Zwei Jahre Hellersdorf: Von Flüchtlingen, HipHoppern und der deutschen Mittagsruhe

9.7.15 RBB

Zwei Jahre nach den Ausschreitungen gegen das Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf wird am Freitag im Bezirk wieder eine neue Einrichtung für Asylbewerber vorgestellt. Erneut sind Proteste angekündigt, während es um das Hellersdorfer Heim eher still geworden ist. Ein Gespräch mit Heimleiterin Wohlrabe über Integration, Anpassung und einen fragilen Frieden.

Im Sommer 2013 sorgten Tumulte und Ausschreitungen der NPD und von Anwohnern gegen ein neues Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf bundesweit für Aufsehen. Sogar Bundespräsident Joachim Gauck mahnte damals: „Wir brauchen Bürger, die auf die Straße gehen und den Spinnern ihre Grenzen aufweisen.“ Inzwischen hört man wenig von der Unterkunft, in der jetzt 530 Menschen aus 30 Ländern leben, darunter mehr als 200 Kinder. Ein Gespräch mit Heimleiterin Martina Wohlrabe (52) vom Betreiber PeWoBe.

rbb online: Frau Wohlrabe, Sie waren selbst schon vor Ort, als die Pöbeleien gegen das Flüchtlingsheim in der Carola-Neher-Straße im Sommer 2013 losgingen. Was haben Sie erlebt?

Martina Wohlrabe: Ausgangspunkt war damals die Anwohnerversammlung am 9. Juli, die völlig aus dem Ruder lief. Es nahmen mehr Asylgegner als Anwohner teil, die stören wollten und die üblichen dumpfen Klischees vorbrachten: Flüchtlinge klauen Autos, brechen Wohnungen auf und so weiter. Die Rechten brüllten lautstark „Nein zum Heim“, sie trugen dieselben T-Shirts wie diejenigen, die 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen in Brand setzten. Die Anwohner konnten kaum eine Frage stellen. Das schlug deutschlandweit Wellen.

Am 18. August haben wir das Heim dann eröffnet. Das Gelände war bevölkert mit Polizei, rechten wie linken Demonstranten und mit Reportern. Manche Bewohner, die einzogen, wurden von Kamerateams quer durch die Stadt, von Spandau nach Hellersdorf verfolgt. Mikrofone wurden sogar bis hoch in die Zimmer gehalten.
Polizisten sichern am 20.08.2013 in Berlin-Hellersdorf eine Demonstration der rechtsextremen NPD gegen das Flüchtlingsheim (Quelle: dpa)
Die rechtsextreme NPD demonstriert kurz nach dem Einzug der Flüchtlinge für dem Heim in Hellersdorf.
Einer älteren Dame, die Kleidung spenden wollte, wurde die Tüte aus der Hand gerissen, sie wurde angepöbelt, dass sie sich schämen soll. Manche Ältere haben uns gesagt, dass sie selbst vertrieben wurden, deshalb wissen, wie das ist, und dass sie helfen wollen. Aber dann waren sie völlig verunsichert.
Brandsätze flogen dann auch gegen unsere Scheiben. Böller wurden in das gekippte Fenster zum Waschmaschinenraum gesteckt. Es entstand ärgerlicher Sachschaden, aber wir hatten Glück: Es hätte zum Beispiel auch eine Mutter mit Kindern in dem Raum sein können.
Ich arbeitete seit 1992 in einem Heim für Aussiedler und Flüchtlinge in der Treskowallee und seit 1997 in einem Heim in Marzahn. Aber so viel Hass und Angst wie hier habe ich nirgendwo erlebt.
Polizisten stehen am 24.11.2014 in Berlin vor Demonstranten, die gegen den Bau eines Asylbewerber-Heimes in Berlin-Marzahn sind. (Quelle: dpa)
Über anderthalb Jahre zogen sich die Proteste hin.

Wie erklären Sie sich den Hass?
Wir sind hier in einem Wohngebiet im ärmsten und kinderreichsten Sozialraum im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Das macht es nicht einfach. Außerdem wurden die Anwohner spät informiert. Der Bezirk hat selbst erst spät davon erfahren, denn er hat kaum etwas mit dem Heim zu tun: Das Grundstück gehört dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und der Betreiber ist privat.

Waren die Angreifer Ihrer Einschätzung nach tatsächlich Anwohner – oder Radikale, die von woanders anreisen?
Diejenigen, die die Böller in den Waschmaschinenraum gesteckt hatten, sollen junge Leute gewesen sein. Aber man hat sie ja nicht gefasst. Ob das Anwohner waren? Da ist meine Meinung gespalten. Es gibt viele Mitläufer, Möchtegerns, die meist im alkoholisierten Zustand pöbeln. Auch heute noch. Männlein wie Weiblein. Letztens kam eine etwa 50-jährige Frau ins Haus und sagte: ‚Euch sollte man hier alle vergasen‘. Da ist mir vor Schreck das Telefon aus der Hand gefallen.
Die Pöbeleien geben ja auch ein grausames Bild für die Flüchtlinge ab. Wir haben sie gebeten, während solcher Aktionen im Haus zu bleiben. Wir haben erklärt, wer dort gegen was protestiert. Ein Syrer hat gesagt: „Das interessiert mich nicht. Dort, wo ich herkomme, habe ich so viele Tote gesehen – da habe ich jetzt keine Angst“.

Wie ist die Situation heute?
Die Lage hat sich sehr beruhigt. Wir haben keine größeren Kundgebungen mehr vor dem Haus – die haben sich nach Marzahn verlagert, wo ein neues Containerdorf gebaut wurde. Dort sind auch wieder die üblichen Verdächtigen unterwegs, das sind meist nur fünf oder sechs Leute, die provozieren und andere mitreißen.
Bei uns in Hellersdorf zeigen uns manche Anwohner schon, dass sie uns nicht mögen. Aber es gibt auch sehr viel Hilfsbereitschaft! Leute kommen zu uns und fragen, wie es geht, woran es fehlt, was sie tun können. Gestern kam ein Mann, der 2013 bei den Protesten gegen das Heim einer der lautesten Schreihälse war. Jetzt fragt er, ob er einen Heimplatz für eine Frau bei uns besorgen kann. Ich nehme an, der hat die Frau am Imbissstand kennengelernt. Verblüffend, oder? Ein anderer kam zu uns und hat sich für den Bockmist entschuldigt, den er im alkoholisierten Zustand gebaut hat.
Die Flüchtlinge integrieren sich auch, manche sind bei linken Initiativen organisiert. Ich denke da zum Beispiel an einen 18-jährigen Palästinenser, der sowohl aus Libyen als aus Syrien vertrieben wurde. Der weiß gar nicht, wo er hingehört und will was tun. Arbeiten dürfen die Flüchtlinge ja in den ersten drei Monaten nicht, und einen Anspruch auf einen Deutschkurs gibt es auch nicht.
„Antifaschistische Aktion“ steht am 22.11.2014 in Marzahn-Hellersdorf in Berlin auf einem Transparent (Quelle: imago)
Linke Gegendemonstranten formieren sich

Wie haben Sie – und andere – es geschafft, die Lage zu beruhigen?
Vor allen Dingen, in dem wir alle mit ins Boot genommen haben. Erst gab es ein so genanntes Netzwerktreffen von Bezirk und Parteienvertretern, dann haben wir selbst einen Nachbarschaftsdialog gestartet und alle eingeladen: Schulen, Jugendamt, Stadtteilzentren, Ordnungsamt und viele andere. Der Verein „Hellersdorf hilft“ hat sich gegründet: Sehr viele junge Leute, die Flüchtlinge willkommen heißen, die haben uns Riesenunterstützung gegeben, haben das „LaLoKa“ [Ladenlokal] für Flüchtlinge und Anwohner eröffnet. „‚Die braune Brut haben wir und die HipHopper vertrieben“, hat eine ältere Dame auf einer Versammlung gesagt.
Im September 2014 haben wir dann als Heimleitung erstmals ein Nachbarschaftsfest organisiert. Ich habe selbst mit einer Kollegin über 1.000 Einladungen in Briefkästen gesteckt, damit sie auch wirklich ankommen. Auf dem Fest haben sich viele Dienste vorgestellt, zum Beispiel der Jugendgesundheitsdienst. Das war wichtig, weil oft ein Sozialneid besteht, nach dem Motto: „Für die Flüchtlinge wird Geld ausgegeben, und für uns Deutsche gibt es nichts“. Wir wollten zeigen, dass das nicht so ist. Das war ziemlich erfolgreich. In diesem September veranstalten wir wieder ein Nachbarschaftsfest.

Läuft denn der Alltag mit 530 Flüchtlingen und der Nachbarschaft jetzt fast reibungslos?
Meine Haltung ist: Wenn wir ruhig sind und nicht anecken, ist es ok. Wir haben deshalb zwischen 13 Uhr und 15 Uhr Mittagsruhe, ab 18 Uhr dürfen die Kinder auf dem Hof nicht mehr Ball spielen – auch wenn auf den Bolzplätzen bis 20 Uhr gespielt wird. Ab 20 Uhr gilt bei uns: Kinder und Erwachsene rein ins Haus.
Kartons mit Sachspenden stapeln sich am 05.10.2013 in Berlin vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf. (Bild: dpa)
Beim Verein „Hellersdorf hilft“ kamen 250 Umzugskartons mit Spenden für die Flüchtlinge an.

Und das geht? Bei den vielen Menschen aus südlichen Ländern, die gewohnt sind, viel Zeit draußen zu verbringen, und bei 200 Kindern?
Am Anfang ist das immer schwer. Gerade hatten wir viele Auszüge in eigene Wohnungen, und mit den neuen Bewohnern mussten wir wieder von vorne anfangen. Bei der Hitze lässt man mal ein Fenster aufstehen, und noch ist ja Ramadan, da essen die Leute nachts. Dann wird es schon auch lauter, und Anwohner beschweren sich.
Wir sind außerdem jetzt in einem anderen Gebäude untergebracht als ganz am Anfang, direkt nebenan, und wir haben den Heimeingang von der Carola-Neher- in die Maxie-Wander-Straße verlegt, denn dort ist gegenüber nur freies Feld, keine Wohnhäuser. Das heißt, wenn Leute rein- und rausgehen, stören sie die Nachbarschaft nicht.
Allerdings müsste man die Freifläche dort mal gemeinsam sauber machen. Da laden manche ihren Müll oder Schrott ab. Ich nehme aber an, dass nicht viele Anwohner kommen würden. Viele wollen nicht mit Flüchtlingen gesehen werden. Die kommen auch nicht zu uns auf den Hof. Es könnte ja sein, dass sie jemand fragt: Was machst Du denn am Heim? Da gibt es nach wie vor Berührungsängste.

In Sachsen gab es in dieser Woche scharfe Proteste von Anwohnern gegen Flüchtlinge, in Marzahn wird am neuen Containerdorf ebenfalls demonstriert. Was raten Sie den Leuten dort?
In Marzahn gibt es eine Anwohnersprechstunde bei der Volkssolidarität und dem Sozialpädagogischen Institut (SPI). Das ist gut, denn dadurch kann man vorab viele Bedenken ausräumen. Informationen sind sehr wichtig.
Was den Flüchtlingen sehr helfen würde, wären mehr Ärzte, Therapeuten und mehr Verwaltungsmitarbeiter. Unsere Bewohner müssen bei der Ausländerbehörde, dem Bundesamt und dem Lageso oft acht bis zehn Stunden lang auf einen Termin warten!
Und grundsätzlich ist es besser, es im Kleinen zu versuchen und nicht gleich 500 Flüchtlinge an einen Ort zu schicken. In meiner Heimat in Sachsen-Anhalt leben in einem Nachbarort jetzt 15 Flüchtlinge. Das ganze Dorf hilft bei der Integration.

http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/Zwei-Jahre-nach-Anti-Asyl-Fluechtlinge-Protesten-in-Berlin-Hellersdorf.html