Köpenick: 24 Container pro Tag

20.11.2014 RBB: Baustart in Treptow-Köpenick – Berlins erstes Containerdorf für Flüchtlinge wächst

Mehr als 12.000 Flüchtlinge werden in Berlin in diesem Jahr erwartet. Weil es in der Stadt nicht genügend Unterkünfte gibt, baut der Senat nun Containerdörfer. Das erste davon entsteht seit Donnerstagmorgen in Treptow-Köpenick. Das Unbehagen vieler Bürger auch in anderen Bezirken versuchen Neonazis für sich zu nutzen. Für Samstag ist eine große Demonstration geplant.

Der Bau des ersten Containerfdorfs für Flüchtlinge ist am Donnerstagmorgen im Berliner Allende-Viertel gestartet. Die ersten Bauteile kamen auf Tiefladern aus Slowenien. Etwa 24 Container sollen hier pro Tag in drei Lagen neben- und übereinander aufgestapelt werden. Bis Mitte Dezember sollen alle rund 350 Container stehen, damit möglichst noch vor Weihnachten 400 Bewohner einziehen können. Das Gelände iegt gut erschlossen mitten im Wohngebiet, zwischen Grundschule, Kita, Seniorenheim und Wohnhäusern.
Der Senat will insgesamt sechs Containerdörfer bauen – rund 43 Millionen Euro sind dafür eingeplant. Sie sollen auf Freiflächen entstehen, um insgesamt 2.400 Flüchtlinge unterzubringen. Zwei der Dörfer sind in Steglitz-Zehlendorf geplant, die anderen im Osten der Hauptstadt. Bis Ostern sollen möglichst alle fertig sein und dann mindestens zwei Jahre für Flüchtlinge genutzt werden. Ob sie dann abgebaut oder anderweitig genutzt werden können, ist offen. Technisch sollen die Container für mindestens zehn Jahre nutzbar sein.

Nachbarschaftsinitiative kritisiert Senat
Doch in der Nachbarschaft in Köpenick stößt die Baustelle auf Unbehagen. Eine Nachbarschaftsinitiative kritisiert die Informationspolitik des Berliner Senats. „Es ist bekannt, dass die Zahl der Flüchtlinge steigen wird“, sagt Bettina Küster. „Der Senat hat es versäumt, genügend Raum für Flüchtlinge zu schaffen. Einfach ad hoc eine solche Entscheidung zu treffen, in einem Ballungszentrum von knapp 7000 Menschen – das ist einfach nicht glücklich gelaufen.“ Nicht die Flüchtlinge, der Senat habe die Probleme verursacht, betont sie.
Die erste offizielle Bürgerversammlung sei erst für Anfang Dezember geplant, viel zu spät, kritisiert die Initiative. Aber mit dem Bau können man unter anderem wegen des Winters nicht warten, bittet der Leiter der Task-Force des Senats um Verständnis für die Eile. Und zur Wahl des Standortes: „Es gibt in Berlin keine landeseigenen Grundstücke in erheblichem Umfang, darum hatten wir keine große Auswahlmöglichkeit.“

Rechte Stimmungsmache gegen Containerdörfer
Doch die in den Berliner Ost-Bezirken geplanten Containerdörfer rufen nicht nur Unbehagen, sondern auch Proteste hervor. So gingen in Treptow-Köpenick am vergangenen Samstag unter dem Motto „Nein zum Heim“ rund 400 Menschen auf die Straße. In Marzahn-Hellersdorf, wo ebenfalls ein Containerdorf für 400 Flüchtlinge geplant ist, waren es einige Tage zuvor rund 500 Demonstranten.
Der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), erklärte, dass unter den Protestanten auch „rechte Rattenfänger“ seien, die in das Allende-Viertel kämen, „um die Leute aufzuwiegeln“. Wie bei den Protesten im Jahr 2013 gegen ein Hellersdorfer Flüchtlingsheim, versucht auch jetzt die NPD mit ihren Sympathisanten wieder, aus dem Unmut Profit zu schlagen und mit fremdenfeindlichen Parolen aus der politischen Bedeutungslosigkeit zu kommen.
Für eine Demonstration am kommenden Samstag läuft die Mobilisierung bereits seit Tagen auf Hochtouren. Rund 1.000 Neonazis werden erwartet. Berliner Politiker hatten zuletzt gewarnt, es werde versucht, „mittels plumper Stimmungsmache und Hasspropaganda Ressentiments zu erzeugen“.

Opposition: Wohncontainer führen zu Stigmatisierung
Die Opposition kritisiert die provisorischen Wohncontainer für Flüchtlinge und bezeichnet sie als großen Schritt zurück. Die sozialpolitische Sprecherin der Linksfaktion, Elke Breitenbach, sagte dem rbb Ende Oktober: „Wir kennen Containerdörfer aus den 1990er-Jahren. Wir wissen, wozu es geführt hat, und es ist letztlich Stigmatisierung, gesellschaftliche Teilhabe wird verhindert.“
Die Millionen, so Breitenbach, hätte man besser für vernünftige, aus Stein gebaute Heime und Wohnungen investieren sollen.
Nach jahrelangem Rückgang steigt die Zahl der Asylbewerber auch in Berlin wieder, mehr als 12.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr erwartet.

http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin1/Erstes-Containerdorf-Fluechtlinge-Berlin-waechst.html