Bewachtes Container-Leben

16.05.15 Abendblatt

Luxus sieht anders aus. Das Gefühl, willkommen zu sein, ebenfalls. In Buch steht eines von sechs neuen Containerdörfern für Menschen, die vor Krieg oder Elend in ihren Heimatländer geflohen sind. Rund 300 Flüchtlinge sind schon an der Karower Chaussee eingezogen. In wenigen Tagen wird auch der dritte und letzte Containerriegel belegt sein. Dann leben hier 480 Flüchtlinge – in der quälenden Ungewissheit, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder abgeschoben werden.

Bewachung nötig
Alle Bewohner sind Alleinversorger. Das heißt, sie müssen regelmäßig in den nächsten Markt einkaufen gehen. Das sorgt für gemischte Gefühle. Einerseits suchen die Flüchtlinge den Kontakt zu den Nachbarn, andererseits ist den meisten bewusst, dass nicht jeder Bucher glücklich über deren Ankunft ist. Von einigen Balkonen des angrenzenden Plattenbau-Gebiets hängen deutsche Flaggen. Die Botschaft kommt an – und erzeugt Angst vor gewaltbereiten Neonazis. Flüchtlinge sorgen sich nicht zuletzt ums Wohl ihrer Kinder. Das Containerdorf wird von einer Sicherheitsfirma bewacht – weil es nötig ist. Vor allem abends kommt es immer wieder zu Provokationen und gezielten Ruhestörungen. So wurde die Polizei wegen Abbrennens von Pyrotechnik in der Nacht zum 7. Mai gerufen. Ein Heimbewohner sowie Mitarbeiter der Sicherheitsfirma hatten gegen 1.30 Uhr mehrere laute Knallgeräusche gehört. Beamte überprüften fünf verdächtige Männer, die die Tatvorwürfe von sich wiesen. Nur Tage zuvor war am Zaun randaliert worden. Die Polizei ist also häufiger vor Ort. Doch die Ursache sind nicht die Flüchtlinge, wie im Vorfeld Anwohner fürchteten. Manfred Nowak vom Unterkunftsbetreiber Arbeiterwohlfahrt stellt klar: „Ein Anstieg der Kriminalität aus Flüchtlingsunterkünften heraus wurde von der Polizei an keinem der über 40 Standorte in Berlin festgestellt. Flüchtlinge sind keine Kriminellen, sondern Menschen, die ihr Leben gerettet und ihre sonstige Existenzgrundlage verloren haben.“

Akzeptanz wächst
Als die ersten Flüchtlinge Ende April – zwei Monate später als geplant – in die neuen Container einzogen, gab es viele Ehrenamtliche, die ihnen mit Schnittchen, Kaffee, Tee und von Kindern gemalten Bildern einen würdigen Empfang bereiteten. Dank Initiativen wie dem Willkommensnetzwerk „Pankow hilft!“ wuchs die Akzeptanz der neuen Nachbarn allmählich. Selbst wenn der gewohnte Weg zum Getränkemarkt nun ums Containerdorf herum ein paar zusätzliche Schritte erfordert und Bäume den Bauarbeiten weichen mussten.
Gemeinschaftsküche, -Duschen und -Toiletten, Zwei- bis Vier-Bettzimmer – verglichen mit dem, was die Flüchtlinge in ihrer Heimat erfahren mussten, bieten die Container menschenwürdige Verhältnisse. Die deutschen Nachbarn werden die Flüchtlinge um diese Art von „Luxus“ dennoch kaum beneiden. Aber die Flüchtlinge sind dankbar. „Gut, gut!“ findet eine Frau aus Bulgarien die Gemeinschaftsküche und achtet peinlichst darauf, diese sauber zu hinterlassen.

Bild gemacht
Beim Tag der offenen Tür machte sich Buch ein Bild von dem nüchternen wie pragmatischen Charme der Container. Auch offensichtliche Rechtsradikale nutzten die Gelegenheit, fotografierten fleißig und waren überrascht von der Offenheit der Unterkunfts-Betreiber. Manfred Nowak berichtet: „Die hatten im Internet schon geschrieben, dass sie hier angeblich nicht herein dürften.“

Möbel erwünscht
Weil Menschen aber nicht nur schlafen und essen, brauchen die Flüchtlinge noch Mobiliar für ihre Aufenthaltsräume. Juliane Willuhn, Leiterin des Refugium Buch, wie die AWO die Container-Unterkunft nennt, sagt: „Wir suchen Tische, Stühle, Sofas für unsere Aufenthaltsräume. Und BVG-Tickets sind immer willkommen.“

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