RBB-Reportage aus dem Allendeviertel

10.12.2014 Inforadio: Willkommenskultur? Nein, danke!

Im Allendeviertel in Berlin-Köpenick gehen fast jede Woche Menschen gegen das geplante Flüchtlings-Containerdorf auf die Straße. Anwohner haben gegen die Eröffnung des Heimes geklagt, am Donnerstag schauen sich Berliner Verwaltungsrichter diesen und einen weiteren Standort an. Wer sind die Menschen, die so stark gegen Flüchtlinge mobil machen?

Ingolf Pabst wohnt in einem Plattenbauhochhaus, nur wenige hundert Meter vom neuen Flüchtlingsheim entfernt. Ein typisches Haus in der 1970er-Jahre Großwohnsiedlung „Allende II“. Fünf- bis zehnstöckige Plattenbauen, aber auch viele Bäume und große Grünflächen prägen die Gegend. Zum Müggelsee sind es nur 10 Minuten zu Fuß. Wie viele Anwohner, beschäftigt Ingolf Pabst in diesen Tagen vor allem ein Thema, das Flüchtlings-Containerdorf:
„Mich stört, dass die Leute nicht gefragt werden, dass selbst das Bezirksamt überrumpelt wurde, und wir nur aus den Medien erfahren haben, dass hier ein Containerdorf hin soll. Wir haben nicht grundsätzlich was gegen Flüchtlinge, wohl aber gegen den Standort.“

Viele lehnen ein zweites Asylbewerberheim ab
Ingolf Pabst ist Fahrlehrer. Er kennt viele Leute im Viertel, wird immer wieder auf der Straße gegrüßt. Ein lockerer Typ, mit Berliner Schnauze, Spitzname „Inge “. Seit einigen Wochen hat er nur noch ein Ziel: das Flüchtlingscontainerdorf irgendwie verhindern. Pabst hat eine Facebookplattform ins Leben gerufen, hat Plakate mit der Aufschrift „Nein zum Containerdorf am Standort Allende II“ geklebt. Er hat über 1500 Unterschriften gesammelt und Geld für eine Klage gegen den Bau. Im Kiez stößt er bei vielen Anwohnern auf offene Ohren, denn die Bedenken gegen das Flüchtlingsheim sind groß.
Im Allende-Viertel gibt es bereits ein Asylbewerberheim. Viele Anwohner finden, ein zweites wäre zu viel für die Gegend, schon mit dem ersten Heim gäbe es Probleme: „Man hört ja hier und da, dass bei Lidl die Diebstähle um 100 Prozent zugenommen haben.“ Und ein anderer sagt: „Es ist dort dreckig, keiner nimmt Rücksicht auf den anderen, es werden überall Sachen hingeworfen – die reinste Vermüllung.“

„Rechte Rattenfänger“
Ingolf Pabst sammelt diese Bedenken auf seiner Facebook-Plattform. Hier werden auch Berichte über Asylmissbrauch gepostet und Ausländer-kritische Zitate verschiedener Politiker. Köpenicks Bezirksbürgermeister, Oliver Igel von der SPD hat gewarnt, man dürfe sich davon nicht aufhetzen lassen. „Wir dürfen aber auch nicht rechten Rattenfängern auf den Leim gehen. Die sind da im Allende-Viertel unterwegs, streuen Gerüchte über Kriminalität und Überfälle, an denen nichts dran ist.“
„Rechte Rattenfänger“ – für dieses Zitat erntete Igel einen Shitstorm. Er wurde im Internet beschimpft. Viele Anwohner fühlen sich nicht ernst genommen und als Unmündige, als Ratten diskreditiert. Eine Unverschämtheit, findet auch Ingolf Pabst, es gehe schließlich um die Sorgen der Bürger, nicht um Rechtsradikalismus:

Ingolf Pabst: „Wir sind hier im Allende II eine recht friedliche Gemeinschaft – wir haben hier sehr wenig rechts und links, und so soll es auch bleiben. Wenn uns der Senat aber weiter so verarscht, laufen wir hier Gefahr, von links und rechts unterwandert werden, wie in Hellersdorf oder Marzahn, wenn wir nichts unternehmen. Das brauchen wir hier alles nicht.“

„Wir reden doch alle immer von Demokratie …“
Eine klares Bekenntnis. Umso verwunderlicher ist dann allerdings das, was sich wenige Tage später abspielt: Eine Anwohner-Demonstration gegen das Flüchtlingscontainerdorf im Allende-Viertel. Ingolf Pabst ist Mitorganisator, trägt eine Ordner-Binde am Arm. Rund 400 Menschen sind gekommen, darunter Familien mit Kindern, ältere Ehepaare aber auch auffällig viele Neonazis. Etwa ein Dutzend Männer tragen Thor-Stainar-Jacken, ein Erkennungsmerkmal der rechten Szene.
In der Menge taucht auch Sebastian Schmidtke auf, der Berliner Landesvorsitzende der NPD, ganz unauffällig gekleidet. Auch ein professioneller Lautsprecherwagen steht bereit.
Ingolf Pabst scheint das alles nicht sonderlich zu stören: „Das macht keinesfalls die Stimmung kaputt – wir reden doch alle immer von Demokratie, und das bedeutet auch, dass wir niemanden ausschließen. Wir achten nur darauf, dass alles im Rahmen bleibt, und sollten Hetz-Parolen gerufen werden, werden wir diese Leute entfernen und diese Veranstaltung beenden – ganz einfach.“
Die Parolen bewegen sich am Rande des Erlaubten. Als einige Demonstranten „Reißt die Hütte ab“ rufen, greift eine junge Frau zum Mikrofon und sagt, dass sie das lassen sollen, sonst gäbe es Ärger mit der Polizei. Die Demonstranten wechseln zu „Nein zum Heim“-Sprechchören und zu: „Wir wollen keine Asylantenheime“. Statt „Asylantenheime“ rufen einzelne Demonstranten auch: „Asylantenschweine“.
Ingolf Pabst läuft plötzlich neben dem Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke und plaudert mit ihm, die beiden scheinen sich zu kennen. Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt, steigt Pabst in den Lautsprecherwagen und fährt vorneweg.

„Jetzt soll eine Willkommenskultur aufgebaut werden.“
Bei der Demonstration laufen defintiv nicht nur Neonazis, sondern auch viele Anwohner mit. Doch warum akzeptieren sie Neonazis an ihrer Seite? rbb-Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundermeyer sagt, die NPD schafft es geschickt, die Menschen mit ihren Sorgen abzuholen:
„Das sind Leute, die Angst haben vor fremden Menschen in ihrer Nachbarschaft, auch wenn diese Angst unbegründet ist. Sie ist real und in vielen Fällen folgt daraus eine Fremdenfeindlichkeit, die unmittelbar anschlussfähig ist an rechtsextremistische Einstellungen. Ich habe in der vergangenen Woche lange persönlich mit dem Landeschef der rechtsextremen NPD gesprochen, und der räumt freimütig ein, dass er diese Proteste aktiv unterstützt durch die Erstellung und das Verteilen von Flugblättern – auch durch Lautsprecherwagen und Ordner bei den Demonstrationen und Redner, die durch den angeblichen Asylmissbrauch hetzen.“
Fakt ist aber auch, dass sich die überwiegende Mehrheit der Anwohner im Allendeviertel von NPD-Aufmärschen fernhält. Im Allendeviertel organisieren sich in diesen Tagen auch Menschen, die sich um die ankommenden Flüchtlinge kümmern wollen, wie Ulli Haas. Der 70-jährige Anwohner ist Sprecher eines Runden Tisches für das Containerdorf. Haas war anfangs auch gegen den Standort. Er fand ihn zu nah am bereits bestehenden Heim, doch nun müsse man nach vorne schauen.
Uli Haas: „Es ist jetzt entschieden: Punkt, Aus, Ruhe. Und jetzt soll eine Willkommenskultur aufgebaut werden. Es gibt hier eine Bürgerinitiative, die unsere volle Unterstützung hat und mit deren Mitglieder wir zusammenarbeiten. Mit denen zusammen versuchen wir, hier ein Klima herzustellen, um einigermaßen mit dem Flüchtlingsheim klarzukommen.“

„Wir werden nicht mit einem Blumenstrauß dort stehen“
Die ersten Flüchtlinge sollen noch in diesem Jahr ins Containerdorf einziehen. Das Berliner Verwaltungsgericht hat am Donnerstag die Klage abgewiesen, die Ingolf Pabst mit auf den Weg gebracht hat, und mit der das Ganze gestoppt werden sollte. Was plant Ingolf Pabst, wenn die ersten Flüchtlinge kommen? Wird es Tumulte geben, wie beim Einzug der Flüchtlinge in Berlin Hellersdorf:
„Wenn am 22. Dezember die Willkommens-Veranstaltung läuft, werden wir wahrscheinlich da sein und uns das alles anschauen und uns mit denen auseinandersetzen – vollkommen friedlich. Wir werden die Flüchtlinge sicher nicht unwillkommen heißen, aber auch nicht mit einem Blumenstrauß dort stehen.“