Köpenicker verklagt Asylunterkunft wegen Naturschutz

19.04.2015 Berliner Zeitung

Zwischen den zwei bunten Gebäuden blühen Osterglocken. Dahinter, unter hohen Kiefern, sitzen Familien auf Holzbänken. Längst ist der Alltag in Berlins erstem Containerdorf für Flüchtlinge eingezogen. Anfängliche Proteste gegen die Unterkunft an der Alfred-Randt-Straße, die seit Ende vorigen Jahres von etwa 380 Menschen bewohnt wird, sind Hilfsbereitschaft aus der Nachbarschaft gewichen. Doch die Köpenicker Idylle hat einen Makel: Ein Anwohner hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Er sagt, beim Bau der Unterkunft sei gegen das Naturschutzgesetz verstoßen worden. Die Anzeige liegt bei der Staatsanwaltschaft. Kommt sie vor Gericht, könnten Haftstrafen bis zu fünf Jahren oder Geldbußen bis zu 10 000 Euro verhängt werden.

Die Anzeige hat der 47-jährige Karsten Matschei erstattet. Er sagt: „Bevor auf der Baustelle Bäume gefällt wurden, wurde nicht ausreichend kontrolliert, ob in Baumhöhlen geschützte Tiere wie Fledermäuse lebten.“ Amtlich verfügte Ausgleichsmaßnahmen wie das Anbringen neuer Nisthöhlen und -kästen seien nie realisiert worden, erklärt er. Und: „Niemand habe sich daran gestört.“

Er arbeitet auch mit Flüchtlingskindern
Karsten Matschei ist gelernter Musiker und Zootierpfleger. Als Mitglied des Naturschutzbundes (Nabu) ist er seit Jahren ehrenamtlich in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern tätig. Er beringt Seeadler, päppelt verletzte Wildvögel auf und erklärt Schulkindern, wie Waldtiere leben. Beruflich arbeitet der Mann mit dem Kopftuch, der wegen seiner grünen Kleidung manchmal für den Förster gehalten wird, in einem Verein mit schwer erziehbaren Jugendlichen.
Der Kleine Abendsegler, unter Biologen auch als Nyctalus leisleri bekannt, auf der Jagd.
In seiner Natur-Arbeitsgemeinschaft machen auch Flüchtlingskinder aus dem Containerdorf mit. Matschei ist durchaus kein Gegner der Unterkunft. „Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht“, sagt er, „weiß, dass Flüchtlingsunterkünfte gebraucht werden.“
Doch das Allende-Viertel 2 gilt als eines der größten Winterquartiere für Fledermäuse in Europa. Tausende der streng geschützten Tiere leben dort, vor allem Abendsegler und Wasserfledermäuse. Ihre Lebensräume dürfen laut Gesetz nicht beschädigt oder zerstört werden. Ist dies wegen Baumaßnahmen unumgänglich, muss ein Experte Bäume vor der Fällung genau untersuchen. Gibt es dort Tiere, werden Auflagen für Ersatzquartieren erteilt.
Anfangs lief alles so in Köpenick. Die Naturschutzbehörde des Bezirks erteilte auf Ersuchen des Bauherren, des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso), am 13. November 2014 eine Fällgenehmigung für 52 Bäume. An acht von ihnen wurden zuvor mögliche Wohnhöhlen festgestellt. Das Amt ordnete an, dass an den verbleibenden Bäumen 24 neue Nistkästen anzubringen sind. Bis zum 28. Februar 2015 sollten sie hängen.

Kontrolle per Fernglas
Am Tag nach Erteilung der Fällgenehmigung fielen auf der Baustelle Bäume. Am 18. November schrieb der Berliner Biologe Rainer Allenbacher ein Gutachten. An diesem Tag, heißt es darin, habe er zunächst mit dem Fernglas an acht Bäumen nach Tierspuren Ausschau gehalten. Als keine erkennbar gewesen seien, sei gefällt worden. „Ich habe danach mit einem Endoskop in die Höhlen geschaut und nichts gefunden“, sagt Allenbacher. Im Schreiben des Bezirks steht zwar, dass die Prüfung per Endoskop, einem Spezial-Glasfaserkabel mit Beleuchtung, schon vor der Fällung hätte erfolgen müssen. Allenbacher sagt aber, es sei keinerlei Gerät vorhanden gewesen, um ihn zu den Baumhöhlen hoch zu heben. Am 20. November wurden die ersten Container aufgestellt.
An den Kiefern im Containerdorf hängen inzwischen 15 neue Nistkästen. Karsten Matschei hat sie mit den Kindern seiner AG gebaut und aufgehängt. Alle sind besetzt, vor allem Meisen brüten dort. Die amtlich verordneten 24 Kästen für Fledermäuse fehlen noch immer. Das Lageso, aufgeschreckt durch die Anzeige sowie Anfragen der Berliner Zeitung, bedauert dies. Eine beauftragte Firma habe nicht ordnungsgemäß gearbeitet, sagt eine Sprecherin. Inzwischen seien die Nist- und Brutkästen bestellt.

Sachbearbeiter entlassen
Ob die Auflagen erfüllt werden, wurde dabei nie kontrolliert. Zuständig dafür war die Naturschutzbehörde des Bezirks. Einer der Sachbearbeiter wurde nach Information der Berliner Zeitung inzwischen fristlos entlassen. Ob das als Schuldeingeständnis zu werten ist, bleibt vorerst unklar. Der zuständige Stadtrat Rainer Hölmer (SPD) will sich zu Personalfrage nicht äußern. Er sagt: „Wir müssen jetzt abwarten, was die Justiz entscheidet.“

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