Charité: Notunterkunft ohne Privatsphäre

7.2.2015 Berliner Abendblatt
Notunterkunft ohne Privatsphäre

Das Gebäude in der Eschenallee 3, in dem bis Ende des vergangenen Jahres die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin untergebracht gewesen ist, soll in den nächsten Wochen als dauerhafte Unterbringung für zirka 500 Flüchtlinge dienen. Eigentlich hätte die frühere Klinik bereits ab 1. Februar vorerst als Notunterkunft für 300 Flüchtlinge ihre Tore öffnen sollen. Nun sei eine zeitliche Verzögerung eingetreten, wie Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) im Integrationsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) berichtete. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) habe als Mieter des Gebäudes Eschenallee 3 vom Berliner Liegenschaftsfonds seine Ausschreibung geändert. Ursprünglich sollten Betreiber auch die baulichen Umbauarbeiten stemmen. „Das können aber die wenigsten“, sagt Naumann. Nun sei eine zweite Ausschreibung erfolgt, und die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) übernähme die baulichen Umbauleistungen. Sobald die Suche nach einem Betreiber abgeschlossen ist, müsse „der Betreiber mit der BIM zur fachlichen Erörterung der Umbaumaßnahmen in Dialog treten“, so Naumann. Ein weiterer, aber durch die Neu-Ausschreibung verschobener Informationsabend für Anwohner und Bürger soll rechtzeitig vor der Belegung angesetzt werden. Der genaue Eröffnungstermin für die Eschenallee als dauerhafte Unterbringung steht noch nicht fest. Das Verfahren zur Betreiber-Vergabe soll demnächst abgeschlossen sein.

Sechs Standorte
Weit mehr als 1.000 Flüchtlinge sind in insgesamt sechs Unterkünften im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf untergebracht. Zwei dieser Einrichtungen sind die Sporthallen der Technischen Universität in der Waldschulallee 71 und der Gretel-Bergmann-Halle in Rudolfstädter Straße 77. Sie sind jedoch nur als Notunterkünfte bis Ende März gedacht. Im Dezember des Vorjahres wurde die Turnhalle der Waldschulallee für 200 Flüchtlinge in nur vier Stunden Vorlaufzeit eingerichtet. „Die Situation ist dramatisch und wurde qualitativ als auch quantitativ anders eingeschätzt. Das kann nur temporär sein. Der Senat muss alle Anstrengungen unternehmen, um die Situation zu verbessern“, weiß der Bezirksbürgermeister, der unter anderem eine Belegung von leerstehendem Bundesimmobilienbestand erreichen will. „Kleine Standorte für familiengerechte Strukturen zur Selbstversorgung“, wünscht sich auch Roland Prejawa, Flüchtlingspolitischer Sprecher des Bündnis 90/Die Grünen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Unterstützung der Bevölkerung ist enorm. „Es kamen so viele Spenden, dass wir nach einer Woche keine mehr annehmen konnten“, sagt Uwe Radzkowski, Leiter der Notunterkunft Waldschulallee vom Arbeiter-Samariter-Bund, der sich auch als Betreiber der Eschenallee beworben hat.

Pure Improvisation
Unterstützt werden er und sein Team durch Ehrenamtliche sowie die Vereine „Willkommen im Westend“ und „Multitude“. Aber: „Es fast unmöglich, die Situation zu verbessern, wir müssen jeden Tag improvisieren“, beschreibt Amei von Hülsen von „Willkommen im Westend“ die Zustände in der Turnhalle, wo keine Privatsphäre herrscht.

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