Flüchtlinge in Turnhallen – Bezirke fordern Alternativen

16.01.2015 Morgenpost: Flüchtlinge in Turnhallen – Bezirke fordern Alternativen

Berlin kommt mit der Unterbringung von Flüchtlingen nicht hinterher und greift deshalb auf Turnhallen zurück. Das wird nun zum Problem. Erste Vereine können nicht mehr trainieren.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) kommt mit der Unterbringung der Flüchtlinge offenbar kaum noch hinterher. Die Situation hat sich in den vergangenen Tagen derart zugespitzt, dass das Amt auf weitere Turnhallen zurückgreifen musste, um den Flüchtlingen einen ersten Unterbringungsort zur Verfügung stellen zu können. Dabei handelt es sich um fünf Sporthallen an sechs Standorten in der gesamten Stadt. Zwei weitere Hallen sind bereits im Dezember umgenutzt worden – eine Sporthalle in Dahlem und eine in Charlottenburg. Insgesamt sind in den sieben umgenutzten Berliner Turnhallen zurzeit 1100 Frauen, Männer und Kinder untergebracht.
„Der Schulsport ist in keinem Fall beeinträchtigt. Das war uns wichtig“, sagte Lageso-Chef Franz Allert. Viele Bürger fühlen sich dennoch vor den Kopf gestoßen. Sie haben Sorge, dass Schul- und Vereinssport nicht mehr stattfinden können. In Hellersdorf gab es bereits eine Protestdemonstration, als bekannt wurde, dass die Sporthalle an der Kyritzer Straße zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge umfunktioniert werden könnte.
Auch Bezirkspolitiker lehnen es ab, Sporthallen als Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD) forderte das Lageso und die zuständige Senatsverwaltung auf, endlich „alle räumlichen Ressourcen in Berlin zu nutzen und nicht jeden Monat neue Notlösungen zu präsentieren.“

Neukölln sucht Alternativen
Lageso-Chef Allert sagte indes der Berliner Morgenpost, dass sicher noch weitere Turnhallen als Erstunterkunft genutzt werden müssen. „Der Zustrom der Flüchtlinge reißt nicht ab.“ Allein im Dezember seien in Berlin 2200 Flüchtlinge angekommen. In den ersten beiden Wochen des neuen Jahres habe es weitere 626 Zuzüge gegeben. „Wir rechnen damit, dass sich diese Zahl Ende Januar mindestens verdoppelt hat“, sagte Allert.
Welche Sporthallen noch als Flüchtlingsunterkunft in Frage kommen könnten, ist noch unklar. Allert sprach von einer absoluten Notlösung. „Niemand will Menschen in Sporthallen unterbringen“, sagte er und versprach, dass die Hallen nach den Osterferien „eigentlich wieder geräumt sein sollten.“ Bis dahin seien die geplanten Containerunterkünfte fertig gestellt.
In Hellersdorf ist es am Mittwochabend zu Protesten gekommen. Etwa 80 Menschen demonstrierten vor der Turnhalle an der Kyritzer Straße gegen eine Nutzung der Halle als Flüchtlingsunterkunft. Bei einer Rangelei wurde ein Polizist mit einem Schlag ins Gesicht leicht verletzt, sagte ein Polizeisprecher. Die drei Täter, allesamt Teilnehmer der Veranstaltung, wurden vorläufig festgenommen.
Ein Grund für Proteste: Wegen der Umnutzung der Hallen verlieren einige Sportvereine ihre Trainingsmöglichkeiten. Allein Hohenschönhausen sind zehn Vereine betroffen. Dazu gehören etwa die Judo-Kids. Trainer befürchten jetzt sogar das Aus des Vereins. Etliche Mitglieder seien bereits ausgetreten, weil das Training ausfallen müsse, hieß es. Der Verein sei zahlungsunfähig. Probleme hat auch der Verein Blau-Weiß-Hohenschönhausen. Die Hälfte der Trainingsstunden müsse ausfallen, sagte Trainer Marc Swiedereck.

Schwer zu vermitteln
In Neukölln haben sich die Bezirkspolitiker erfolgreich dagegen gewehrt, dass Turnhallen kurzfristig als Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge genutzt werden. Das Bezirksamt bot eine andere Lösung an. Ein Container am Mariendorfer Weg 9, der bis Ende des vorigen Jahres noch von der Hermann-Sander-Schule genutzt worden war, wird nun für die Flüchtlinge hergerichtet. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagte der Berliner Morgenpost, dass dort 100 Menschen untergebracht werden können. In der kommenden Woche werde mit der Belegung begonnen. „Vorher gibt es aber noch eine ausführliche Information für die Anwohner.“ Die Schule und das Seniorenheim, die in der Nähe der Unterkunft liegen, seien bereits unterrichtet worden.
„Wir wollen nicht, dass Flüchtlinge in Turnhallen auf engstem Raum ohne jede Privatsphäre hausen müssen“, sagte Giffey. Der Bezirk würde solche menschenunwürdige Unterbrinung ablehnen und alles daran setzen, andere Lösungen zu finden. „Alle Turnhallen in Neukölln werden außerdem von Schulen für den Sportunterricht und von zahlreichen Vereinen genutzt.“
Giffey forderte das Land Berlin auf, ebenfalls nach alternativen Lösungen zu suchen. Es müsse geschaut werden, welche landeseigenen Liegenschaften geeignet wären. „Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Vor diesem Hintergrund muss auch das Tempelhofer Feld in Betracht gezogen werden.“
Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD) äußerte sich ebenso. „Sporthallen sind für Flüchtlinge ungeeignet und nur die letzte aller Optionen.“ Es sei schwer, der Bevölkerung zu vermitteln, dass genutzte Sporthallen als Notunterkünfte herhalten müssen, wenn Einrichtungen im Eigentum von Privaten, des Bundes und des Land gleichzeitig leer stehen, so Hanke. Allein in Mitte gebe es mehrere Objekte, die schnell entwickelt oder angemietet werden könnten. Dazu gehörten auch Hostels und Hotels.
Stadträtin Giffey sagte, dass Neuköllner Vereine dieser Tage viele Anfragen von Vereinen aus anderen Bezirken erhalten. „Die fragen, ob sie Trainingszeiten bei uns bekommen.“ Neukölln könne aber nicht helfen, weil die Hallen des Bezirks durch eigene Schulen und Vereine total ausgebucht seien.

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