Schulen kämpfen für Aufnahme von Willkommensklassen

19.07.2015 Tagesspiegel
Mehrere Berliner Schulen hatten beantragt, Lerngruppen für neu angekommene Flüchtlingskinder betreuen zu dürfen. Doch sie bekamen Absagen von den Behörden. Damit wollen sich die Schulen nicht abfinden.

Die großen Ferien hatten gerade begonnen, da bekamen die Schulrätin und die Bildungsstadträtin von Steglitz-Zehlendorf Post aus dem Fichtenberg-Gymnasium: „Wir möchten Sie abschließend noch einmal inständig darum ersuchen, unserem Antrag auf eine Willkommensklasse stattzugeben“, hieß es in dem offenen Brief der Schüler aus der AG Kampf gegen Rassismus. Sie sind nicht die Einzigen, die sich um Flüchtlinge kümmern wollen – und nicht dürfen.

Mindestens drei weitere Berliner Schulen sind in der gleichen Lage: Auch die Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem, die Evangelische Schule Berlin-Mitte sowie eine freie Schule in Pankow hatten ihren Bezirken und der Bildungsverwaltung angeboten, Flüchtlingsklassen zu betreuen und erwarteten, dass ihr Engagement begeistert aufgenommen würde. Stattdessen gab es Absagen. Abfinden wollen sich die Schulen damit nicht.
Die Willkommensklassen werden meist in der Nähe von Flüchtlingsheimen aufgemacht. Auch dies ist ein Grund für die ungleichmäßige Verteilung.

„Wir sind mit der Arbeit in Flüchtlingsheimen groß geworden“, begründet die 15-jährige Annika das Engagement der Fichtenberg-Schüler für die Willkommensklasse. Die enge Verbindung zu den Heimen hänge damit zusammen, dass es das Wahlpflichtfach Gesellschaftswissenschaften an ihrer Schule geben. Darum sei in Übereinstimmung mit den Lehrern und mit Schulleiter Rainer Leppin der Wunsch entstanden, eine Willkommensklasse aufzumachen. Mit einem „Nein“hatten sie nicht gerechnet.

Das Argument, dass es keinen Bedarf gebe, lassen die Schüler nicht gelten: Sie schlagen vor, dass man ein oder zwei Willkommensklassen aus anderen Schulen an ihr Gymnasium verlagert: „Wir wissen aus vielen Berichten auch aus Steglitz-Zehlendorf, dass viele Flüchtlinge sich nicht willkommen und integriert fühlen und ihre Isolation, zum Beispiel auf dem Schulhof, beklagen“, heißt es in dem offenen Brief der AG Kampf gegen Rassismus. Die „Fichte“ hingegen sei „gut gerüstet“ für eine Willkommensklasse. Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) habe die Absage damit begründet, dass die Schule wegen der anstehenden Grundsanierung umziehen muss“, berichtet Direktor Rainer Leppin. Aber dieses Argument lässt die Schule nicht gelten, weil der Umzug erst in anderthalb Jahren beginne. „Außerdem könnten die Willkommensklassen doch mit uns umziehen“, schlagen die Schüler vor.

Ähnlich leidenschaftlich kämpft auch die Rudolf-Steiner-Schule um eine Willkommensklasse. Sie hatte in der Vergangenheit bereits Flüchtlinge aus der FU-Sporthalle aufgenommen und damit so gute Erfahrungen gemacht, dass sie ihr Engagement unbedingt fortsetzen wollte. Als auch sie eine Absage bekam, lud die Schülervertretung alle Verantwortlichen der Behörden Ende Juni zu einem Gespräch in die Schule. Auch hier hieß es, dass es zurzeit keinen Bedarf gebe, man aber gern darauf zurückkomme.

Das Argument des „fehlenden Bedarfs“ gibt es auch in Mitte – ausgerechnet in dem Bezirk, in dem gerade erst hunderte Schulplätze für Erstklässler fehlten. „Das hat uns sehr verwundert“, berichtet Frank Olie von der Evangelischen Schulstiftung. Die Evangelische Schule in Mitte hatte sich ebenfalls sehr um eine Willkommensklasse bemüht, liegt aber offenbar in einer Region, in der die Senatsverwaltung für Bildung aktuell keinen Platz für eine Willkommensklasse brauche. Möglicherweise ist das aber nicht das letzte Wort.

„Wir begrüßen die Bereitschaft auch von freien Trägern. Und wir werden darauf auch in Abstimmung mit den Bezirken und der regionalen Schulaufsicht aller Voraussicht nach zurückgreifen“, sagte Behördensprecher Thorsten Metter auf Anfrage. Das gelte für Mitte sowie für die Rudolf-Steiner- Schule. Auch für das Fichtenberg-Gymnasium gibt es noch Hoffnung: „Wir stehen ganz oben in der Prioritätenliste“, berichtet die 15-jährige Annika. Aber eigentlich wollen sie und ihre Mitschüler nicht mehr warten, sondern sofort helfen.

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