Gunnar Schupelius fragt: Gefährden die Ämter die Willkommenskultur?

1.2.2015 BZ

Der Verdacht liegt in der Luft, Flüchtlinge seien nicht willkommen. Anwohner würden sich in allen Ecken der Stadt zusammenrotten und gegen Wohncontainer kämpfen.

Mahnend heben die Politiker den Zeigefinger und schmieden “Willkommensbündnisse”. Demonstranten rücken montags aus, um Pegida-Kundgebungen zu stoppen. Die US-Botschaft habe deshalb eine Reisewarnung ausgesprochen, hieß es. Ich fragte die Sprecherin, Jackie McKennan, ob sie Berlin jetzt für ein gefährliches Pflaster halte. Nein, das nicht. Man habe lediglich eine “Reiseinformation” formuliert. Viele amerikanische Touristen seien hier. “Sie müssen Bescheid wissen über die regelmäßig stattfindenden Demonstrationen der Pegida”, sagte sie.

Die schlechten Nachrichten scheinen sich unverhältnismäßig in den Vordergrund zu schieben. Denn wenn man mal dort hingeht, wo die Asylbewerber unterkommen, ergibt sich ein anderes Bild.

Ich besuchte am Sonntag die Sporthalle der FU in Dahlem. Sie ist mit Flüchtlingen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Südosteuropa belegt. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat Feldbetten aufgebaut und Teppiche verlegt. In einem Zelt wird Halal-Wurst geschnitten. Piktogramme zeigen ein durchgestrichenes Schwein. Es gibt eine Gebetsecke. Alles ist blitzsauber. Ein erfahrener Heimleiter läuft umher und es gibt zwei Wachschützer. In einer Ecke liegt Spielzeug vor einem Fernseher. Anwohner haben ihn gespendet. Täglich bringen sie Toilettenartikel und Wäsche. Die Kirchengemeinde bietet Deutschkurse an, der Dahlemer CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann bringt den Flüchtlingskindern seine zwei Labradore zum Spielen.

Nicht nur in Dahlem traf ich diese engagierte Nachbarschaft an, auch in Hellersdorf und Charlottenburg. Überall bekommen Flüchtlinge Zuwendung, wenn ihre Unterbringung gut angekündigt und geplant ist.

Aber genau da klemmt es häufig. Das zuständige Amt (LAGeSo), das Sozialsenator Mario Czaja (CDU) untersteht, überrascht die Bürger immer wieder mit Plänen, die auch von den Bezirksämtern abgelehnt werden.

Ich traf die Anwohner am Osteweg in Lichterfelde. Freundliche, anständige Leute, keine Polit-Agitatoren. Auf einem winzigen Grundstück vor der ehemaligen amerikanischen Kirche will man ihnen Container für 340 Flüchtlinge vor die Nase setzen. Eine fragwürdige Planung, an der das LAGeSo dennoch festhält.

Es scheint, als würden die Bezirke absichtlich nicht einbezogen. Nur wenige Stunden, bevor man die Dahlemer Turnhalle beschlagnahmte, sei der Bürgermeister von Steglitz-Zehlendorf informiert worden, erfuhr ich. Bis zum 31. Januar sollte die Turnhalle als Notunterkunft dienen. Jetzt bleibt sie es offenbar auf unbestimmte Zeit. Informationen dazu gibt es nicht.

Wer die Anwohner nicht informiert oder ihre Fragen ignoriert, der ist es, der die Willkommenskultur gefährdet.

http://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/gefaehrden-die-aemter-die-willkommenskultur