Tag der offenen Tür im Container Köpenick

4.2.2015 Morgenpost
Wie die Flüchtlinge im Köpenicker Containerdorf leben

Rund 120 Flüchtlinge leben bisher in der Unterkunft in Köpenick, 330 werden es Ende der Woche sein. Beim Tag der offenen Tür ist das Interesse an dem Containerdorf groß.

Es ist kurz nach vier Uhr, vor wenigen Minuten hat der Tag der offenen Tür in Berlins erstem Containerdorf für Flüchtlinge in der Alfred-Randt-Straße begonnen. Nach und nach werden die Menschen in Gruppen hereingelassen.
In dem Teil des Gebäudes, in dem noch keine Flüchtlinge leben, spricht Ingrid Stahmer (SPD), ehemalige Sozialsenatorin und Mitglied des Beirats für Zusammenhalt. „Es ist wichtig, dass Sie alle sehen, dass Menschen gekommen sind wie Sie und ich. Die arbeiten und in Frieden leben wollen.“
Einige Zuhörer nicken, einige schütteln den Kopf. Peter Hermanns, der Leiter der Unterkunft, hat mit Kritikern gerechnet. „Wir wollen sogar, dass sie kommen“, hatte er im Vorfeld gesagt. Sie sind gekommen.

Eisbär aus Plüsch
Rund 120 Flüchtlinge leben bisher in der Unterkunft, 330 werden es Ende der Woche sein. Es riecht neu in den kahlen Gängen. Kai Wiemert, ein junger Sozialarbeiter mit dichtem Vollbart und Kapuzenpullover, führt eine erste Gruppe durch die unbewohnten Räume. Sie sind Anwohner, leben teilweise seit Jahrzehnten dort. Wiemert zeigt die Zimmer, 15 Quadratmeter für zwei Personen, die Familienzimmer doppelt so groß. Einfache Holzbetten stehen in den Zimmern, darauf je ein kleiner Eisbär aus Plüsch. Ein Willkommensgeschenk.
Ansonsten gibt es einen Tisch, einen Schrank und einen Kühlschrank. Sehr zweckmäßig. Wiemert zeigt die Küchen, die Duschen, das Kinderspielzimmer. Dann sagt ein älterer Herr aus seiner Gruppe: „Gibt’s hier schon eine Frau mit Burka?“ Er meint den Ganzkörperschleier, den Frauen zum Beispiel in Afghanistan tragen. Der Sozialarbeiter lächelt. „Nein, wieso?“ „Die jage ich davon.“ Der Herr fragt auch, ob die Flüchtlinge hier im Supermarkt einkaufen gehen. Als Kai Wiemert nickt, blickt er besorgt. Doch es gibt auch viele andere, die gekommen sind, um Spenden abzugeben und einen Eindruck davon zu bekommen, wie ihre künftigen Nachbarn leben. „,Leben müssen‘ muss man ja schon fast sagen“, sagt Klaus Kirchner. Auch er lebt seit Jahrzehnten in der Nachbarschaft. „Das hier sucht sich niemand freiwillig aus“, sagt er. „Obwohl hier alles schön gemacht ist“, fügt er hinzu.

Weitere fünf Dörfer werden gebaut
Das Wohncontainerdorf in Köpenick, das am 27. Dezember eröffnet wurde, ist das erste von sechs, in dem Flüchtlinge untergebracht wurden. Weitere fünf Dörfer werden am Ostpreußendamm und am Ostweg in Lichterfelde gebaut, am Hausvaterweg in Lichtenberg, an der Karower Chaussee in Pankow, und an der Schönagelstraße in Marzahn. 300 bis 480 Menschen können dort jeweils untergebracht werden. Die Kosten belaufen sich auf rund 43 Millionen Euro.
Die sechs Containerdörfer sind ein wichtiger Baustein zur Unterbringung von Flüchtlingen. Sie sollen die Zeit überbrücken, in der landeseigene Immobilien als Flüchtlingsunterkünfte hergerichtet werden. Eine dieser Immobilien sollte eigentlich schon ab dem 1. Februar als Flüchtlingsunterkunft dienen: die ehemalige Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in der Charlottenburger Eschenallee, die Anfang des Jahres auf den Campus Benjamin Franklin nach Steglitz gezogen ist. Laut Medienberichten soll sie zunächst als Erstaufnahmeeinrichtung für 300 Flüchtlinge dienen, und später zu einer Dauerunterkunft für 500 Menschen werden.
Das bestätigt die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales jedoch nicht. Auch ist noch unklar, wer die Einrichtung betreiben soll und wann sie eröffnet, heißt es aus dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. Die Ertüchtigung einer ausreichenden Zahl landeseigener Immobilien kann also dauern, und noch sind die anderen fünf Wohncontainerdörfer nicht eröffnet. Trotzdem müssen schnell Plätze her, denn der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Allein im Januar kamen 1530 Flüchtlinge neu in die Stadt. Insgesamt sind 13.689 Flüchtlinge in 60 Unterkünften untergebracht, 500 in Hostels und Pensionen und 9000 Empfänger von Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in Wohnungen. Die meisten Unterkünfte seien nahezu ausgelastet, heißt es aus der Sozialverwaltung.

Berlin rechnet mit 15.000 Flüchtlingen in diesem Jahr
In diesem Jahr rechnet die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales mit 15.000 Flüchtlingen, die neu nach Berlin kommen. Trotzdem will sich der Senat nicht mit dem Bau weiterer Containerdörfer behelfen. Das hatte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) in einem Interview mit der Berliner Morgenpost Anfang des Jahres bestätigt.
Wie die Unterkünfte in der Köpenicker Nachbarschaft angenommen werden, wird sich zeigen, wenn die letzten Bewohner eingezogen sind. „Es ist doch sehr eng hier. Vielleicht zu eng, wenn so viele Leute dort leben. Das könnte auch Ärger geben“, sagt ein Besucher beim Rausgehen. Benjamin Fiebig ist mit seiner Frau gekommen, um zu sehen, wie seine neuen Nachbarn leben. Nun kann er es sich ein bisschen vorstellen. „Wenn sich alle Mühe geben, wird es schon gut gehen“, sagt er.

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