Weihnachten in Marienfelde

27.12.2014 Berliner Zeitung
Weihnachten im Flüchtlingsheim
Weihnachten ist das Fest der Hoffnung. Aber was bedeutet das für die Flüchtlinge in der Stadt? Zu Besuch bei einer syrischen Familie im Übergangsheim in Marienfelde.

Vor dem Fenster fällt der Schnee in dicken Flocken, setzt sich auf Zweige und Autodächer. Ein weißer zweiter Weihnachtstag. Am Morgen zuvor hat der Papst auf dem Petersplatz in Rom seine Weihnachtsansprache gehalten, hatte darin das Fest ein Zeichen der Hoffnung für alle Geflüchteten auf der Welt genannt; am Heiligabend hatte zuvor der Bundespräsident die Deutschen mit Blick auf Pegida ermahnt, Flüchtlingen Schutz zu geben.
Es geht in diesen Tagen viel um sie, die Flüchtlinge. Menschen wie Gessan Tessare aus Syrien. Das Schneetreiben draußen lässt ihn nur kurz den Blick heben. Vor ihm auf dem Tisch liegt aufgeschlagen ein Sprachlehrbuch, Deutsch, Mittelstufe. Der Geruch von Essen hängt im Zimmer. Das einzige, das in der kleine Wohnung im Übergangsheim Marienfelde an Weihnachten erinnert, ist die gläserne Tasse, die vor Tessare steht: „Weihnachtsmarkt Dresden“, verblasst von unzähligen Spülgängen.
Es ist ein Tag wie jeder andere, seit einem halben Jahr. Die erste Zeit haben sie in den zweieinhalb Zimmern hier zu acht gelebt. Die älteste Tochter hat mit ihrem Mann mittlerweile eine Wohnung gefunden, die beiden anderen Töchter und der älteste Sohn auch, die einen in Steglitz, die anderen in Weißensee. Zurückgeblieben ist Gessan Tessare mit seiner Frau Neda Ammar und ihrem jüngsten Sohn Maged. Wenn sie einander besuchen wollen, verbringen sie eine Stunde in Bus und Bahn. „Getrennt zu sein ist schwer für Geflüchtete“, sagt Tessare.
Bis zu einem Jahr verbringen Flüchtlinge durchschnittlich in Marienfelde. Eigentlich eine viel zu lange Zeit, um von einem Übergang zu sprechen. Aber Wohnungen sind knapp in Berlin, besonders solche, die so günstig sind, dass sie das Jobcenter bezahlt. Eine einzige passende Wohnung hat Familie Tessare bisher gefunden – sie erhielten eine Absage, der Vermieter scheute den bürokratischen Aufwand. „Es ist schwierig“, sagt Gessan Tessare.
Man darf ihn nicht falsch verstehen. Er klagt nicht, wenn er über sein Leben und das seiner Familie spricht, obwohl es genug Anlass dafür gäbe. In Syrien war er ein angesehener plastischer Chirurg, so erzählt er auf Deutsch, besaß eine Poliklinik in Damaskus und eine weitere Klinik im Norden des Landes. Seine Frau arbeitete als Anästhesistin. Die Familie lebte in einem Haus, zu dem ein 5 000 Quadratmeter großes Grundstück gehörte.
Dann, sagt Tessare, sei er festgenommen worden, weil er sich geweigert habe, nur noch Anhänger des Assad-Regimes zu behandeln. 40 Tage lang sperrten sie ihn ein. Das war 2011. Es dauerte noch drei Jahre, bis er es nicht mehr aushielt: „Ich bin Arzt, für mich sind alle Menschen gleich, wenn sie Hilfe brauchen“, sagt er. „Darauf habe ich einen Eid geschworen.“ Jedes Mal, wenn sein jüngster Sohn auf die Straße ging, fürchtete Tessare, er werde nicht zurückkommen. „Es gab einfach keine Sicherheit mehr.“
Über den Libanon und die Türkei kam die Familie erst nach Kiel, dann nach Berlin: Spandau, Neukölln und schließlich Marienfelde, die größte Flüchtlingsunterkunft der Stadt. Es gibt sie bereits seit 1953. Vielleicht ist das der Grund, warum die Anwohner hier nicht protestieren, sondern zu Weihnachten Päckchen vorbeibringen. Weil hier immer schon Flüchtlinge untergebracht waren: erst aus der DDR, später die Aussiedler. Heute leben hier 715 Menschen, Platz ist eigentlich nur für 700, täglich erreichen den Internationalen Bund, der das Heim betreibt, neue Anfragen.
Die Menschen kommen aus Tschetschenien, Afghanistan, Serbien, Irak, Bosnien. Und die meisten wie Familie Tessare aus Syrien. Sie leben in einem ständigen Widerspruch: Sie beobachten die Lage in Syrien, bangen, hoffen; gleichzeitig versuchen sie, in Berlin anzukommen, lernen die Sprache, ohne die sie nicht arbeiten können. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Teilnahme am Leben. „Ohne Arbeit kein Respekt“, sagt Gessan Tessare. „Wir können nicht warten, bis die Probleme in Syrien gelöst sind.“ Drei Monate hat er in einem Krankenhaus in Potsdam gearbeitet, seine Frau in einem Vivantes-Klinikum – als Praktikanten. Sie können keine Stelle antreten, ehe ihre Approbationen anerkannt sind. Doch das dauert. Warum, wissen sie nicht. Später, wenn er Arbeit hat, sagt Tessare, will er dem Haus in Marienfelde etwas zurückgeben, helfen mit Geld, mit seinen Erfahrungen.

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