Wannsee: Flüchtlinge – ja, bitte!

25.07.2015 Morgenpost

Bürger in Wannsee fordern, die frühere Lungenklinik Heckeshorn endlich als Asylbewerberheim zu nutzen. Seit Jahren wird nur diskutiert.

Manche Berliner haben Vorbehalte, wenn ein Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft eingerichtet wird. Viele Berliner wollen helfen, wenn eine solche Unterkunft in ihrem Kiez öffnet. Dass aber Bürger von den Politikern in Senat und Bezirk geradezu fordern, dass Flüchtlinge nun endlich in einem geeigneten leerstehenden Gebäudekomplex untergebracht werden sollen, das ist neu. So geschieht es gerade im gutsituierten Südwesten Berlins, in Wannsee. Die fragliche Immobilie ist die ehemalige Lungenklinik Heckeshorn.

Sechs Wannseer haben einen Aufruf formuliert, den viele Nachbarn mittragen und bereits unterschrieben haben. Darin weisen sie darauf hin, dass Steglitz-Zehlendorf bei der Bereitstellung von Heimplätzen für Flüchtlinge in der Reihe der Bezirke weit hinten stehe. Unter der Überschrift „Platz für Flüchtlinge in Wannsee“ empfehlen sie die ehemalige Lungenklinik Heckeshorn, die seit acht Jahren weitgehend leer steht.
Appell an die Politik

„Mindestens zwei große Häuser mit wohlausgestatteten Patientenzimmern, Gemeinschaftsflächen und guter technischer Infrastruktur wären für die Unterbringung einer größeren Zahl von Flüchtlingen mit Hilfe eines professionellen Heimbetreibers kurzfristig geeignet“, schreiben die Bürger.

Zudem gebe es in Wannsee viele Menschen, die die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft nicht nur akzeptierten, sondern diese auch persönlich unterstützen wollten. Die Bürger wollten dazu beitragen, „dass den Flüchtlingen in der Fremde Wohnraum und soziales Umfeld geboten wird, wo sie sich aufgenommen fühlen und auf ihr weiteres Leben und Arbeiten in unserer Gesellschaft vorbereiten können“, heißt es in dem Aufruf. Daher appellierten sie an die Politik „die schon lange diskutierte Nutzung von Gebäuden der ehemaligen Lungenklinik angesichts des großen Bedarfs jetzt unverzüglich in Angriff zu nehmen“.
Sozialverwaltung stimmt zu

Die Unterzeichner berufen sich zudem darauf, dass der von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) eingesetzte „Beirat für Zusammenhalt“ die ehemalige Lungenklinik ebenfalls für geeignet hält, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Dem widerspricht die Senatssozialverwaltung auch nicht. Im Gegenteil, der Komplex in Heckeshorn gehört zu den fünf landeseigenen Immobilien, die vorrangig von der ebenfalls landeseigenen Berliner Immobilien Management (BIM) saniert und als Flüchtlingsunterkünfte hergerichtet werden sollen.

Die anderen liegen an der Eschenallee in Westend (Charlottenburg-Wilmersdorf), der Adalbert­straße in Mitte, der Avenue Charles de Gaulle in Wittenau (Reinickendorf) und am Kladower Damm in Kladow (Spandau). Damit die BIM tätig werden könne, müsse aber zunächst ein Vertrag mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) geschlossen werden, der ihre Leistungen für das Lageso definiert, erläuterte Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle.
2016 sollen Flüchtlinge einziehen

Das Lageso ist in Berlin zuständig für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge. Dieser sogenannte Geschäftsbesorgungsvertrag werde derzeit verhandelt, so Gerstle. Er geht davon aus, dass die BIM noch in diesem Jahr mit notwendigen Arbeiten in der ehemaligen Lungenklinik Heckeshorn beginnen könne, im kommenden Jahr könnten dann Flüchtlinge einziehen. Wie viele, das ist noch unklar. Mehrere Hundert bestimmt. Die Unterzeichner des Aufrufs wollen sich auch gar nicht festlegen, wie viele Asylbewerber auf dem riesigen Gelände leben könnten. Das überlasse man erst einmal den Fachleuten , sagten sie

Die Asylsuchenden werden dann auf ein ökumenisches Willkommensbündnis von Wannseern treffen, das bereits seit mehreren Monaten aktiv ist und auf weit mehr als 100 Mitstreiter zählen kann. Es wurde von den drei örtlichen Gemeinden der evangelischen und der katholischen Kirche sowie der Adventisten initiiert. Bei einem Treffen vor gut zwei Wochen haben etwa 70 Teilnehmer festgehalten, wie sie die Flüchtlinge konkret unterstützen wollen, etwa mit Patenschaften oder medizinischer Beratung, durch Schulunterricht, Hilfe bei Verwaltungsgängen oder mit Sportangeboten wie einer Laufgruppe.

Das Willkommensbündnis ist nicht Träger des Aufrufs, die Lungenklinik als Heim zu nutzen. Aber es gibt viele Menschen, die in beiden Netzwerken aktiv sind. Und auch die Kirchengemeinden halten den Standort für perfekt, weil er viel Platz biete, schön an Wald und Wasser liege und eine gute Nachbarschaft vorhanden sei, in der viele helfen wollten.
Behörde wird neu organisiert

Die für Flüchtlinge zuständigen Abteilungen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales sollen grundlegend neu organisiert werden. Als erste Konsequenz aus einem Bericht externer Wirtschaftsprüfer machte Sozialsenator Mario Czaja die für die Unterbringung der Asylbewerber zuständige Leitstelle zu einem eigenen Referat. Sie ist zwar noch Teil des Lageso, untersteht aber nicht mehr dem Präsidenten Franz Allert. Verantwortlichkeiten und Dienstwege sowie die Auswahl von Immobilien und Betreibern werden völlig neu geordnet.

Dazu wird das Personal bis Anfang kommenden Jahres von jetzt gut 30 auf 51 Mitarbeiter aufgestockt. Der Bereich, der für die Leistungen, die Asylbewerber erhalten, zuständig ist, bleibt Allert unterstellt. Auch dort sollen künftig mehr Mitarbeiter tätig sein, etwa 130 statt der jetzt 100. Die Beschäftigten dort arbeiten seit Monaten an ihrer Leistungsgrenze, Arbeitstage von zwölf Stunden sind längst keine Ausnahmen mehr.

http://www.morgenpost.de/berlin/article205500925/Fluechtlinge-ja-bitte-Buerger-wollen-Heim-in-ihrem-Kiez.html