Funkhaus Europa: Wochenserie „Berlin Hauptstadt der Flüchtlinge“

Teil 1 – Gestrandet in Moabit

Im ersten Teil unserer Wochenserie treffen wir Mariana Imailovic. Die Roma ist aus Serbien nach Deutschland geflohen. Mit ihren drei Kindern ist sie mit Hilfe eines Schleusers nach Deutschland gekommen. Da Mariana kein Geld für die Reise hatte, hat der Schleuser die Pässe der Familie einbehalten, bis sie das Geld zahlen. Mit dem Auto wurden die vier nach Berlin gefahren und dort einfach abgesetzt.

Ohne Schlafplatz werden die Flüchtlinge wieder auf die Straße geschickt
Die zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber hat der Familie einen Termin in zwei Wochen gegeben und sie wieder auf die Straße gesetzt. Die erste Nacht schlafen sie in einer Obdachlosenunterkunft. Dort treffen sie auch Bosnier die ebenfalls ohne einen Schlafplatz für die erste Nacht vom Landessozialamt weggeschickt worden sind.
An diesem Abend bekommen zwar alle ein Bett, doch der Leiter der Obdachlosenunterkunft betont, dass Flüchtlinge eigentlich nicht bei Obdachlosen, Alkoholikern und Drogensüchtigen einquartiert werden sollten.

Aufblasbare Traglufthallen sollen Abhilfe schaffen
Verantwortlich dafür, Asylbewerber unterzubringen, ist Berlins Sozialsenator Mario Czaja von der CDU. Die Opposition wirft ihm vor, sich nicht rechtzeitig um genügend Unterkünfte gekümmert zu haben. Czaja spricht dagegen nur von einer Ausnahmesituation im November: Eine Woche lang gab es in Berlin einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge, weil in sechs Heimen Masern und Windpocken ausgebrochen waren.

Nun sollen Turnhallen und aufblasbare Traglufthallen aus Kunststoff helfen, die Situation in Berlin wieder in den Griff zu bekommen und die Bedingungen für Flüchtlinge zu verbessern.

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Teil 2 – In der Traglufthalle

Die CSU will sich um die Sorgen der PEGIDA-Demonstranten kümmern. Sie forderte: „Wer das Asylrecht aus rein wirtschaftlichen Gründen missbraucht, muss Deutschland zügig wieder verlassen.“ Als reine Wirtschaftsflüchtlinge gelten zum Beispiel Roma aus Serbien. Nach Syrern sind sie die zweitgrößte Gruppe von Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen ist. Sie haben kaum eine Chance auf Asyl. Dass sie hier sind, stößt bei vielen Bürgern auf kein Verständnis.
Berlin-Moabit, gleich hinter dem Poststadion. Auf einem regennassen Kunstrasenplatz ragen zwei riesige futuristische Plastikkonstruktionen in den Himmel: Die Traglufthallen. Hier bringt die Stadt Berlin Flüchtlinge unter, für die sie keine andere Unterkunft findet. 150 Menschen leben in jeder Halle, unterteilt in Sechser-Schlafkojen mit Spanplattenwänden.
Die meisten Bewohner der Traglufthallen sind Roma aus Serbien und Syrer. Ein Familienvater, der seinen Namen nicht nennen möchte, spricht über die Situation zu Hause. So ist seine Tochter mit Essen beworfen worden. Auch ist seine Mutter in einem Feuer umgekommen, als serbische Hooligans ihre Hütte angezündet haben.

Die Traglufthallen nur als Übergangslösung
Viele der Flüchtlinge erzählen von ähnlichen Erlebnissen. Die meisten sagen, dass sie wegen ihrer Kinder nach Deutschland geflüchtet sind. Während die Erwachsenen erzählen und erzählen, toben die Kinder in der Spielecke herum. Sie lachen und kreischen, denn zwei Berliner Schauspieler führen gerade ein pantomimisches Theaterstück auf, zum Mitmachen. Einer der Männer zeigt ungläubig auf die Kinder: „Alles ist anders hier. Nicht nur dass es ordentliches Essen gibt, es wird mit den Kindern gespielt, man kümmert sich um sie. Wir haben so etwas noch nie erlebt.“
Gedacht sind die Traglufthallen als Übergangslösung für Flüchtlinge, die nirgendwo anders unterkommen. Aber manche Roma sind so angetan von den Lebensbedingungen in der zugigen Halle, dass sie gar nicht mehr weg wollen. Ceca Nikolic ist mit ihren zwei kleinen Kindern hier. Eines hat gerade hohes Fieber. Sie sollte schon vor drei Wochen die Traglufthalle verlassen und in ein richtiges Flüchtlingsheim am Stadtrand von Berlin zu ziehen. Doch sie weigert sich: „Ich will nicht weit weg, irgendwo hin, wo ich niemanden kenne. Hier fühle ich mich jetzt sicher. Ich wurde von meinem Stiefvater misshandelt, auch die Kinder hat er geschlagen. Ich will beschützt werden.“
Dabei hat Ceca als serbische Roma kaum eine Chance auf dauerhaftes Asyl in Deutschland. Auf die Frage nach ihrer Zukunft zuckt sie nur mit den Schultern. Hauptsache weg von zu Hause – Einen konkreten Lebensplan hat hier niemand.

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Teil 3 – Nach dem Oranienplatz

Viele Flüchtlinge haben keine wirkliche Chance auf Asyl in Deutschland. Zum Beispiel weil sie Asyl in dem Land beantragen müssen, das sie in Europa zuerst betreten haben. Einer von ihnen ist Mohammed Tanko aus Niger, der es auf einem Flüchtlingsschiff nach Lampedusa geschafft hat und jetzt illegal in Berlin lebt.

Über Libyen und Italien nach Deutschland
Aus seinem Heimatland Niger ist er nach Libyen geflohen. Als dort 2011 der Krieg ausbrach floh Mohammed nach Italien. Zwar bekam er dort Aufenthaltspapiere aber weder eine Unterkunft noch Arbeit. Er schlägt sich bis nach Deutschland durch und lebt eine Zeitlang im Flüchtlingscamp auf dem Berliner Oranienplatz. Dort lernt er Diana Riedel kennen, mit der er jetzt in einer Wohnung lebt. Die 36-Jährige Gesundheitsberaterin war monatelang am Camp vorbeigelaufen – eines Tages aber spricht sie die Flüchtlinge an.

Ständig droht die Abschiebung
Diana Riedel hilft, mit Essen und Decken. Später werden manche Flüchtlinge zu Freunden, wie Mohammed. Als er nach der Räumung des Oranienplatzes auf der Straße steht, nimmt sie ihn auf, in der engen 2-Zimmer-Wohnung, die sie mit ihrem kleinen Sohn teilt. Mohammed kocht gerne, das erinnert ihn an seine Mutter, an zu Hause. Ohnehin empfindet Diana ihre Wohngemeinschaft als Bereicherung – Mohammeds Erzählungen aus Niger, ihre Diskussionen über Flüchtlingspolitik. Den Gesetzen nach hält sich Mohammed illegal in Deutschland auf. Trotzdem besucht er einen Deutsch-Kurs, arbeitet in einem Flüchtlingsprojekt. Jeden Moment könnte ihn die Ausländerbehörde nach Italien abschieben. Aber Angst macht ihm das nicht – sagt er.

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Teil 4 – Proteste in Köpenick

Berlin ist die Hauptstadt der Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr kamen hier rund 12 000 Menschen an, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Berlin gilt als tolerante Multi-Kulti Metropole und deshalb ist Pegida hier zweimal kläglich gescheitert. Doch es gibt auch in Berlin regelmäßig Proteste und Aufmärsche gegen Flüchtlinge. Zum Beispiel rund um eine neue Wohncontainersiedlung in Berlin-Köpenick. Oliver Soos hat sich dort umgesehen und mit den Protestierenden gesprochen
Das Allendeviertel ist in Berlin-Köpenick, im äußersten Südosten Berlins. Mittelhohe Plattenbauten, dazwischen viel Grün und viele Bäume. Im Hochhaus gleich neben der Flüchtlingscontainersiedlung, wohnt der Fahrlehrer Ingolf Pabst. Auf den ersten Blick ein lockerer Typ mit Berliner Schnauze, Spitzname: „Inge“. Pabst ist so etwas wie der Anführer der Containerdorf-Gegner im Kiez. Er selbst betont, dass er nur ein ganz normaler Anwohner ist, der nichts gegen die Flüchtlinge an sich, sondern gegen den Standort hat. Ingolf Pabst betreibt eine Facebookplattform, auf der die Flüchtlingsheimgegner über Asylmissbrauch und über „linke Gutmenschen“ schimpfen. Auf dieser Seite sammelt er auch Unterschriften gegen das Containerdorf.

Protestmarsch mit der NPD
In einer naheliegenden Bäckerei stellt er uns andere besorgte Anwohner vor. Zwei Rentnerinnen fürchten, dass die Flüchtlinge Unruhe bringen. Noch haben die Dame allerdings kaum etwas von ihren neuen Nachbarn mitbekommen. Die ersten Flüchtlinge sind kurz vor Jahreswechsel in die Container eingezogen. Aber es gibt ja schon ein Flüchtlingsheim im Viertel, sagen die beiden, mit dem es schlechte Erfahrungen gibt. Ingolf Pabst nickt bestätigend und bittet, die Menschen hier nicht in die rechte Ecke zu stellen. Man müsse aber aufpassen, dass man nicht von Rechten unterwandert wird, sagt Pabst ernsthaft. Ein klares Bekenntnis.
Wenige Tage später treffen wir ihn wieder, bei einer Anwohner-Demo gegen die Containersiedlung. Ältere Ehepaare sind gekommen, ein paar Familien mit Kindern, aber auch ein gutes Dutzend junge Männer in Thor Steinar Jacken und: Berlins NPD-Chef Sebastian Schmidtke. Ingolf Pabst trägt eine Ordnerbinde am Arm – exakt die gleiche wie der NPD-Vorsitzende. Auf die Frage ob er es in Ordnung findet, zusammen mit Neonazis auf die Straße zu gehen grinst er.
An diesem Abend marschieren in Berlin-Köpenick rund 400 Bürger zusammen mit Rechtsextremisten – und es scheint ihnen nichts auszumachen.

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Teil 5 – Ein Flüchtlingsheim in Moabit

Flüchtlinge unterbringen und zu integrieren wird eine der wichtigsten Herausforderung in diesem Jahr. Denn die Kriege in Syrien und im Irak, die Krisen in Afrika, die Armut auf dem Balkan – all das wird dafür sorgen, dass laut einer Prognose des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, noch einmal gut 10 Prozent mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen als 2014. Wir schauen in dieser Woche nach Berlin in die Stadt, die die meisten Flüchtlinge in Deutschland aufnimmt. Gestern hat unser Reporter Oliver Soos über Anwohner in Berlin-Köpenick berichtet, die Angst vor einem neuen Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft haben. Deshalb hat unser Reporter heute ein Berliner Flüchtlingsheim besucht und geschaut, wie es dort wirklich aussieht.

Die Kinder gehen in eine Willkommensklasse
Die Notunterkunft des Arbeitersamariterbunds ist in Berlin-Moabit. Es gibt hier große Fenster, bunte Teppiche und im Gemeinschaftssaal toben Kinder. Da kann man schnell mal vergessen, dass das hier ein Flüchtlingsheim ist. Im Gemeinschaftssaal tobt ein Haufen Kinder ausgelassen herum. Gleich zwei Achtjährige stürmen auf uns zu und umarmen Heimleiterin Kirstin Frohnapfel. Beide kommen aus Syrien und sprechen auch schon ein wenig Deutsch. Die Flüchtlings-Kinder besuchen eine Willkommensklasse, erzählt die Heimleiterin. Dort lernen sie Deutsch, ein bisschen Sportunterricht und Mathe gibt es auch. Die Kinder freuen sich, wenn sie endlich in die Schule gehen können, aber es gibt natürlich immer mal ein Kind, das nicht in die Schule mag, was aber ja normal sei.

Temporäres Bleiberecht anstatt Asyl
Mit der Fröhlichkeit ist es schnell vorbei, als die Flüchtlinge ihre Geschichte erzählen. Khaled al Hussein, 29, kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er hat als Mechaniker in einem BMW-Werk in Damaskus gearbeitet, dann wurde sein Haus zerbombt. Mit seiner Frau und den beiden kleinen Kinder hat er 3 Jahre Flucht hinter sich, durch Libyen und Italien. Seit Mai warten sie in Berlin auf eine Anerkennung. Dauerhaftes Asyl bekommen Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland nicht, nur ein zeitlich befristetes Bleiberecht aus humanitären Gründen.
Trotz der schwierigen Umstände findet Khaled al Hussein, dass im Flüchtlingsheim ein gutes Klima herrscht. Kirstin Frohnapfel schmunzelt, als sie das hört, denn sie hat manchmal schon ordentlich zu tun, dass das auch so bleibt. Denn natürlich gibt es Konflikte, so sagt sie, die jedoch nicht eskalieren. Es wurde nicht ausgesucht, wer dort zusammen lebt, sondern einfach so zusammengeschmissen worden. Aber der Grundton, sei ein angenehmer Grundton.

Im Flüchtlingsheim muss jeder tolerant sein
Kirstin Frohnapfel ist die gute Stimmung im Haus so wichtig, dass sie auch schon Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes austauschen ließ. Über einen Wachmann hatten sich Flüchtlinge beschwert: Er habe sie beschimpft. Ein anderer wirkte auf die Heimleiterin aggressiv und leicht reizbar, so dass sie kein Risiko eingehen wollte. Es ist viel Arbeit, bei 200 Menschen aus verschiedensten Nationen ein gutes Miteinander hinzubekommen. Doch im ASB-Wohnheim in Berlin-Moabit scheint es zu funktionieren. Weil jedem Bewohner Toleranz abverlangt wird, sagt Kirstin Frohnapfel. Khaled al Hussein jedenfalls bemüht sich um diese Toleranz– sogar denen gegenüber, die gegen Flüchtlinge protestieren.

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