Neues Leben im Dreck

12.02.2015 Abendblatt

Groß war der Aufschrei unter Bezirkspolitikern über die Zustände in einer Flüchtlingsunterkunft in der Karl-Marx-Straße. Ebenso deutlich ist das Unverständnis über das Vorgehen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSo), dem die Betreuung und Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern unterliegt. Die Behörde kündigte jetzt eine Ortsbegehung an, um die Zustände zu überprüfen. Der Betreiber verweist auf anstehende Renovierungsarbeiten.

Sozialstadtrat Bernd Sczepanski (Grüne) hatte die Bezirksverordneten in der vergangene Woche über die Lage in den Flüchtlingswohnungen berichtet, die sich im Vorder- und Seitenflügel eines Hostels nahe dem Rathaus Neukölln befinden. Demnach gibt es keine geschlechtergetrennten Sanitärräume sowie zu wenig Toiletten und intakte Bettgestelle. Brandschutzvorkehrungen wie Löscher, Brandschutzhinweise und eine Fluchtweg-Beschilderung fehlten völlig. Zudem ließ sich ein defekter Herd nicht abschalten. Und dazu allerorten Müll und Dreck. Zeitweise lebten dort 51 Menschen, darunter viele Kinder. Grünen-Fraktionsvize Jochen Biedermann sprach von „skandalösen Zuständen“. Der Hostelbetreiber verdiene mit der Unterbringung der Flüchtlinge in den drei Vierzimmerwohnungen rund 30.000 Euro pro Monat. „Das ist eine skrupellose Geschäftemacherei auf Kosten der betroffenen Menschen und der öffentlichen Hand, die das bezahlt“, so Biedermann. Szczepanski hatte das LAGeSo am 8. Januar über die Lage informiert. Warum die Landesbehörde rund vier Wochen bis zu einer eigenen Begehung verstreichen lässt, blieb offen. Bis zur endgültigen Klärung der Situation wurde ein Belegungsstopp verhängt. Zurzeit seien dort 51 Menschen untergebracht. Hostel-Betreiber Stefan Richter geht hingegen von 17 Personen aus.

Viele fragen sich: Wie ist es möglich, Menschen unter solchen Bedingungen unterzubringen? Das LAGeSo äußerte sich bislang nicht zu der Frage, ob die Räume den Vorschriften entsprechen. Szczepanski bezeichnete sie als „nie genehmigungsfähig“. Richter erklärt, dass er mit dem LAGeSo niemals einen Vertrag abgeschlossen habe. „Wir wurden im Herbst 2013 gefragt, ob wir Menschen aufnehmen können und haben mitgemacht“, sagt er. Zuletzt seien vor allem Menschen aus Zentralasien, Bosnien -Herzegowina, Ägypten und weiteren Staaten Afrikas gekommen. „Für uns ist das ein Geschäftsmodell“, so Richter. Pro Person und Nacht zahle das LaGeSo 25 Euro. „Hier sieht es nicht aus wie bei einer schwäbischen Hausfrau, schließlich handelt es sich um eine Flüchtlingsunterkunft“, sagt er über den Zustand der Räume. Dafür seien auch die Bewohner verantwortlich. „Manche bringen Sperrmüll von draußen oder Einkausfwagen vom Flaschensammeln mit, andere entsorgen ihren Müll nicht“, berichtet er. Zudem sollen Kinder die Schalterknöpfe jenes schadhaften Herdes abgebaut haben. Nun bekämen die Wohnräume nach und nach eine Schönheitskür und die Bewohner neue und genügend Herde, so Richter.