnverhältnissen mit deutschen Nachbarn oder Nachbarn mit Migrationshintergrund, die schon lange hier sind.“

„Zwischen Hotelrückseite und Wasserschutzpolizei“
Der Potsdamer Weg wird von vielen Seiten gelobt – nur kann ihn die Stadt kaum noch umsetzen. 400 Flüchtlinge nimmt Potsdam dieses Jahr auf. Das sind 15-mal so viele wie 2009. In Wohnungen bekommt die Stadt die Menschen nicht mehr unter. Die Meisten müssen inzwischen in Wohncontainer ziehen. „Das ist der Standard, den wir eigentlich nicht haben möchten, der aber immer noch besser ist als eine Unterbringung in einer Turnhalle – oder im ‚Worst Case‘ Zelte aufzubauen“, sagt Elona Müller-Preinesberger.
Auch in der Pirschheide im Südwesten Potsdams sollen Container als Unterkunft dienen. Nicht schön, vor allem aber liegt der Standort zu sehr am Rand der Stadt, kritisiert Daniel Zeller vom Stadtteilnetzwerk Potsdam-West. „Das Grundstück auf dem die Container im Januar errichtet werden sollen, ist jenseits von jeglicher Nachbarschaft. Zwischen Hotelrückseite und Wasserschutzpolizei-Verwaltung ist es natürlich schwieriger nachbarschaftliche Begegnungen zu organisieren als beispielsweise in der Heckelstraße, wo die Menschen Tür an Tür mit den angestammten deutschen Mietern angekommen sind“, sagt Zeller.
Mit Kritik sieht sich die Stadt auch auf Potsdams Halbinsel Hermannswerder konfrontiert: Hier könnten Flüchtlinge im Lager des Potsdam-Museums unterkommen. Auf Hermannswerder gibt es unter anderem bereits ein Männerwohnheim für Suchtkranke und ein Heim für Jugendliche mit massiven Schulproblemen. Bei dieser sozialen Struktur sei eine Integration von Flüchtlingen nicht auch noch möglich, klagen Anwohner. „Ich bin dieser Idee gegenüber sehr reserviert, weil ich auch die besonderen Verhältnisse auf dieser Insel sehe“, sagt ein Mann. „Es ist auf kleinstem Raum hohes Konfliktpotential da“, sagt ein anderer.
Die Stadt Potsdam steht unter Druck. Im kommenden Jahr erwartet sie 500 Flüchtlinge – noch einmal 100 mehr als 2014. Die Flüchtlinge sollen auf das gesamte Stadtgebiet verteilt werden. Allerdings gibt es Ausnahmen: Wo besonders viele wohlhabende Potsdamer leben – in der Berliner Vorstadt oder am Griebnitzsee – sind keine Flüchtlingsunterkünfte geplant. Die Grundstücksmieten sind der Stadt hier einfach zu hoch.

http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/brandenburg/fluechtlinge-brandenburg-potsdam-container.html