Charlottenburger wollen keine Flüchtlinge in ihrer Villenkolonie

4.2.2015 Berliner Zeitung
Charlottenburger wollen keine Flüchtlinge in ihrer Villenkolonie

In der Villenkolonie Westend heißen die kleinen Straßen Alleen und sind nach Bäumen benannt. Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
In Neu-Westend wollen Anwohner die Ansiedelung von Flüchtlingen verhindern. Sie fürchten soziale Spannungen – und den Wertverlust ihrer Häuser in dieser gutbürgerlichen Gegend in Berlin-Charlottenburg.

Neu-Westend ist eine schicke Adresse. Die kleinen Straßen heißen Alleen und sind nach Bäumen benannt: Eschenallee, Kirschenallee, Ulmenallee, Platanenallee. 1866 entstand die Villenkolonie Westend zwischen Spandauer Damm und Reichsstraße. In diesem Teil Charlottenburgs ließ sich das großbürgerliche Berlin nieder, hier lebt es hinter gepflegten Vorgärten und Fassaden immer noch.

Nicht ins Bild passt da der viergeschossige beigefarbene Gebäuderiegel, der in den 70er-Jahren mitten in die Villengegend gesetzt wurde. Das Haus an der Eschenallee steht inzwischen leer. Bis vor einiger Zeit beherbergte es die Klinik für Psychiatrie der Charité. Jetzt soll die landeseigene Immobilie als Unterkunft für Flüchtlinge hergerichtet werden. Die ersten Bewohner können voraussichtlich Ostern einziehen. Zunächst sollen 300 Menschen aufgenommen werden, später 500.

„Schädigung von Vermögenswerten“
Doch dagegen regt sich im Viertel Protest. Zwei Anwohner bereiten eine Klage vor. „Abgesehen von sozialen Spannungen wird es zu einer erheblichen Abwertung unserer Wohngegend und somit zu einer Schädigung von Vermögenswerten kommen“, heißt es in einem Schreiben an die Nachbarschaft vom 30. Januar, das der Berliner Zeitung vorliegt.

Die beiden Anwohner bitten darin, sich an einer Klage und den entstehenden Kosten zu beteiligen. Eine Klage müsse dringlichst eingeleitet werden, „bevor eine eventuelle Informationsveranstaltung unsere aktuell gute Ausgangssituation verschlechtert“. Die Anwohner rechnen sich gute Chancen aus, sie berufen sich auf einen ähnlich gelagerten Fall in Hamburg. „Dort ist die Belastung der Wohngegend durch eine unangemessene Anzahl von Asylbewerbern als Hauptgrund für die Zulassung der Klage gesehen worden“, heißt es.
Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD), kennt den Brief. „Da braut sich was zusammen“, sagt er. Er will die Nachbarschaft schnellstmöglich zu einer Informationsveranstaltung einladen.
Aber noch habe das für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) keinen Heimbetreiber ausgewählt. „Ohne Verantwortlichen vor Ort geht solch eine Veranstaltung nicht. Wir hängen ziemlich in der Luft.“

„Geeigneter als Turnhallen“
Naumann sagt, dass die Eschenallee für die Unterbringung von Flüchtlingen geeignet sei. „Geeigneter als Turnhallen.“ Zudem gebe es nicht nur Gegner. So haben sich zwei Willkommensinitiativen in Westend und am Klausenerplatz gebildet, um den neuen Nachbarn beizustehen. „Charlottenburg-Wilmersdorf steht für eine Willkommenskultur. Das gilt gleichermaßen für Investoren wie für Flüchtlinge“, sagt der Bezirksbürgermeister.
Diese Überzeugung teilt auch die ältere Dame, die an der Kirschenallee in unmittelbarer Nähe der geplanten Notaufnahme wohnt. „Die Berliner wollen immer klagen. Ich finde das schlimm“, sagt sie. Die Flüchtlinge bräuchten ein Dach über dem Kopf. „Wir sollten versuchen, menschlich miteinander umzugehen“, sagt sie.
Dagegen lehnt ein junger Mann mit Kinderwagen den Zuzug von Flüchtlingen ab. Das sei nicht gut, sagt er. Einen Grund kann er nicht nennen. „Ist so ein Bauchgefühl.“ Eine Erklärung hat dafür der alte Mann, der an Krücken gehend seinen Hund ausführt. „Flüchtlinge passen nicht hierher“, sagt er. „Wir sind eine betuliche, auf Ruhe ausgerichtete Nachbarschaft“, sagt er. Stattdessen schlägt er vor, die Flüchtlinge in Buch anzusiedeln. In dem Stadtteil im Nordosten Berlins gebe es viele leerstehende Liegenschaften. Buch kenne er, sagt er. Er sei Patient in der Klinik dort.

Flüchtlingsrat ohne Verständnis
Der Flüchtlingsrat hat für diese Haltung kein Verständnis. „Es ist erschreckend, wenn betuchte Anwohner ihr persönliches Vermögen aus Angst vor Wertverlust über Menschenrechte und Flüchtlingsschutz stellen“, sagt Sprecherin Martina Mauer. Sie setzt auf die Willkommensinitiativen und verweist auf Proteste, die es im Jahr 2013 vor der Eröffnung einer Unterkunft in der Soorstraße in Charlottenburg gegeben habe. „Die verliefen relativ erfolglos, weil sich ein großer Unterstützerkreis formiert hatte.“
Und auch eine Klage muss nicht erfolgreich sein. In Köpenick wies das Verwaltungsgericht im Dezember Anträge von Anwohnern gegen zwei Heime ab. Eine Asylbewerberunterkunft sei in Wohngebieten zulässig und zumutbar, lautet die Begründung. Von den beiden Anwohnern aus Neu-Westend, die vor den Richter ziehen wollen, war auf Anfrage keine Stellungnahme zu erhalten.

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