Warum helfen oft so schwierig ist

01.05.2015 Tagesspiegel
Warum helfen oft so schwierig ist

Mehr als 20.000 Flüchtlinge werden dieses Jahr nach Berlin kommen. Die Stadt ist überfordert. Wo der Staat versagt, wollen jetzt die Nachbarn helfen. Doch im Alltag, wie etwa in Berlin-Zehlendorf, zeigt sich: Das kann ganz schön frustrierend sein.

Acht Kinder hüpfen kreischend um den Tisch, an dem schweigend vier ältere Damen sitzen und ihre Kaffeetassen umklammern. Die erste schließt irgendwann die Augen. Die zweite murmelt: „Kinderbetreuung wollte ich eigentlich nicht machen.“ Die anderen beiden schweigen. „Schokolade!“ ruft da ein kleiner Junge, zwängt sich zwischen zwei Damen und greift in die Schale mit Keksen, die auf dem Tisch steht. Die anderen Kinder tun es ihm sofort nach. Als sie ihre Hände zurückziehen, ist die Schale leer.
Es ist ein trüber Mittwochnachmittag im Februar, die vier Damen haben in der Asylbewerberunterkunft in der Zehlendorfer Goerzallee zur „Teestube“ geladen. Flüchtlinge, die hier leben, wollen sie willkommen heißen. Eine von ihnen sagt: „Ich will zeigen, dass die Pegida in Deutschland nicht die Mehrheit ist.“ Eine andere erklärt: „Ich will den Menschen hier vermitteln, dass es für mich eine Bereicherung ist, dass sie zu uns kommen.“
Mehr als 20 000 Menschen werden in diesem Jahr voraussichtlich in Berlin Asyl beantragen, im vergangenen Jahr waren es mehr als 10 000. Auch in nächster Zeit werden neue Asylbewerberheime öffnen. Doch niemand, so scheint es, will ein Heim in seiner Nachbarschaft. Fast immer protestieren Anwohner, wenn eines eröffnen soll. Deutschland redet viel über einer Willkommenskultur. Doch wie kann das funktionieren, Flüchtlinge willkommen heißen?
Eine der Damen ist Sabine Schröder-Schaupp, eine rundliche und resolute Rentnerin. Sie sagt, für sie sei es nur logisch, hier zu sitzen, immer schon habe sie sich gegen Fremdenfeindlichkeit positioniert. Nach den ausländerfeindlichen Pogromen in Rostock-Lichtenhagen wachte sie vor Asylbewerberheimen. Als Flüchtlinge vor eineinhalb Jahren in ein Heim in Hellersdorf zogen, vor dem zuvor die NPD aufmarschiert war, hielt sie ein Schild mit der Aufschrift „Refugees Welcome“ in die Luft.

„Mann braucht einen langen Atem“
„Mein ganzes Leben lang ist es mir gut gegangen“, sagt sie. „Ich will den Menschen, denen es nicht so gut geht, etwas von meinem Glück abgeben.“ Wie macht sie das? Ein wenig ratlos schaut sie die Kinder an, die immer noch um sie herumhopsen. „Man braucht einen langen Atem“, sagt sie schließlich.
Einige Monate lang haben sie und andere Freiwillige des Asylbewerberheims in der Goerzallee verhandelt, bis die Heimleitung endlich einen großen Gemeinschaftsraum für ihre „Teestube“ zur Verfügung gestellt hat. Viele Mitstreiter sind in der Wartezeit abgesprungen. Die vier Damen aber haben sich nicht abbringen lassen. Als endlich das erste Treffen stattfand, kamen keine Flüchtlinge, nur neun Freiwillige. Jetzt, zum dritten Treffen, sind nur die Kinder der Asylbewerber gekommen.
„Mit den Leuten hier kann nicht jeder“, sagt eine der anderen Damen im Gemeinschaftsraum, sie senkt ihre Stimme, „viele hier sind ja auch gar keine richtigen Flüchtlinge“.
Richtige Flüchtlinge sind für sie Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind. Die meisten derzeitigen Bewohner des Asylbewerberheims aber stammen aus den Balkanstaaten. Es sind arme Familien mit vielen Kindern, die vor dem harten Winter in Bosnien oder Albanien geflohen sind. Ihre Chancen auf ein Bleiberecht in Deutschland sind gering. Bis zum Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird, werden sie normalerweise in Deutschland geduldet.
Widerstand gegen Asylunterkünfte gibt es auch hier im wohlhabenden Süden Berlins. Bezirksverordnete berichten, dass sie vor einem Jahr Briefe bekamen, in denen Anwohner gegen das Heim in der Goerzallee protestierten. Es soll auch Unterschriftenlisten gegen zwei weitere Heime gegeben haben, öffentlich gemacht wurden die allerdings nie. Es wird gemunkelt, dass mancher Anwohner seine Beziehungen zu CDU-Politikern spielen ließ, um das Containerdorf am Lichterfelder Osteweg zu verhindern. Sicher ist jedenfalls: Die Brache dort gilt plötzlich doch nicht mehr als geeigneter Standort für ein Asylbewerberheim. Liege einfach viel zu dicht am Heim in der Goerzallee, erklärt Bürgermeister Norbert Kopp. In anderen Bezirken ist das kein Argument. In Köpenick zum Beispiel hat im Dezember ein Containerdorf eröffnet, keine 500 Meter Luftlinie von einer anderen Gemeinschaftsunterkunft entfernt.

Auch Helfer haben Vorurteile
In den vergangenen Jahren wurde in Steglitz-Zehlendorf fast jeder Versuch des Senats, im Bezirk eine Unterkunft einzurichten, politisch verhindert. Demonstrationen der Anwohner waren gar nicht nötig. Bis zum vergangenen Sommer war Steglitz-Zehlendorf der Berliner Bezirk mit den wenigsten Asylbewerbern überhaupt. Trotzdem ist er in Berlin ein Sonderfall: Unterstützer der Flüchtlinge sind hier lauter als die Gegner der Heime. Sabine Schröder-Schaupp und ihre drei grauhaarigen Mitstreiterinnen sind nur vier von mehr als 200 im Bezirk. Die meisten der Freiwilligen sind wie Schröder-Schaupp im Ruhestand.
„Wir wurden und werden von Unterstützern überrannt, im positiven Sinne“, sagt Günther Schulze, Sprecher und Mitinitiator des Willkommensbündnisses Steglitz-Zehlendorf, das sich im Mai 2014 gegründet hat. Als im Sommer in einem lokalen Anzeigenblatt seine Handynummer veröffentlicht wurde, habe sein Telefon zwei Tage lang geklingelt. Wie so viele andere Freiwillige in der Gegend hat auch Schulze sich immer schon politisch engagiert. Für den Atomausstieg, für Bürgerrechte, für die Friedensbewegung. Und seit ein paar Jahren auch für Flüchtlinge.
„In unserem Bezirk würde nie jemand auf einer Demo ,Nein zum Heim‘ brüllen oder sich neben NPD-Politiker stellen“, sagt ein anderes Mitglied des Willkommensbündnisses, das seinen Namen nicht nennen möchte. Ressentiments gebe es jedoch auch hier. Auch Ehrenamtliche hätten Vorurteile gegenüber Asylbewerbern. Er bemühe sich deshalb immer, mit möglichst vielen Freiwilligen im Dialog zu bleiben und daran zu erinnern, dass jeder Mensch wichtig sei.
In jeder der mittlerweile vier Flüchtlingsunterkünfte in Steglitz-Zehlendorf engagieren sich ehrenamtliche Helfer. Die Heimleiter freuen sich, schließlich sind sie auf deren Hilfe angewiesen, denn ihre Sozialarbeiter und Berater sind oft überfordert. Doch manchmal klagen sie auch bei Günther Schulze. Darüber, dass Freiwillige die Arbeit der angestellten Sozialarbeiter kritisieren, die Flüchtlinge ausfragen, deren Zimmer inspizieren, unangemeldet den Aufenthaltsraum beschlagnahmen.

Für langfristige Betreuung haben auch die Rentner keine Zeit
Und trotz allem fehlen auch in Steglitz-Zehlendorf Helfer – vor allem, weil demnächst noch weitere Unterkünfte eröffnen. Es werden Paten gebraucht für die langfristige Betreuung von Flüchtlingen. Dafür haben auch viele Rentner keine Zeit.
Alle zwei Wochen lädt das Willkommensbündnis die Bewohner des Heims in der Goerzallee zu Kaffee und Kuchen in das Mehrgenerationenhaus Phönix. An einem Samstag sitzt dort eine vierköpfige syrische Familie. „How are you?“, fragt eine blondierte ältere Dame strahlend. Der Familienvater lächelt unsicher, rutscht auf dem Stuhl nach vorn, holt dann zwei Zettel aus der Tasche seiner Lederjacke. „Wohnberechtigungsschein“ steht auf dem einen, „Kostenübernahme“ auf dem anderen. „Wir brauchen Wohnung“, sagt er. „Aha“, sagt die Blonde, nimmt die Papiere, „warte“, dann läuft sie zu einer anderen Ehrenamtlichen, die schon länger dabei ist.

Köpenick hilft“ statt „Nein zum Heim“
Auch im Bezirk Treptow-Köpenick, ganz im Osten der Stadt, dort, wo sich die Gegner der Asylbewerberheime besonders laut wehren und die Unterstützer der Flüchtlinge kaum zu hören sind, haben sich Anwohner zu einer Willkommensinitiative zusammengeschlossen. Seit Dezember steht im Osten des Bezirks das allererste Containerdorf in Berlin. Noch immer stellen sich Menschen mit „Nein zum Heim“-Schildern vor die bunten Kästen, die sich dort zwischen den hohen Plattenbauten des Viertels drängen. Doch es sind viel weniger als am Anfang. Die Anwohner, die sich öffentlich für die Flüchtlinge einsetzen, haben die Stimmung im Kiez gewendet.
Thomas Fuchs, ein großer, blonder, rotbackiger Mann Mitte 40, ist einer von ihnen. Er hatte eigentlich nie vor, sich für Asylbewerber zu engagieren, überhaupt hat er zuvor nie ehrenamtlich gearbeitet. Er sagt: „Ich habe kein Helfersyndrom.“ Doch angesichts der Stimmung, die im Herbst im Viertel herrschte, habe er sich zum Engagement gezwungen gesehen. „Dass es mir Spaß machen würde, mit Asylbewerbern zu tun zu haben, habe ich erst später gemerkt.“
An einem Mittag im Herbst unterhielt sich das Ehepaar Fuchs mit drei anderen Eltern über das Heim und die Proteste. Sie warteten gerade vor der Grundschule auf ihre Kinder. Die Schule liegt genau gegenüber der Brache, wo im Dezember die Container aufgestellt wurden. Wenige Tage zuvor hatten sie erfahren, dass dies geschehen würde. NPD-Politiker hatten da schon Flugblätter verteilt und waren neben einer Handvoll Anwohner im Kiez aufmarschiert, linke Gegendemonstranten hatten geantwortet. Der Bezirksbürgermeister aber sollte die Anwohner erst zwei Monate später zur ersten Informationsveranstaltung einladen.
Die fünf Eltern waren sich schnell einig: Sie wollten Ruhe im Kiez, die Nazis und die linken Gegendemonstranten loswerden. Sie wussten, dass sie dies nur erreichen würden, wenn sie die Asylbewerber integrierten. Und natürlich waren sie verdammt neugierig. Wer zieht da zu uns? So gründeten sie die Initiative „Allende 2 hilft“. Noch am Abend meldeten sie unter „Köpenick hilft“ eine Facebook-Seite an, als Antwort auf die „Nein zum Heim“-Seite der Nazis.
Etwa 6000 Menschen leben in den Plattenbauten im Allende-Viertel, direkt am Wald, nicht weit vom Müggelsee, viele Familien mit kleinen Kindern. Familie Fuchs ist vor zehn Jahren aus der Innenstadt hergezogen, die beiden Söhne sollten im Grünen aufwachsen. Thomas Fuchs ist Maschinenbauingenieur im Außendienst, seine Frau Stefanie arbeitet vormittags in einem Reisebüro.

Kaum war ihre Seite online, hagelte es Kritik
Kaum war ihre Facebook-Seite online, wurde sie von Gegnern des Heims mit Kritik bombardiert. Stefanie Fuchs – Ende 30, praktischer Kurzhaarschnitt, kräftige Stimme – erzählt davon im Gemeinschaftsraum im ersten Stock des Köpenicker Containerdorfs. Gleich wird sie dort mit anderen Ehrenamtlichen die Kinder der Asylbewerber betreuen, wie jeden Donnerstag. „Wir wurden permanent angemacht, wieso wir uns nicht für deutsche Bedürftige einsetzen, sondern für die Ausländer.“ Anfangs reagierte sie auf jede Frage, auf jeden Kommentar. Immer wieder erklärte sie, dass es ihnen um die gesamte Nachbarschaft gehe, sowohl um die Asylbewerber als auch um die Deutschen. Vier Tage war sie fast nonstop auf Facebook. Dann schaltete sie, erschöpft, die Kommentarfunktion aus.

Über private Nachrichten meldeten sich aber auch Unterstützer. Nach wenigen Wochen hatten sich 50 Nachbarn gefunden. Zum ersten „Helfer-Stammtisch“ im Dezember kamen dann noch mehr Leute. Einige wollten Deutsch unterrichten, andere Spenden sammeln, die dritten Orientierungshilfe im Alltag geben.
Spätestens seit jenem Helfer-Stammtisch waren das Ehepaar Fuchs und die anderen drei Eltern im Kiez die Ansprechpartner für alle Fragen zum Containerdorf. Die Anwohner wollten von ihnen wissen, wann und welche Flüchtlinge kommen; der Betreiber bat sie, die Spenden zu sortieren, die jetzt immer zahlreicher eintrafen. Damals beschlossen sie, die Spendenkammer auch für bedürftige Deutsche zu öffnen. Sie wollten die Kritik der Gegner aufnehmen.

„Wir wissen, wo ihr wohnt“
Familie Fuchs wurde währenddessen selbst angefeindet. Regelmäßig bekommen die Eltern Facebook-Nachrichten, in denen es heißt: „Wir wissen, wo ihr wohnt.“ Dem großen Sohn hat ein Mitschüler, der Sohn einer Heimgegnerin, vor ein paar Monaten während des Unterrichts mit einer Spielzeugpistole einen Gummipfeil ins Gesicht geschossen.

„Hätten wir im Oktober gewusst, was alles auf uns zukommen würde, hätten wir wahrscheinlich nicht angefangen uns zu engagieren“, sagt Stefanie Fuchs. Doch sie sagt auch, dass die Asylbewerber unter den Attacken der Gegner noch viel mehr litten als ihre Familie. Einige Flüchtlingsfamilien seien schon ausgezogen, aus Angst. Und vor Kurzem habe ein vierjähriger Junge zu ihr gesagt, „gleich wird es dunkel, dann kommen die Nazis, die wollen mich totmachen“.
Sie erzählt, wie dankbar die Flüchtlinge für die Unterstützung seien, dass sie ständig zum Essen eingeladen werde – „dabei haben diese Menschen doch gar nichts“. Ihr Mann sagt: „Die positiven Erfahrungen haben von Anfang an überwogen, wir haben so viele tolle Menschen kennengelernt.“ Kürzlich habe er erlebt, wie ein Nachbar aus dem Fenster zu den protestierenden Heim-Gegnern gerufen habe: „Haut ab, wir wollen euch hier nicht“. Da habe er gedacht: geschafft!

http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/fluechtlinge-in-berlin-warum-helfen-oft-so-schwierig-ist/11702552.html