Sind Containerlager alternativlos? Jetzt wohl schon, meint Ex-Senatorin Stahmer

8.12.2014 Morgenpost
Ingrid Stahmer – „Die Container sind nicht das Problem“

Ex-Sozialsenatorin Ingrid Stahmer wirbt für eine Willkommenskultur in der Flüchtlingspolitik. Sie versteht die Sorgen von Bürgern und fordert mehr Mitspracherecht bei der Auswahl von Heimstandorten.

Ingrid Stahmer hat ein altes Redemanuskript herausgesucht. Als Berliner Sozialsenatorin sprach sie bereits 1990 in der Urania in Schöneberg über „Fremde in der Stadt“ und beschrieb „Schwierigkeiten und Chancen im Umgang mit Zugewanderten“. Darin mahnte die Sozialdemokratin schon vor fast 25 Jahren zu einer Kultur des Willkommens. Das Thema bewegt sie bis heute.

Ingrid Stahmer, geboren 1942, trat 1964 in die SPD ein. Nach der Ausbildung zur Sozialarbeiterin war sie von 1966 bis 1971 im Bezirksamt Charlottenburg. 1971 wechselte sie in die Senatsverwaltung für Jugend und Sport und absolvierte 1971 bis 74 berufsbegleitend die Ausbildung zur Trainerin für Gruppendynamik. Während ihrer Tätigkeit in der Senatsjugendverwaltung bis 1981. Dort setzt sie sich unter anderem für die Integration ausländischer und behinderter Kinder in den Kindertagesstätten ein.


Berliner Morgenpost: Frau Stahmer, Sie sind mit dem früheren Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und den Ex-Senatoren Wolfgang Wieland und Heidi Knake-Werner im Beirat für Zusammenhalt, den Sozialsenator Mario Czaja (CDU) einberufen hat. Ist die Politik allein mit dem Thema Flüchtlinge überfordert?

Ingrid Stahmer: Wenn viel mehr Menschen nach Berlin kommen als erwartet, suchen Politik und Verwaltung vor allem Unterkünfte. Das kann ich verstehen. Aber Herr Czaja hat sich zu Recht überlegt, wie er den vielen Unterstützerinitiativen helfen und den Anwohnern mehr Möglichkeiten zum Gespräch geben kann. Dazu können die Stadtteilzentren die Plattform bieten. Wobei natürlich klar ist, dass Bewohner einer Einfamilienhaussiedlung es nie lustig finden, wenn ihnen plötzlich eine dreistöckige Wand aus Containern vor die Nase gebaut wird, auch wenn sie bunt sind.

Was haben Sie denn bisher unternommen als Beirat?
Wir haben eine Rundfahrt gemacht zu den Heimen, wo es besondere Proteste gibt, in Köpenick und in Hellersdorf. Da sprach uns eine Anwohnerin an. Zuerst war sie gegen das Heim. Am Ende haben wir mit ihr diskutiert, ob man die Häuser so oder andersrum baut. Da wäre es sehr hilfreich, wenn gleich ein Architekt dabei ist, um Wünsche aufzunehmen und abzuwägen. Wir haben auch mit mehreren Stadtteilzentren über ihre Kontakte zur Nachbarschaft gesprochen und uns über die Verfahrensweisen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) informiert.

Warum wenden sich so viele Leute gegen Heime in ihrer Nachbarschaft?
Menschen haben eine Grundskepsis gegenüber Fremden. Wenn die dann in großen Zahlen kommen und nicht die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt besteht, verschärft sich das.
Gibt es Hinweise auf Konflikte oder erhöhte Kriminalität in der Umgebung von Heimen?
Das ist mehrfach nachgemessen worden: Es ist nicht so. Es gibt keine gestiegene Kriminalitätsrate. Und die Grundstückspreise sinken auch nicht. Es ist aber auch klar: Wenn wir viele unbeschäftigte junge Leute an einem Ort zusammenstecken, dann kriegen wir ein Problem. Wir müssen uns viel stärker darum kümmern, dass die Flüchtlinge sinnvoll beschäftigt oder aus- oder weitergebildet werden, vor allem die jungen Männer. Der Deutsche Gewerkschaftsbund wird kommendes Jahr ein solches Programm starten. Gerade unter den Syrern gibt es viele Fachkräfte. Aber deren Qualifikationen werden noch nicht mal abgefragt.

Ist es alternativlos, Flüchtlinge in großen Sammelunterkünften mit 500 Personen unterzubringen?
In der jetzigen Lage ist das wohl notwendig. Wir drängen aber im Beirat darauf, möglichst viele dieser Menschen in kleineren, besser verteilten Unterkünften unterzubringen. Dabei sind die Container nicht das Problem. Innen bieten diese Gebäude sogar gute Bedingungen, ausreichend Duschen und Gemeinschaftsräume. Viele Kritiker nutzen den Hinweis auf die angeblich unzumutbaren Zustände darin nur, um solche Unterkünfte generell zu verhindern. Aber es stimmt natürlich: Wenn die Menschen in kleineren Gruppen kommen, ist die Integration viel leichter.

Sogar die Bezirksbürgermeister klagen, sie würden nicht eingebunden in die Standortsuche. Halten Sie die Geheimhaltung des Senats für klug?
Das ist gewiss nicht klug. Wer den Eindruck hat, eine Entscheidung komme einfach so über ihn, ist verstimmt. Es gab zwar eine Runde der Bezirksbürgermeister, in denen sie sich über die jeweiligen aufzunehmenden Kontingente verständigt haben. Manchmal findet das Landesamt gut geeignete Immobilien, aber in einem Bezirk, der seine Kontingente schon erfüllt. Weil wir aber nicht weniger Flüchtlinge zu erwarten haben und die Menschen auch nicht schnell wieder weggehen, brauchen wir wahrscheinlich noch weitere geeignete Standorte.

Sollte man also mit den Bürgern darüber kommunizieren, ob ein Heim hier oder dort hinkommen soll?
Das wird man in der gegenwärtigen Situation mit der großen Menge der Ankommenden nicht können. Dann schlagen alle Plätze vor, die möglichst weit von ihnen entfernt sind. Aber allein schon deutlich zu machen, dass Senatsverwaltung und Lageso sich Gedanken machen und Anwohnerinteressen berücksichtigen, wäre schon hilfreich. Eine offene Diskussion kann zu besseren Lösungen führen und zu besserer Akzeptanz. Dann könnten die Rechtsextremen die Leute nicht so leicht verführen.

Sie sind ja auch Vorsitzende der Landesarmutskonferenz. Fürchten Sie eine Stimmung, dass die Leute sagen, für Flüchtlinge ist Geld da, für die armen Inländer aber nicht?
Das sehe ich im Moment nicht. Wobei es tatsächlich für die normalen Berliner Obdachlosen nicht genügend Plätze gibt und die Landesarmutskonferenz mehrfach konkrete Änderungsvorschläge zur Notaufnahme von Obdachlosen gemacht hat. Auch dass allein 1800 Menschen mit positiv abgeschlossenen Asylverfahren weiter in Sammelunterkünften leben, die die Bezirke eigentlich in Wohnungen unterbringen müssten, zeigt, wie groß die Wohnungsnot in der Stadt ist. An sich ist so eine Mischung der verschiedenen Gruppen nicht schlecht. Aber es fehlt vielfach an sozialer Betreuung. Darauf müssen wir viel stärker achten. Wir müssen viel stärker wieder das Gemeinschaftsgefühl wecken, was wir zwischendurch mal hatten in Berlin. Dazu sammeln wir im Moment Adressen von Nachbarschaftsinitiativen, die unsere Hilfe brauchen können und regen solche Initiativen an, wo es sie noch nicht gibt.

Gibt es irgendwann eine Grenze der Aufnahmefähigkeit und der Aufnahmebereitschaft?
In vielen Ländern werden in der Not Millionen aufgenommen. Das funktioniert, wenn die Menschen Verständnis dafür haben, was den Fremden widerfahren ist. Wir können natürlich nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber wir können unseren Beitrag leisten, damit Flüchtlinge eine Zukunft finden.

Erwarten Sie, dass die Politik auf Ihren Rat hört?
Ja, natürlich. Wenn die uns nur als freundliche Grüßonkels und -tanten gewählt hätten, hätten sie sich in uns sehr getäuscht.

http://www.morgenpost.de/berlin/article135112174/Ingrid-Stahmer-Die-Container-sind-nicht-das-Problem.html