Berliner Zeitung: Wohnungen für Flüchtlinge!

14.04.2015 Berlner Zeitung

Berlin muss mit immer mehr Flüchtlingen zurechtkommen. Die Unterbringung der Menschen erfolgt meist in Massenunterkünften, die kein würdevolles Wohnen ermöglichen. Doch wenn sich das Wohnen für die Flüchtlinge verbessert, wäre das für alle von Vorteil.
Zeltlager auf dem Oranienplatz, Containerdorf, Traglufthalle. Das sind die ersten Stichworte, die einem einfallen, wenn man über Flüchtlinge in Berlin spricht. Setzt man die Liste fort, kommen hinzu: Ämter, die vor dem Flüchtlingsansturm kapitulieren und zeitweilig einfach schließen, Hungerstreiks und fremdenfeindliche Montagsdemos.

Es ist kein Zufall, dass einem genau diese Schlagworte in den Sinn kommen. Die steigenden Flüchtlingszahlen haben Berlin in den letzten Jahren auf eine harte Probe gestellt. Die Behörden wirken ebenso überfordert wie die Bürger. Ein wirkliches Konzept, das über die bloße Unterbringung der Flüchtlinge hinausgeht, war bislang nicht erkennbar. Stattdessen haben sich in der Stadt täglich neue Dramen abgespielt. Ganz zu schweigen von den unzumutbaren Bedingungen für viele Kriegsflüchtlinge.
Freunde machen sich Politiker natürlich nicht, wenn sie in der Stadt plötzlich viel mehr Menschen in Notunterkünften unterbringen müssen als je zuvor. Berlins Sozialsenator Mario Czaja hat sich daher ganz nüchtern von den Zahlen leiten lassen, mit denen er konfrontiert war. Allein in diesem Jahr werden wieder 20.000 neue Asylbewerber erwartet. Ganz ähnlich war es bereits im vergangenen Jahr. Für 2016 und 2017 rechnen die Behörden sogar mit noch etwas mehr Menschen.

Keine langfristige Planung
Die Antwort der Stadt auf die steigenden Zahlen war bislang eine Unterbringung in Massenunterkünften. 64 Heime hat Berlin. In ihnen leben zurzeit 15.000 Asylbewerber. Doch mit den steigenden Zahlen wuchs nicht etwa die Routine. Es wurde kaum langfristig geplant und nach praktikablen Lösungen gesucht. Im Gegenteil, die politischen Antworten gerieten selbst zum Provisorium. Sechs Containerdörfer sollen neben bestehenden Wohnsiedlungen hochgezogen werden.
Das erste Containerdorf entstand 2014, das zweite öffnet in diesem Monat. Im ersten Fall, in Köpenick, sind von der Vermessung des Grundstücks bis zum Einzug der ersten Bewohner gerade mal sechs Wochen vergangen. Als die Mieter der Wohnsiedlung, auf deren Terrain das Containerdorf entstand, informiert wurden, hatten die Bauarbeiten bereits begonnen. Es ist kaum verwunderlich, dass sich die Nachbarn in einem solchen Fall überfahren fühlen.

Ein Schritt nach vorne
Nun hat der Senator eine neue Idee verkündet. Und es könnte sein, dass sie tatsächlich zu einem anderen Umgang mit der Situation führt. In den kommenden Jahren sollen an 36 Standorten vor allem kleine Fertighäuser errichtet werden. Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um kleinteilige, individuelle Wohnformen ohne Gemeinschaftsküchen und Sammelduschen, sondern um Häuschen, die sich auch optisch in bestehende Wohnviertel einfügen, darf man von einem Paradigmenwechsel sprechen. Es wäre ein echter Schritt nach vorne.
Nicht nur für die Flüchtlinge würden sich auf diese Weise die Wohnverhältnisse verbessern. Es wäre auch ein Gewinn für die jeweilige Umgebung, in der die bisherigen Container und Behelfsbauten als Fremdkörper und Belastung empfunden werden.
Hinzu kommt, dass Überfremdungsängste von Pegida und anderen Demonstrationen gerade massiv geschürt werden. Flüchtlingsheime sind eine Zielscheibe aggressiver politischer Unmutsäußerungen. Ein Bürgermeister hat seinen Job aufgegeben, weil er wegen seiner Fürsorge für Flüchtlinge bedroht wurde. Er glaubte, Schutz zu brauchen und gerade diesen nicht ausreichend zu bekommen. Natürlich hat er recht und sollte unterstützt werden. Darüber hinaus muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass sich ein Teil der Bevölkerung von Flüchtlingen bedroht fühlt. So irrational die Ängste auch sein mögen, sind es gerade solch unwirtliche Massenunterkünfte, die derlei Affekte steigern.
Wohnungen statt Sammelunterkünfte
Es mag seltsam klingen, aber vielleicht kann ja das kleine biedere Fertighaus mehr ausrichten als alle Appelle an das Mitgefühl der Bevölkerung. In einer Siedlung wie alle anderen, so der Gedanke, müssten ja wohl auch Leute wohnen, die sind wie alle anderen. Die Idee, mit etwas Normalität das Gefühl von Bedrohung zu zerstreuen, kann durchaus ein wichtiger Beitrag zu einer menschenwürdigen Aufnahmepraxis von Flüchtlingen sein. Vielleicht lässt sich mit einer integrierten Bebauung auch etwas gegen die negative Stimmung ausrichten und ein Stück Alltagskultur herstellen. Der nächste Schritt erscheint dann nur logisch: Langfristig sollte man ganz von Sammelunterkünften Abstand nehmen und Flüchtlinge in Wohnungen unterbringen. Das fordern Initiativen zu Recht seit Jahren.

http://www.berliner-zeitung.de/meinung/kommentar-zu-fluechtlingsunterkuenften-in-berlin-auch-fluechtlinge-sollen-wuerdevoll-wohnen,10808020,30419224.html