Geschäft mit Notunterkünften für Flüchtlinge boomt

15.05.2015 Morgenpost: Geschäft mit Notunterkünften für Flüchtlinge boomt

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Für ihre Unterkünfte werden spezielle Container verwendet. Die Nachfrage ist schon so groß, dass es zu Lieferengpässen kommt.

„Wir schaffen Raum für Architektur auf Zeit.“ Das ist eine der Werbebotschaften des Unternehmens Algeco. Der Modulbauer mit Sitz in Kehl am Rhein errichtet Büros und Unterkünfte für Industrieanlagen und Baustellen, Messe-Pavillons, Sparkassen-Filialen, Schulen und Kindergärten. Zentraler Baustein bei all den Projekten ist der Container. Und der ist zurzeit besonders gefragt – für die provisorische Unterbringung von Flüchtlingen.

Deren Zahl ist zuletzt stark gestiegen. Das Bundesamt für Migration erwartet in diesem Jahr 300.000 Asylbewerber in Deutschland. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund rechnet sogar mit mindestens 450.000. Das bringt die Kommunen, auf die die Flüchtlinge verteilt werden, in arge Bedrängnis. In ihrer Not entscheiden sie sich zunehmend auch für die Errichtung von Containersiedlungen.
Für die Hersteller ist das ein einträgliches Geschäft. In Berlin etwa entstehen bis August vier Containerdörfer, zwei andere sind schon fertig. Die sechs Behelfsunterkünfte kosten zusammen 42,7 Millionen Euro und bieten Platz für 2186 Flüchtlinge. Das sind knapp 20.000 Euro pro Platz. Und weil das absehbar bei weitem nicht reichen wird, will der Berliner Senat in den nächsten beiden Jahren 36 große Heime aus Fertighäusern für 7200 Flüchtlinge hinzufügen. Kostenpunkt: mehr als 160 Millionen Euro.

Nur wenige Firmen für solche Container
Es gibt nicht viele Hersteller, die Containerdörfer in der gewünschten Qualität mit Gemeinschaftsbädern und -küchen schnell liefern können. Weil gleichzeitig so viele Städte und Gemeinden Container wollen, kommt es mitunter zu Lieferengpässen. In Bremen verzögerte sich deshalb die Eröffnung einer Mobilbau-Anlage um zehn Wochen. In Köln mussten zwei Projekte verschoben werden.
Für die sechs Containerdörfer in Berlin wurden die Firmen ProContain in Coswig bei Dresden, CHB Bonitz in Berlin und Algeco beauftragt. Seit zwei Jahren sei die Nachfrage nach bewohnbaren Containern stark gestiegen, berichtet Algelco-Sprecherin Catherine Thiebaut. Zunächst sei sie vom Ausbau der Kindertagesstätten in Deutschland angetrieben worden. Nun kämen von den Kommunen immer häufiger Aufträge für Flüchtlingsunterkünfte in Container-Bauweise.

Nicht das behaglichste Raumklima
Der Vorteil: Sie lassen sich in wenigen Wochen errichten und lindern so die ärgste Platznot schnell. Aber auch wenn sie oft in bunten Farben daherkommen, sind sie in gewachsenen Wohnvierteln ein Fremdkörper. In den Stahlblechhüllen herrsche trotz guter Wärmeisolierung auch nicht das behaglichste Raumklima, bemerkt Michael Heide, Geschäftsführer beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe. Die Fußböden seien schlicht: meist Spanplatten, bedeckt mit Linoleum.
Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin hält die Unterbringung von Flüchtlingen in Containern aus mehreren Gründen für hochproblematisch. „Die Containersiedlungen genügen zwar formalen Standards. Sie bieten aber im Koch- und Sanitärbereich keine Privatsphäre“, kritisiert er.

Weiterhin volle Auftragsbücher
Die isolierten Bauten – meist in Randlage – signalisierten zudem: „Ihr gehört nicht zu uns.“ So sei es wohl kein Zufall, dass sich rechtsradikale Proteste dort kulminiert hätten, sagt Classen und verweist auf die vor kurzem eröffnete Containersiedlung in Berlin-Buch. Dort gab es Demonstrationen von Neonazis, Wachleute wurden angegriffen.
Trotz dieser Einwände werden die Hersteller weiterhin volle Auftragsbücher haben. Gerade hat das Land Sachsen-Anhalt beschlossen, seine zentrale Aufnahmestelle in Halberstadt mit Wohncontainern um 500 Plätze zu erweitern.

http://www.morgenpost.de/berlin/article140930013/Geschaeft-mit-Notunterkuenften-fuer-Fluechtlinge-boomt.html